Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 691 (sequence 11)
- Language
- German
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691 eine Wiederwahl abgelehnt. Als conservative Candidaten find deshalb Stöcker, Meyer und ein anderer Hofbefitzer ausgestellt. Die hiesigen Nationalliberalen sind hierdurch in Verlegenheit gebracht und trugen deshalb den Conservativen einen Compromiß an, der dahin gehen sollte, daß sie für die conservativen Candidaten mitstimmen wollten, wenn man Stöcker fallen lasse. Die Conservativen wiesen diesen Antrag vollständig ab. Was werden nun die Nationalliberalen thun? Sie find hier wie in Berlin vor die Wahl gestellt, entweder Stöcker oder einem Fortschrittscandidaten ihre Stimme zu geben. Bekanntlich haben die Nationalliberalen in Siegen, aus Feindschaft gegen den Fortschrittscandidaten, Stöcker in den Reichstag gebracht. Wird sich dies wiederholen? Die Conservativen muffen doch auf die schließliche Zustimmung der Nationalliberalen rechnen, denn sie allein könnten, wenn sich die Nationalliberalen und Fortschrittler vereinigten, ihre Wahlen nicht durchsetzen. Es giebt Leute, welche jedes Wort gegen die Nationalliberalen sehr übel aufnehmen — aber hier liegen doch Thatsachen vor, die nicht wegzuleugnen find. Siegen und Bielefeld bilden eine Signatur, welche nur diejenigen befriedigen kann, die das Aufgehen der Nationalliberalen in die conservative Partei, sei es auch durch die Zwischenstation der Freiconservativen, bezeichnet. Pose«, 7. October. (Privatmitth.) Das hiesige „Hilsscomits für die jüdischen Ausgewiesenen der Stadt Posen" hat für 24 Personen resp. Familien die Prolongation nachgesucht und find hiervon 22 Gesuche berücksichtigt und 2 abgelehnt worden. Auch direct, nicht durch das Comits, an die königl. Behörde gerichteten Prolongationsgesuchcn ist zum > Ruczka wies speciell auf die Antisemiten hin, die möglicher ruhig ihrem Gewerbe nachgegangen find, auf denen auch nicht der leiseste Verdacht haftet, daß sie sich an einer derartigen Propaganda betheiligt hätten. Es bleibt also nur die Erklärung übrig, so unglaublich sie auch scheinen mag. daß es sich um einen neuen Auswuchs unserer Wirthschaftspolitik handle, die unter dem Borwande des Schutzes der nationalen Arbeit schon so viele sonderbare Blüthen getrieben und Boruriheile auferweckt hat, die man längst für begraben hielt. Nun muß man doch zunächst fragen: wem haben denn alte Damen, die hier von ihren Renten gelebt, den Erwerb geschmälert, oder die Waisenkinder, die auch ausgewiesen werden sollen? Wie aber würde es erst mit der nationalen Arbeit aussehen, wenn Rußland, wenn Oesterreich-Ungarn den Spieß umkehrten und die Deutschen, die dort ihr Brot finden, auswiesen?" Nach einer längeren Discussion nahm die Versammlung den Antrag mit 50 gegen 22 Stimmen an. Der Magistrat aber hat ihn abgelehnt. - Ter russische Minister v. Gi ers versicherte bei seiner Durchreise dem Geh. Commerzienrath Simon, daß die Ausgewiesenen in Rußland gut ausgenommen werden würden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. Oktober. Im Polenclub wurde dieser Tage der Antrag gestellt, den Demokraten wenigstens eine Stelle im Petitionsausschuffe einzuräumen, wobei von mehreren Abgeordneten, insbesondere vom Abgeordneten Ruczka, hervorgehoben wurde, daß eine weitergehende Concession wegen der anderen kleinen Fractionen unmöglich sei. Abgeordneter Theil entsprochen worden. Die Gesuche lauteten alle „bis mindestens zum 1. April 1886"; den Betreffenden wurde von der königl. Polizeibehörde mündlich eröffnet, daß sie auf ihr Gesuch bis auf Weiteres hier bleiben dürfen; Einigen jedoch wurde ausdrücklich bemerkt, „bis zum 1. April 1886"; eine schriftliche Prolongation erhielt Niemand. — Es sind bereits mehrere hiesige Familien und einzelne Personen ausgewandert. B. Königsberg i. Pr., 7. October. In der hiesigen Stadtverordnetenversammlung trug Prof. Möller darauf an, die Versammlung möge den Magistrat ersuchen, bei dem Ministerium des Innern um Sistirung der Ausweisungen vorstellig zu werden. Aus der Rede, mit welcher Prof. Möller diesen Antrag begründete, heben wir hervor: „Den Sinn dieser Maßregel, gestehe ich, begreife ich weder selbst noch habe ich von irgend Jemand eine vernünftige Erklärung derselben gehört. Anfänglich schien es, als sei sie gegen die polnische Propaganda gerichtet, und das hätte man auch verstehen können. Nun aber sind Hunderte von jüdischen Kaufleuten und Gewerbetreibenden betroffen, die hier seit Jahren Weise auch eine Vertretung in den Ausschüffen verlangen könnten, was er beispielsweise für den Petitionsausschuß, deffen vieljähriger Obmann er gewesen sei, verhütet wisien möchte. Canonicus Ruczka warnte in einer wirkungsvollen Rede, die im Club einen nachhaltigen Eindruck erzielte, vor einer jeden, selbst oberflächlichsten Verbindung mit den Antisemiten, deren verwerfliche Tendenzen der Redner mit den schärfsten Worten geißelte. Nie und niemals werde er es zugeben — und er hoffe, sich diesbezüglich in Uebereinstimmung mit dem Club zu befinden — daß die bürgerlichen Rechte und Freiheiten für die eine oder andere Nation oder Confession aufgehoben oder auch nur eingeschränkt werden. „Als Christ und Geistlicher", rief Canonicus Ruczka aus, „habe ich den Antisemitismus stets verdammt; denn zwischen den Antisemiten und den echten Christen besteht eine Kluft, die nie und nimmer überbrückt werden kann." Der Redner wies schließlich auf die Gefahren hin, die durch die Wahl eines Antisemiten in den Petitionsausschuß entstehen könnten, und aus die Unzukömmlichkeiten, wenn einem solchen ein Referat würde übertragen werden. 4L*