Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1885)
- Date
- 1885-10-27
- Page
- Seite 699 (sequence 3)
- Language
- German
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699 mittellos, und wurden nun in den betreffenden Gemeinden1 Zahl anlocken solle, theils durch Stiftungen, deren jedoch nur wenige vorhanden, selbst ausgesprochen, sonst durch Privatwohlthätigkeit unterhalten, was jedoch in höchst dürftiger Weise geschah. Die Jeschiboth sind in den westlichen und mittleren Ländern Europa's verschwunden, und die Schüler der an ihre Stelle getretenen Rabbiner-Seminare werden in mehr oder weniger genügendem Maße durch Stipendien-Stiftungen und Gemeindebeiträge unterhalten. Anders sieht es nun mit den Studierenden in den nichttheologischen Fächern aus. Es giebt jetzt wohl keine Universität, an welcher nicht eine große Zahl jüdischer Jünglinge Medicin, Jurisprudenz, Philologie. Naturmiffenschaften, Philosophie, Mathemathik und Technik studirt. Daß dies auch von Bemittelten geschieht, ist gewiß, aber nicht minder, daß die Mehrzahl aus den ärmeren Klaffen hervorzugehen pflegt. Wie verhält es sich nun um diese Letzteren? Wir müffen gestehen, noch sehr kärglich. Die Fürsorge für die Unterstützung mittelloser jüdischer Studirenden ist noch äußerst beschränkt, und dies fällt um so mehr in's Gewicht, als mit sehr geringer Ausnahme die Stipendien an den Universitäten eine confessionelle Bestimmung haben, sodaß die Juden ausgeschloffen sind. Sind demnach die letzteren auf Privatwohlthätigkeit, Unterrichtgeben u. dergl. angewiesen, so reicht eben die erstere nicht aus. das zweite Mittel findet wiederum seine Beschränkung in der Confession. So ist das Schicksal vieler dieser Jünglinge ein sehr hartes, und sie erreichen ihr Ziel oft nur auf dem Wege äußerster Entbehrungen und auf Kosten ihrer Gesundheit. Trotz aller Anregungen wollen Stipendienvereine und -Stiftungen nur sehr langsam anwachsen. Der älteste derartige Verein ist der Adolf-Verein in Berlin (nach dem Stifter so genannt), der gewiß segensreich wirkt, indeß besitzen wir darüber keine Kunde, weil er unseres Wiffens keine Berichte veröffentlicht. Der Wiener Verein hat, wie wir bercits bemerkt, sein 24. Jahr zurückgelegt. Außerdem besteht eine Rieser-Stiftung, eine Goldschmidt-Stiftung und vielleicht noch einige andere. Ihre Mittel reichen aber nicht weit, sodaß die Zahl ihrer Stipendiaten nur gering ist. Im Rheinlande besteht die Einrichtung, daß für die verschiedenen Confessionen an der Universität Bonn jährlich eine Kirchencollecte veranstaltet wird. Da nun in den Synagogen am Sabbath nicht gesammelt werden darf, so versendet das Curatorium der Universität jährlich Aufforderungen an die Vorstände der jüdischen Gemeinden, eine Sammlung für die jüdischen Studirenden anzustellen, was von gutem Erfolge begleitet zu sein pflegt. Wir wissen nicht, ob dies auch an anderen Universitäten der Fall ist. Zwei Einwände gegen die Unterstützung der Studirenden sind es, die man gewöhnlich zu hören bekommt. Zuerst, daß schon viel zn viel arme jüdische Jünglinge sich zum Studium vorbereiten und einstellen, als daß man durch genügende Unterstützung eine noch größere Die Widerlegung liegt im Einwande Denn wenn der Mangel an Unterstützung bis jetzt diesen vermeintlichen Andrang zum Studium nicht verhindert hat, warum sollte er es in Zukunft thun? Der zweite Grund, warum viele Juden der Aufforderung zu dieser Wohlthätigkeit kalt gegenüberstehen, ist, daß das Studium der verschiedenen Wissenschaften viele Jünger derselben dem Judenthume entfremdet und die besonderen actuellen Verhältnisse sie sogar zum Abfall vom Judenthume vielfach verleitet haben sollen. Dem müffen wir entgegnen, daß, was das letztere Moment betrifft, wir auf ihre Besserung auf dem staatlichen Gebiete rechnen dürfen, daß ferner die religiöse Ueberzeugung unserer Jugend sowohl durch die Reform des Judenthumes, als auch durch die angestrebte Hebung des Religionsunterrichtes eine immer festere werden wird. Aber abgesehen hiervon, muß es gerade unser Bestreben sein, durch die gespendeten Wohlthaten die Anhänglichkeit der Jugend an ihre väterliche Glaubensgenoffenschaft zu stärken, statt daß man sie gegenwärtig noch immer hülflos und ihrem traurigen Schicksal anheimfallen läßt. Ueber allem diesem steht aber die Verpflichtung, unbemittelten, talentirten Jünglingen den Weg zu einem wissenschaftlichen Ziele und Berufe möglichst zu erleichtern und sie vor den schwersten Entbehrungen zu schützen. Der angeführte Jahresbericht giebt für unsere obigen Auslassungen genügenden Beleg. Der Verein zählt blos! 132 Mitglieder mit fl. 1474! Sicher für den großen Kaiserstaat ein armseliges Resultat! Allerdings kommen an Spenden fl. 890 und an Zinsen 1269 hinzu, sodaß mit 401 fl. Kafsenbestand dem Verein für das verflossene Jahr fl. 4034 zu Gebote standen, von welchen fl. 461 an Kassenbestand übrig geblieben. Die Wiener Universität wird sehr stark von jüdischen Studirenden besucht. Es liefen deshalb bei dem Vorstande 525 Gesuche um Unterstützungen ein, und hiervon konnten nur 305 berücksichtigt werden und, wie der Vorstand im Berichte sagt, „auch diese konnten wir nicht in der Weise bedenken, wie es wünschenswerth gewesen wäre." Dem Baterlande nach waren 8 aus Wien, 2 aus Niederösterreich, 108 aus Galizien, 87 aus Ungarn, 53 aus Mähren, 25 aus Böhmen, 16 aus der Bukowina, 6 aus Rumänien, 4 aus österr. Schlesien, je 2 aus Kroatien und Siebenbürgen und je Einer aus Oberösterreich und Nordamerika. Um so mehr muß man sich verwundern, daß der Verein nur Mitglieder aus Wien Hot, und die übrigen Kronländer keine Beiträge für den Verein liefern — eine wahre Schande für dieselben. Ter Verein unterstützte 67 Juristen. 165 Mediciner, 4 Philosophen, 45 Studirende der Technik, 7 Pharmaceuten und 17 Veterinäre. Die Unterstützungen unterscheiden sich als solche und als Beiträge für die Kosten der Collegien, Rigorosen und Promotionen; die ersteren beliefen sich auf fl. 5 bis 20, die anderen bis auf 50, was Alles das Ungenügende 44*