Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 685 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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685 macher im Original zu studiren, noch selbst Gelegenheit hat, durch gute Uebersetzungen den angeblich einzigen „Boden der Versöhnung" der verschiedenen Confesstonen kennen zu lernen. Ja, so häufig kommt es vor, daß mit Recht das Gegentheil als das sicherste Zeichen der Uncultur bezeichnet wird. Eine Thatsache aber bedeutet immer und überall mehr als tausend Autoritäten." — Wir begnügen uns mit diesen Sätzen, um die durch den Verfafier gegebene Widerlegung Schmollers zu charakterisiren. Von hier aus wendet sich die Broschüre zu Eduard Lasker, und wir verweisen unsere Leser hierüber auf die empfehlenswerthe Schrift Freunds. Er ist durchaus Optimist im besten Sinne dieses Wortes, sich stützend auf die Philosophie der Geschichte. So sagt er: „Es giebt einen Zeitgeist, welcher nicht ungestraft verletzt werden kann. Hat die Geschichte Jahrhunderte lang ein so großes Resultat, wie die Gleichberechtigung der Confessionen vorbereitet, so zerschmettert sie schließlich Jeden, der sich in frivoler Weise dagegen auflehnt, denn der Geist der Menschheit, den sie vertritt, bewährt sich doch auf die Dauer mächtiger, als einzelne kurzsichtige und vorurtheilsvolle Menschen."- Auf ein ganz anderes Gebiet versetzt uns eine andere Broschüre, die soeben aus New-Jork angelangt ist: Backwards or Forwards? A Series of Discourses on Beform Judaism. Delivered by Dr. K. Köhler, Minister of Tempie Beth-El. (New-Aork, Lambert, 1885.) In Nordamerika ist gegenwärtig der Streit zwischen Orthodoxie und Reform ein sehr lebhafter, der theils in den dortigen jüdischen Zeitschriften, theils in Broschüren geführt wird, und an welchem sich schließlich auch die Gemeinden betheiligen. Der Hader hat bereits einen hohen Grad von Verworrenheit erreicht, und zwar dadurch, daß, wie natürlich, eine Anzahl reformistisch gesinnter Rabbiner sich den Radikalen nicht anschließen wollen, sondern sich ihnen entgegenstellen, da sie mehr oder weniger die Entwickelung des Judenthums auf dem Boden der geschichtlichen Tradition anstreben. Bei der unbedingten Freiheit und Selbständigkeit der Gemeinden und bei dem in ihnen herrschenden Grundsätze, die religiöse Richtung der Mehrzahl der Mitglieder zum Ausdruck zu bringen, besitzen diese Streitigkeiten einige Actualität und dadurch werden jene wieder um so lebhafter, da es sich dann schließlich auch um die Anstellung der Rabbiner und Prediger handelt. Herr Dr. K. Köhler hielt über die Frage: „Rückwärts oder vorwärts?" d. h. über Reform des Judenthums, eine Reihe von Vorträgen, welche der Vorstand seiner Gemeinde (Beth-El) veröffentlicht. Die Ueberschriften dieser Borträge lauten: „Rückwärts oder vorwärts?" „Form oder Geist", „Pietät oder eine lebensvolle Religion?" „Ist die Reform zerstörend oder aufbauend?" und endlich: „Palästinensisches oder amerikanisches Judenthum?" Aus diesen Ueberschriften kann man schon den Gang und den Inhalt dieser Vorträge, denen man Beredtsamkeit und Geist zugestehen wird, ersehen. Der Derfaffer will das ganze „mosaisch-rabbinische Gesetz" aus dem gegenwärtigen Judenthum entfernen und sich auf den Standpunkt der Propheten stellen. Dies ist nicht neu, sondern wurde schon in den vierziger Jahren von Einigen, unter denen jedoch keiner der bekannten damaligen Reformer sich befand, proklamirt. Daß sich einzelne Religionslehrer hiermit einverstanden erklären und einzelne Gemeinden ihnen darin folgen, ist ja anzunehmen, aber daß das Judenthum aus allen Phasen seines Daseins und seiner Entwickelung nur eine einzige herausnehme und sich aneigne, alle anderen mit einem Strich beseitigen oder auch mit einem Sprung darüber hinwegsetzen soll, ist ein Gedanke, der weder in der Natur einer großen historischen Erscheinung, noch in der des Menschen möglich ist, und eine Forderung, die nicht erfüllt werden kann. Wird es doch schon jedem einzelnen Menschen unmöglich sein, seine ganze Vergangenheit ausstreichen und nur eine einzige Phase derselben als seine Continuität und als maßgebend für seine Existenz anerkennen zu wollen. Dies würde auch weder seinem Wesen entsprechen, noch von ihm auftecht erhalten werden können. Denn jene einzelne Phase, die er, mit Verlust aller andern Erlebnisse und Erfahrungen, fest beibehalten wollte, ist ebenso wie alle andern von den Verhältnissen und Bedingungen des Damals geschaffen und gestaltet und wird deshalb viele Momente enthalten, die für seine spätere Gegenwart und Zukunft durchaus nicht verwendbar sind. So verhält es sich auch mit der Phase des Prophetismus, welche die Ultra-Reformer zu ihrem alleinigen Fundamente machen wollen. Was wollen sie mit der Lehre von der göttlichen Offenbarung anfangen, welche die Propheten durch alle ihre Reden verkünden, bestätigen und zu ihrem eigenen Stützpunkte machen? Wie wollen sie, was einen großen Theil der prophetischen Reden ausfüllt, die Verkündigung einer glänzenden Wiederherstellung des jüdischen Reiches und des Heiligthums auf Morijah verwenden? und können sie es leugnen, daß die Propheten nachdrücklich von der Heiligung des Sabbaths, auch von den Speisegesetzen und von den Opfern im Tempel sprechen und sie als Bedingungen des Heiles für Israel ansehen? Widmet doch das Buch Ezechiel die Kap. 40—48 dem Gesetze, wenn auch mit einigen Modisicationen des mosaischen. Die Herren werden deshalb gezwungen sein, auch dem Prophetismus und den prophetischen Büchern gegenüber ihre Kritik und ihren ausmerzenden Eifer zu üben; es werden ihnen nur einige Sätze aus jenen übrig bleiben, Sätze, deren Inhalt in den mosaischen Aussprüchen und Vorschriften ebenfalls zu finden sind. Mit 1 solchen allgemeinen und willkürlichen Theorien kommt man! nicht weit und verfällt dermaßen der Jnconsequenz, daß das I neue Bauwerk bald von allen Seiten schwankt und bricht. Alle diese Einwände haben tuir bereits vor 40 Jahren gegen