Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 693 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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693 genoffen) der jüdischen Freiküche, des Hauses des jüdischen Commis-Bereins! Welche begeisterte und begeisternde Reden hielt er bei diesen feierlichen Gelegenheiten. Seine Gedächtnißrede am Begräbnißtage des in Gott ruhenden Kaisers Alexander II., seine Dankrede auf die Heimgegangene Fürstin Woronzoff, wie auf den verstorbenen hiesigen Erzbischof Dimitry sind Muster der Beredtsamkeit und hatten actuelle Erfolge. vr. Schwabacher war es, der bei der Nachricht vom Ableben des obenerwähnten Erzbischofes Dimitry in einer Versammlung der Gemeindemitglieder den Antrag stellte, daß sich das Rabbinat offiziell mit einem Kranze im Namen der Gemeinde an der Leichenfeierlichkeit betheiligen solle, und dieser Schritt machte auf das russische Volk einen sehr günstigen Eindruck. Während der langen Zeit seiner Wirksamkeit wußte sich vr. Schwabacher die Liebe und Achtung nicht nur seiner Gemeinde. sondern auch Andersgläubiger und das volle Vertrauen der hohen kaiserlichen russischen Regierung zu erwerben. Beweis für das Ersiere zeigt je drei Jahre Wiederwahl auf diesen Posten, Beweis fürs Letztere zeigen die hohen Orden wie der werthvolle Diamantring, der ihm von der kaiserlichen Huld zu Theil wurde. Er war der Erste hier in Südrußland, der den Stand des Rabbiners wieder zu Ehren brachte. Seine Persönlichkeit, wie sein tactvolles Auftreten im Verkehr mit den höchsten Regierungsbeamten flößten Letzteren unwillkürlich Achtung ein und brachte denselben eine ganz andere Meinung über jüdische Rabbinen bei. Sie waren es bis dahin nicht gewöhnt, mit einem Geistlichen der jüdischen Gemeinde zu verkehren, der Universitätsstudien gemacht und der ein europäisch gebildeter Mann ist. Man kann die Wichtigkeit gerade dieses Momentes nicht genug schätzen. Wir begnügen uns mit dieser kurz gefaßten Skizze, welche ein künftiger Biograph auszufüllen, reiches Material hat. L. T. Bonn, 11. Okt. (Notizen.) Aus N. Endingen in der Schweiz wird uns geschrieben: Der 27. d. M. verschied im Alter von 67 Jahren unser emer. Oberlehrer Jacob B o l l a g, der, nachdem er 45 Jahre an unserer Schule segensreich gewirkt, vor ca. drei Viertel Jahren in den Ruhestand getreten war. Mit ihm wurde einer der Bahnbrecher der Cultur und Bildung unter den schweizerischen Israeliten zu Grabe getragen. Jeuitleton. Die polnischen Juden. Bon Prof. Möller in Königsberg. Mitglied des Reichstages. (Aus der Wochenschrift „Die Nation" vom 12., 19. und 26. Sept.) H. Im ersten Artikel schilderte ich in Umriffen den Zustand, in welchem wir die Juden in Rußland, Polen, Ungarn, Rumänien noch gegenwärtig finden, in welchem wir uns auch die deutschen Juden in nicht zu ferner Vergangenheit zu denken haben. Denn ich glaube nach dem Maßstabe, den meine eigene über ein halbes Jahrhundert zurückreichende Erinnerung mir an die Hand giebt, sowie nach den in der Literatur aufbewahrten Zeugnissen annehmen zu dürfen, daß die Modernifirung unserer Juden erst seit dem vielverlästerten Jahrhundert der Aufklärung, seit den Zeiten eines Moses Mendelssohn und Markus Herz, also seit wenig mehr als hundert Jahren begonnen hat — für die Umwandlung eines fest ausgeprägten Bolkstypus eine gar kurze Spanne Zeit! Und doch hat sich der der deutschen Juden ganz außerordentlich zu ihremBortheil verändert, wenn ihm auch gewisse Grundzüge noch geblieben find — gewiß ein bedeutsames Zeichen sowohl für die Bildsamkeit und Anpassungsfähigkeit der Juden, wie für den befruchtenden Einfluß der deutschen Cultur und die Assimilationskraft unserer Nationalität! Ja, wer diese beiden Momente in ihrer Wechselwirkung recht augenfällig sehen will, der möge die Veränderungen beachten, welche an den aus Rußland nach Deutschland einwandernden Juden und ihren nächsten Abkömmlingen zu Tage treten. Ein Schriftsteller von dem Range H. von Treitschke's sollte sich hüten, über diese Einwanderung in der höhnischen und dabei mit den Thatsachen in Widerspruch stehenden Weise zu reden, wie er es thut, wenn er dieselbe als eine soziale Gefahr für Deutschland darstellt, wenn er von der „unerschöpflichen polnischen Wiege" spricht, aus der die „strebsamen, hosenverkaufenden Jünglinge" massenweise über unsere Ostgrenze Hereinströmen. Ginge nicht bei Treitschke der blinde Haß mit dem ruhigen Urtheil durch, wie ihm leider nicht selten geschieht, so hätte ihn die Statistik beruhigen können. Im Jahre 1883 kamen auf 3611 naturalisirte Ausländer nur 290 aus Rußland (natürlich mit Einschluß der polnischen Landestheile), 1882 auf 3880 nur 321 aus Rußland. In dem Jahrzehnt vorher ist die Anzahl der naturalisirten Russen durchschnittlich etwas größer: sie schwankt zwischen 400 und 1100, wird aber übertroffen von der Zahl der aus den