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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 698

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 698 (sequence 2)
Language
German
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6S8 gefunden, sich auf Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland! schien. Die Excefse wurden unterdrückt; brachten es bei den und Rumänien beschränken. Denn die übrigen kleinen Balkanj Wahlen die Antisemiten bis zu 20 Mitgliedern des Abstaaten haben mehr oder weniger die Bestimmungen derBerliner geordnetenhauses, so spalteten diese sich doch in Fractiönchen. Congreßacte zur Ausführung gebracht. Was nun Deutsch- Hatten sie im Parlamente keine Erfolge, so gaben sie doch land betrifft, so hat man in Rußland und Ungarn es oft j genug ausgesprochen, daß das antisemitische Gift von Deutsch- > land her importirt.worden sei. Hiergegen hat Jstoczy mit! Recht protestirt, da er lange Zeit vor Stöcker seine Diatriben I gegen die Juden im ungarischen Abgeordnetenhause, wenn auch! immer mit Gelächter überschüttet, losgelaffen habe. Doch muß man zugeben, daß die antisemitische Agitation in Ungarn erst in demselben ihrem Hasse den ausgedehntesten Ausdruck, und in keinem Parlamente der Welt wurde so viel und so oft antisemitisches Zeug geschwatzt, als in dem ungarischen. Es ging jedoch hiermit wie mit der antisemitischen Literatur in Deutschland. Durch das Uebermaß und die ewigen Wiederholungen stumpfte sich der Geschmack daran und die Wirkung ab, man wurde ihrer satt und achtet weniger darauf. In recht in Fluß gekommen, nachdem sie in Deutschland nicht! Rußland hatten die Juden das Mißgeschick, daß das Erohne Erfolg operirt hatte. Demungeachtet darf man nicht! wachen des antisemitischen Geistes auf das Regiment Jgnavergeffen, daß mit geringer Ausnahme Alles, was iu Deutsch-! tiew traf, und gerade die sogenannte gebildete Gesellschaft land auf Intelligenz und Celebrität Anspruch macht, sich! judengehässig gesinnt war. wozu der bei Weitem größte Theil gegen diese Agitation erklärte, daß ihr, wiederum mit nur! der russischen Presse seit Jahren Stoff und Anregung gegeben geringer Ausnahme, kein namhafter Mann sich anschloß, und! hatte. Wenn nun auch der Nachfolger Jgnatiew's die traudaß sie nur in einigen pommerschen und westpreußischen Städtchen es zu Exceffen brachte, welchen sofort Regierung und Strafrichter Schranken setzten. Schließlich charakterisirte sie sich vorzugsweise als Wahlmanöver, das gerade in Berlin keinen Erfolg hatte, so daß sie mit der Zeit ohne die bisherigen Geldunterstützungen blieb und allen Credit verlor. Wir wollen nicht leugnen, daß in Deutschland die antisemitische Gesinnung noch einen ausgedehnten Bodeu inne hat. rigen Exceffe, welche viele Tausende russischer Juden über die Grenze trieben und zu Flüchtlingen machte, unterdrückte, so blieb doch in Gesetzgebung und Verwaltung die antisemitische Tendenz herrschend, und ließ selbst die, die Juden erdrückenden sog. provisorischen Reglements Jgnatiew's bestehen. Rußland und Rumänien sind die einzigen Länder, in welchen der Antisemitismus die staatliche Gesetzgebung noch heute leitet. Dies ist die unparteiische Darlegung des Verlaufes daß diese hierdurch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und dieser trübseligen Agitation, welche der Geschichte des 10. Jahrnamentlich aus die Anstellung und Förderung von Juden in den öffentlichen Aemtern Einfluß ubt — aber als Agitation nnd Partei steht der Antisemitismus gegenwärtig auf dem Aussterbeetat. Erst später machte er seine Versuche im cisleithanifchen Oesterreich. Hier traf er jedoch auf eine so intensive Fehde der Nationalitäten, auf ein so gewaltiges Ringen derselben um die Obmacht, daß er selbst nur geringes Terrain erlangen konnte. Die innere Politik ist in Oesterreich in solcher Gährung, daß man einem verhältnißmäßig so geringen Streitobjecte keine Aufmerksamkeit widmen konnte. Dies that sich auch bei den jüngsten Wahlen kund, wo nur drei ausgesprochene Antisemiten gewählt wurden und zwar nicht um dieser ihrer Tendenz willen. Biel schwerer und trauriger wogte der antisemitische Kampf im Magyarenlande, wo die parlamentarische Regierung und die alten verrotteten Zustände in der Sicherheitspolizei und der Rechtspflege der Aufhetzung des Pöbels einen allzu großen Spielraum gewährten. Hier trug deshalb der Antisemitismus traurige Früchte. Hingegen muß man der ungarischen Regierung die Anerkennung hnnderts einen so dunkeln Fleck angeheftet hat. Jedenfalls ist durch dieselbe die Prahlerei der Antisemiten in die Grenzen der Wahrheit gebracht, und das Terrain nachgewiesen, auf welchem sie sich eine Zeit lang getummelt hat. Die Ansicht, die wir von Beginn derselben über sie hatten, über ihre Dauer und Wirksamkeit, hat sich glücklicherweise völlig bestätigt: es war kein Optimismus, der sie uns eingab, sondern die Einsicht in die Geschichte und das Wesen der Menschheit. Wohlthälige Werke. HI. Wir empfingen den 24. Jahresbericht des „Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien" und der Jnhalr dieses Berichtes veranlaßt uns diesmal, in den Gegenstand etwas näher einzugehen. Die Unterstützung mittelloser Studirender ist ein neuer Zweig der Wohlthätigkeit für unsere Glaubensgenoffen. Ehemals bezollen, daß sie — was in andern Ländern nicht geschehen — schränkte sich das Studium der jüdischen Jugend auf den sich von Anfang an entschieden gegen die antisemitische Agi-! Rabbiniswus; hierfür bestanden die Jeschiboth, zu welchen tation erklärte, daß deshalb auch die große Regierungspartei, i die lernbegierigen Jünglinge je nach dem Rufe und Ansehen sowie die gemäßigte Opposition gegen jene Front machten,! des oder der Lehrer, welche an einer Jeschibah docirten, und nur die äußerste Linke in einen: zweifelhafteu Lichte erj strömten. Diese Jünglinge (Bochurim) waren meist durchaus

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