Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 683 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227599--43006-3311614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
683 worden, haben wir hier hervorzuheben. Endlich vergeffen I Vollendung für die Zukunft, und ser sie auch eme noch so wir nicht, daß von den jüdischen Kanzeln her die Erläuterung ferne. Man lese nur irgend einen Band jüdischer Predigten der heiligen Schrift, ihres Lehrinhalts und ihrer Tendenzen j und wird dies bethätigt finden. Hierin liegt aber „die freuin ausgiebiger Weise betrieben wird. Diese wenigen Anden-- tungen mögen hier genügen, um zu zeigen, daß das Studium und die Bearbeitung der Bibel in unseren Kreisen durchaus | nicht so darniederliegt, wie der Verfasser es annimmt. Immerhin ist die Bibel feit dem Beginn der jüngsten j Culturentwickelung der Juden der jüdischen Masse, und nament-! lich den sogenannten Gebildeten, recht ftemd geworden. Hat es an Bemühungen nicht gefehlt, diesem beklagenswerthen Uebelstande abzuhelfen, und die heilige Schrift dem Geiste und Gemüthe wieder nahe zu bringen, z. B. durch die verschiedenen Ausgaben der Bibelübersetzungen für Arme und Reiche, für Schule und Haus — so ist es allerdings die Pflicht der Rabbinen und Lehrer, nach diesem Ziele mit noch größeren Anstrengungen zu streben. — Endlich wird wohl Niemand dem Verfasser zustimmen, wenn er der beobachtenden Haltung der jüdischen Gelehrten gegenüber der Bibelkritik die Schäden zuschreibt, an denen wir leiden. Daß das Mittelalter noch in unseren Gotteshäusern herrsche, ist nur theilweise wahr. Der Verfasser sehe sich in den Synagogen sehr zahlreicher deutscher Gemeinden um, was sie an Haltung und Ordnung, an Gesang, Vortrag und Predigt gewonnen haben, was von mittelalterlichen Gebeten und Gebräuchen gestrichen worden. Ja. er wandte einmal durch diese oder jene aus dem Mittelalter herrührende große oder kleine Stadt: wie> viel Mühen und Kosten sind erforderlich, um durch Nieder-! reißen und Verbreitern etwas Licht und Luft in das Gewirre! enger, krummer, winklicher Straßen zu bringen, ein gutes Straßenpflaster, Gas- und Wasserleitung, neue Kranken- und Schulhäuser u. s. w. herzustellen, und doch wird das Gepräge des Mittelalters aus vielen Theilen der Altstadt nicht zu beseitigen sein. So auch auf dem religiösen Gebiete, wo nur sehr allwählig die Pietät für das Ueberkommene durch das Bedürfniß und den Geschmack überwunden wird. Was sollte aber hierauf die Bibelkritik für Wirkung haben, von welcher die Masse doch keine Notiz nehmen kann? Der Mangel an fteudiger Erhebung! Ob ein solcher durch die Bibelkritik aufgehoben, und Hoffnung und Zuversicht, Befriediguug und Freude über den Gottesdienst durch sie verbreitet werden, wird Niemand behaupten. Hingegen glauben wir, daß gerade hierzu die Predigt am ehesten berufen ist und diesen Beruf auch erfüllt. Sie spricht sich unermüdlich über die hohen Lehren des Judenthums, über die erhabenen Aufgaben, die es jedem einzelnen Israeliten und dem gesammten Israel stellt, aus, löst die Räthsel, welche die wechselvolle Geschichte Israels enthält, zeigt in der Gegenwart die mancherlei Erfüllung, welche der Geist der Gerechtigkeit und Freiheit trotz aller Kämpfe errungen hat, und entwirft die Bilder der dige Erhebung", die der Verfasser im Gottesdienste ausge- ' prägt wünscht. — Und endlich der Jndifferentismus oder, wie der Verfasser sagt, „der Nihilismus". Daß dieser aus ganz anderen und allgemeinen Quellen, zu welchen der Mangel an Bibelkritik gewiß nicht gehört, entspringt, brauchen wir wahrlich nicht zu erörtern. Im Gegentheil werden Biele meinen, daß dieser religiöse Nihilismus durch die Bibelkritik gefördert worden. Wenn man dem Israeliten den religiösen Boden unter den Füßen unterwühlt, indem man die Thora selbst in Stücke zerreißt und diese dann wieder zusammenleimt und zwar jeder nach seinen subjektiven Ansichten, meist sehr zweifelhaften Gründen und Ansichten, das Buch des älteren ^Jesaias zerklaubt, die Psalmen über alle Jahrhunderte zerstreut u. s. w., dann verbreitet man so viel Unsicherheit, so j viel Zweifelhaftigkeit, selbst über die Grundlehren der h. j Schrift, daß bei vielen Geistern, die die Dinge von der Oberfläche nehmen, der Jndiffentismus nicht ausbleiben kann.! Ja, in der echten und wahren biblischen Wissenschaft j liegt viel Heil, d. h. nicht in der kritischen Zersetzung der i Bibel, sendern in der vertieften Auffassung, in dem rechten Verständniß des biblischen Geistes, in der Erkenntniß der biblischen Wahrheiten, in der hierdurch angefachten Begeisterung und Liebe für das Heiligthum Israels. Nach diesem Ziele müssen wir unablässig streben, und zwar nicht blos innerhalb der Kreise der jüdischen Gelehrten, sondern in der Gesammtheit der Bekenner. Wenn der Prophet sagt, daß es eine Zeit geben werde, wo der Durst nach dem Gottesworte ein allgemeiner und tief empfundener sein werde: so meint er dies nicht aus dem Munde der Bibelkritik, sondern aus dem der wahren biblischen Wissenschaft, aus dem Geiste heraus, der die Bibel geschaffen, der sie durchdringt, der aus ihr zu uns und zu aller Menschheit spricht! Zwei Broschüren. „Man kann in der Gegenwart den Antisemitismus, mit nationalen und wissenschaftlichen Redensarten verbrämt, sogar im Talare manches germanischen Professors erscheinen sehen." Diese Worte entlehnen wir der eben erschienenen Broschüre: „Einiges über Eduard Laster von Di-. Bernhard Freu nd." (Leipzig, Fock 1885.) Nun, man hat cs innerhalb der letzten Jahrhunderte recht oft erlebt, daß Gelehrte, die sich in einem Specialfache auszeichneten und sich Ruhm erworben, außerhalb jenes Faches Borurtheilen und Verkehrtheiten fröhutcn, | wie sie nicht schlimmer in der unwissenden Menge herrschen. iSs^re Sonderbarkeiten traten dann um so auffälliger hervor, wirkten aber auch um so nachthciliger, je mehr Ansehen und 43*