Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 684 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227599--43007-3311615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
684 Autorität jene Männer besaßen. Sie, welche in ihrem Fache und Systeme die schärfste Logik entfalteten, zeigten sich alsdann höchst unlogisch und verworren. So ist es unter Anderen auch dem verdienten und bekannten Nationalökonomen Schm oller ergangen, welcher im „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Bolkswirthschaft im deutschen Reiche" Jahrgang 1884 Heft 2 ein Esiay: „Hermann Schultze-Delitzsch und Eduard Lasker" veröffentlichte, der immerhin sehr lesenswerth ist, diesem Effay aber eine Note hinzufügte, in welcher er sagte, ein friedliches und harmonisches Zusammenleben von Christen und Juden halte er blos dann für denkbar, wenn Beide auf dem Boden der Kantisch-Schleiermacherschen Ethik stehen. Nur für solche Juden, bei denen dies der Fall, hegt er Sympathie, dagegen glaube er das Recht zu haben, die anderen zu bekämpfen, wobei er vor Allem an einen Th eil unserer Börsenleute und Gründer sowie an die zahlreichen kleinen Pfandverleiher, Geldvermittler und Wucherer denke, die unseren Bauernstand ruiniren. Ein Urrecht der Gleichberechtigung der Rayen und der Religionen sei für ihn „Unsinn." Diese, an sich überflüssige, an starkem Unsinn leidende Note, die ihren gehässigen Inhalt ganz unvermittelt bei den Haaren herangezogen — vielleicht weil es dem Herrn Profeffor schwer aufs Herz fiel, einem Juden, nämlich Lasker, Lob nachsagen zu müffen — diese Note gab dem Herrn vr. Bernhard Freund Beranlaffung zu der oben benannten Broschüre. Allzu schwer war es nicht, diese Note mit allen ihren Schwächen zu beurtheilen und zu bestreiten. Der Berfaffer hat dies aber mit vielem Geiste und großer Sachkenntniß gethan und fügt gleich eine Würdigung Eduard Lasters hinzu, dem er persönlich befreundet gewesen, welche das Bild des Verstorbenen in sehr bemerkenswerther Weise ergänzt. Wenn wir Etwas zu wünschen hätten, so wäre es, daß das Schristchen in etwas populärer Weise geschrieben wäre und nicht oft für den Eingeweihten nur angedeutet hätte, was für den mit den Verhältniffen weniger Bekannten dunkel bleibt. — Sympathien gehören in die Subjektivität des Einzelnen und können für die Gesetzgebung nicht die geringste Bedeutung haben, noch dazu, da sie im wirklichen Leben ebenso gut das Ergebniß gemein« schaftlicher Fehler als das Resultat gemeinschaftlicher Tugenden sind. Man kann verschiedener Meinung sein über die Art, wie die sog. Urrechte philosophisch zu begründen seien, über ihren Inhalt und ihre Bedeutung aber schwerlich. Am wenigsten können so willkürlich und ohne jede wisienschastliche Begründung hingestellte Behauptungen, wie Schmoller hier zum Besten giebt, irgend welche Beachtung verdienen. Eine zu große Reihe der ausgezeichnetsten Denker, nennen wir nur Lesfing und Herder, Alexander v. Humboldt und I. G. Fichte, gehörten zu den eifrigsten Aposteln jener Urrechte, um Schmoller mit seinein bloßen Machtspruch irgend welche Bedeutung beilegen zu dürfen. Soll man etwa Herrn Schmoller nochmals beweisen, daß die Gleichberechtigung schon im Begriff eines Rechtsstaates liegt und gerade ihre Anerkennung das Hauptkennzeichen „der wirklichen Gesittung des 19. Jahrhunderts" bildet, von der auch Schmoller an anderen Orten — spricht? Was diesem aber hier widerfährt, ist, daß schon im Jahre 1799 der kräftigste Bertheidiger der vollen Emanzipation der Juden — Friedrich Schleiermacher war, dessen Ethik unserem Professor normativ ist! Beiläufig bemerkt, unterscheidet sich die Ethik Kants wesentlich von der Schleiermachers; das hat wohl der Herr Professor im Augenblicke, wo er seine Note niederschrieb, vergessen. Wie viele, selbst unter den Gebildeten, etwas von der Kantisch - Schleiermacher'schen Ethik wissen, ist sehr fraglich; noch fraglicher, ob die christliche Masse auf dem Boden dieser Ethik steht, welches Herrn Schmoller das entscheidende Moment für die Sympathien ist, die er den Juden entgegenträgt. Für diese dürfte zur Zeit und noch recht lange der jüdische Dekalog vollständig ausreichen. Was die Wucherer, Pfandleiher und Börsenleute betrifft, so weiß Jedermann, daß auch die Christen ein Contingent zu ihnen stellen. Es hat sogar, nicht blos im römischen Alterthume, ethisch hochgebildete Männer gegeben, welche wucherten, und selbst moderne Philosophen lassen sich als Dilettanten in den Reihen der Shylocks auffinden. „Der wirkliche Fortschritt in der Gesittung des 19. Jahrhunderts," gesteht Schmoller an anderen Orten selbst zu, „besteht darin, auf geradem Wege von dem eigenen gegebenen Standpunkte ausgehend, zu dem höchsten Ideale der Wahrheit und der Menschenbildung unter der Bedingung der Gleichberechtigung der Rayen und Religionen aus freiem Antriebe hinstreben zu können." Wie weit ist Schmoller in seiner Note hiervon entfernt! Ein Beispiel, wie man, ohne Kant und Schleiermacher zu kennen, sondern mit Hillel und Schamai, der redlichste und tugendhafteste Mann werden könne, zeigt Freund an Daniel Lasker, dem Vater Eduards; und hebt den Widerspruch hervor, dessen Schmoller sich schuldig macht, im Texte einen Juden mit vollen Lobeserhebungen zu kennzeichnen und in der Note den blöden Rayenunterschied zu predigen und diesem einschneidendsten Einfluß auf die Gesetzgebung zuzugestehen. Der Verfasser sagt: „Bereits vor dem 19. Jahrhundert, also chronologisch vor dem Aufkommen der neuen Ethik, war schon das realifirt, was sich der sonst gewiß ideenreiche Schmoller, selbst heute, hier nicht einmal ohne Weiteres denken kann. Es hat nämlich wirklich Länder gegeben, in welchen Christen und Juden friedlich und harmonisch zusammen lebten. In der Gegenwart geschieht dies in der Regel glücklicherweise fast in allen Culturstaaten, welche diesen Namen verdienen, und sogar nicht am wenigsten gerade dort, wo die Majorität der Bevölkerung weder befähigt ist, Schriften von Kant und Schleier-