Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 694 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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694 Niederlanden, Frankreich und OesterreichUngarn stammenden Naturalisirten. Und was die Hauptsache ist: bei allen diesen Zahlen fehlt die Angabe, wie viele von diesen naturalifirten Einwanderern Juden und wie viele Christen waren? Sind das nun Verhältnisse, welche für das Deutsche Reich mit seinen 45 Millionen Einwohnern, mit seinen hunderttausenden von Auswanderern irgend etwas Bedrohliches haben? Daß sich unter den jüdischen Einwanderern manche höchst unwillkommene und unbequeme Elemente befinden, wird kein Bewohner unserer östlichen Provinzen leugnen. Ta giebt es heimathlose Vagabunden, Taschendiebe, die die Bahnhöfe der Ostbahn unsicher machen, sogenannte Schnorrer, die ihre Glaubensgenossen in den preußischen Städten auf die unverschämteste Art brandschatzen, indem sie unter Berufung auf das religiöse Gebot der Wohlthätigkeit erkleckliche Almosen als einen ihnen gebührenden Tribut in Anspruch nehmen. Aber alle diese unsauberen Geister zusammen bilden doch nur einen Bruchtheil des Ganzen. Die Mehrzahl besteht aus Geschäftsleuten, welche sich durch Mäßigkeit, Sparsamkeit, Fleiß und Rührigkeit auszeichnen, und was die Ehrlichkeit anbetrisft, nicht unter dem Durchschnitte unserer christlichen Kaufleute stehen. Unsauberkeit, Bigotterie und manches Borurtheil bringen jene Einwanderer wohl aus ihrer früheren Heimath mit; aber wenn sie nicht in zu vorgerücktem Alter ankommen, schleifen sich diese Übeln Eigenschaften verhältnißmäßig schnell an der deutschen Cultur ab, bis auf die Bigotterie, die am festesten hastet. Ihre Kinder zeigen sich aber selbst in dieser Hinsicht schon empfänglicher für moderne Anschauungen und spätestens die dritte Generation denkt und fühlt ganz, wie ihre deutschen Mitbürger. Die Umgangssprache, welche sie mitbringen, ist ein arg corrumpirtes Deutsch, schlecht ausgesprochen, durchsetzt mit hebräischen und polnischen Ausdrücken, so daß sie nur der Kenner verstehen kann; sie läutert sich binnen wenigen Jahren. Geschäftsbriefe werden anfänglich noch in hebräischer Sprache abgefaßt; auch hier treten bald die lebenden Sprachen, Deutsch oder Russisch, an die Stelle. Bei der nächsten Generation ist das Hebräische schon vollständig zur todten Sprache geworden. welche nur noch zum Berständniß der Gebete und gottesdienstlichen Gebräuche durch besonderen Unterricht erlernt wird, gerade wie bei Katholiken das Lateinische. Ja bekanntlich giebt es unter den modernen Juden eine nicht ganz kleine Partei, die sogenannten Reformjudeu, die auch beim Gottesdienste das todte Hebräisch durch die Landessprache ersetzen will. Wenn ihre Bestrebungen noch keinen durchgreifenden Erfolg gehabt haben, so theilen sie dies Schicksal mit dem gleichartigen der Christ- und Altkathvliken. Mit der Kenntniß und dem täglichen Gebrauche der hebräischen Sprache, aber noch schneller, wie mir scheint, schwindet auch der Einfluß des. Talmud und die ihm gezollte Verehrung. Man sieht sehr bald ein, daß der Talmud eigentlich gar kein Gesetzbuch sei, sondern nur eine Sammlung gelehrter Commentare, die in ihren beiden Hauptgestalten, der von Jerusalem und der von Babylon garnicht einmal übereinfiimmen. In der jüngeren Generation findet sich dann unter Tausend kaum einer, der jemals einen Talmud gesehen hätte. Die Speisegesetze werden noch einigermaßen beobachtet, aber theils aus Rücksicht auf die Eltern, theils aus alter Gewohnheit, die den Geschmack bestimmt. Ich kenne die Gemarah nicht genug, um zu wissen, ob wirklich alle die gehässigen und fanatischen Aeußerungen darin stehen, welche Rohling und andere Judenfeinde herausgesucht haben. Wer aber derartige Bruchstücke aus jenen vor 13 bis 15 Jahrhunderten in Roth und Verfolgung zusammengestellten Schriften den heuttgen Juden vorhält, verfährt noch ungerechter und unlogischer, als wer unseren katholischen Mitbürgern die Greuel der Albigenserkriege und der Inquisition und uns selbst die Hexenprozesse zum Borwurfe machen wollte. In dem Maße also, wie die Juden sich modernifiren, verblassen bei ihnen die überlieferten Glaubenssätze, welche die mosaische Religion als eine Bolksreligion charakterifiren und es schält sich aus der Hülle immer mehr der rein sittliche Kern heraus, der allen höher entwickelten Religionen gemeinsam ist. Freilich geschieht von diesem reinen Deismus, von diesem Abstreifen jeglichen Kirchenthums der Sprung sehr leicht zur absoluten Glaubenslosigkeit, zur frivolen Religionsspötterei, die deshalb so gefährlich ist, weil sie bei unmündigen, im Denken ungeschulten Geistern jedes sittliche Fundament untergräbt. Man muß zugeben, daß so manche unserer modernen Juden diesen Abweg nicht vermeiden. Aber hat es denn der Spötter Heinrich Heine am Ende ärger gettieben, als der katholisch erzogene Voltaire und seine hunderttausend Nachtreter schon vor hundert Jahren? Nicht alle Juden, welche von Osten zu uns einwandern, hat die materielle Noth und der Erwerbsttieb dazu veranlaßt. Es giebt nicht wenige darunter, welche die unübersteiglichen Hindernisse, in Rußland für sich selbst oder für ihre Kinder eine höhere Bildung zu erlangen, von dort vertrieben haben. Nicht blos unter dem Czaren Nicolaus, der ganz nach dem Herzen Minnigerodes die Armee als die eigentliche Schule des Volkes ansah, sondern bis in die allerneueste Zeit hinein, auf Tolstois und Pobjedonohzews Betreiben, ist dort leine Reihe von Ukasen ergangen, welche sowohl im allgemeinen den Zuttitt zu den höheren Lehranstatten erschwerten, als besonders den Juden die Ausübung solcher Berufsarten verschränkten, die eine wissenschaftliche Vorbildung erheischen. Während die medizinischen Fächer doch fast allein den Juden offen gelassen waren, wurde ihnen einmal der Bettieb von Apotheken verboten, ein anderesmal verfügt, daß unter den