Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- Seite 682 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227599--43005-3311613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
682 bibelkritische Arbeit geht, unser Verfasser nicht ausgenommen, bringt wieder andere Ansichten als seine Vorgänger zu Tage; nicht selten kehrt man auch wieder zu einer srüheren Meinung zurück und was gestern noch als ein festes Resultat angesehen wurde, wird heute wieder über den Haufen geworfen. Sagt doch der Verfasser selbst: „Nach meiner unmaßgeblichen Meinung will die Pentateuchkrink zu viel bieten und bietet darum zu wenig; cs dürfte nicht gar lange Zeit währen und auch in dieser Beziehung wird sich wohl eine Reaction geltend machen.wic eine solche erst vor Kurzem betreffs der Abfassungszcit des Deuteronomium (5. Buch Mosis) eingetreten ist." Wir sind die letzten, die deshalb die Bibelkritik anklagen, oder, wenn sie sich in ihren wissenschaftlichen Grenzen hält, ansciudcn. Aber daß nun die jüdischen Theologen sich kopfüber in dieses Wirrsal hincinstürzen sollen und mögen, er' sammenhang und die Entwickelung dieses Gedankeninhalts in den verschiedenen Phasen, endlich die Ausdrucksweise und deren Bedeutung aus den verschiedenen Gesichtspunkten. Daß hierbei auch die Abfassungszeit, wenn sie in bestimmter Weise zu eruiren ist, von einigem Einflüsse ist, ist zuzugeben, ohne daß ihr ein entscheidendes Moment inne wohnt, da der Gehalt eines Gedankens nicht von der Zeit abhängt, wo er ausgesprochen worden, sondern von seiner Bedeutung für die intellectuelle und ethische Welt. Ja, viel wichtiger ist die linguistische Seite der biblischen Wissenschaft, indem jene für diese die unentbehrliche Unterlage und das wirksamste Werkzeug ist. Die einfache Fragestellung, ob es wichtiger ist, die Abfassungszeit und Zusammensetzung eines einzelnen! Buches zu wissen, oder die Lehre, die Tendenz und den Zweck | derselben zu erkennen? entscheidet unsere Erörterung. Denn achten wir nicht für ihre Aufgabe. Da, wo die Bibelkritik! es wird Niemandem zweifelhaft sein, daß mit der bloßen wirklich zu sicheren Resultaten gekommen, fehlt es ihr an!Kenntniß der Abfassungszeit und der Uebung der dahinzielen - einer willigen Anerkennung und Förderung auch in den! den Kritik allein nichts zu machen ist, sondern daß es sich jüdischen Kreisen nicht; z. B. die Trennung des Jesaias in zwei Bücher, ebenso des Secharjah und des Buches Daniel. Aber die jüdischen Theologen sind die spezifischen Wächter des köstlichen Erbgutes, das zwar Gemeingut der Menschheit, wozu es auch bestimmt war, geworden, immer aber doch das immer darum handeln wird, zum richtigen Berständniß des Geistes und des Gedankeninhalts des betreffenden Buches zu gelangen. Wenn wir deshalb den gegenwärtigen jüdischen Theologen einen Borwurf zu machen haben, so ist es nicht der, der Bibelkritik zu wenig obzuliegen, sondern, daß besondere Eigenthum Israels ist und ihm zur Huth und Pflege sie in geringerem Maße der eben gezeichneten biblischen anvertraut worden. Auf geistigem Gebiete ist ein solcher J Wissenschaft, der Erforschung des Geistes und der Gedanken Dualismus des Eigenthums überall geltend; jeder Autor, ja! der heiligen Schrift nach allen den sie erzielenden Seiten sich jede Nation sieht ihre geistigen Erzeugnisse als besonderes I widmen. Der Angriff unseres Verfassers ist deshalb nach Eigenthum an, während sie doch für die ganze Menschheit! einer unrichtigen Seite gewendet. Im Uebrigen liegen die hinausgegeben werden. Daß sich also die jüdischen Theologen | Dinge bei Weitem nicht so schlimm. Wir haben eine ganze der Bibelkritik gegenüber, dem beständigen Streite und Wandel der Meinungen und Folgerungen in ihr, ruhig und besonnen verhalten und sich nicht leichtmüthig in die verworrenen Pfade derselben verlieren, kann unserer Meinung nach nicht als Tadel, sondern als eine Pflichterfüllung angesehen werden, vorausgesetzt, daß sie sich nicht an den Buchstabenglauben klammern und sichergestellten Resultaten der Kritik nicht eigensinnig verschließen. Ter Tadel, der sie trifft, liegt unserer Ansicht nach wo anders. Und hier ist es, wo wir dem Verfasser selbst einen Vorwurf nicht ersparen können. Es wird da in diesem Vorwort biblische Wissenschaft mit Bibelkritik für identisch angesehen. Das sind sie aber nicht, son- Reihe biblischer Arbeiten aus der neueren Zeit, die wir hier nur überblicken wollen. Bon der Pentateuch- und Psalmenübersetzung und der Commentirung der Thora durch Mendelssohn an ist mehrere Jahrzehnte hindurch nichts geschehen. Die Uebersetzung und Erklärung der zwölf kleinen Propheten und Daniels durch Moses Philippson und Genossen (1805,1808) unterbrach den Stillstand. 1824 jedoch erschien in 4 Bänden die deutsche Uebersetzung der heiligen Schrift von Schalom Kohn. Dieser schlossen sich seit den dreißiger Jahren an die Bibelübersetzungen Gotthold Salomon's, Zunz' und Genossen, die Uebersetzung und Commentirung von S. Cahen in französischer, Philippson und Herxheimer in deutscher, Jsaac dcrn Bibelkritik nur eine Hilfswissenschaft der biblischen > englischer Sprache. Seit diesen die ganze heilige Schrift Wissenschaft, oder wenn man es vorzieht, eine Disciplin dei^ umfassenden Arbeiten folgten viele Bearbeitungen einzelner letzteren. Die Wissenschaft ist nicht blos das Heranbringen j Schriften, wie der Thora (von R. S. Hirsch, M. Kalisch), der Bausteine, sondern der Aufbau selbst; sie ist die Erkenntj ber Psalmen, Kohelets, des Buches Hiob, besonders auch des niß des Wesens der Dinge und die Darstellung dieser Er-! Hohen Liedes. Daß die biblische Geschichte nicht blos für kenntniß, soweit sie den jeweiligen Menschen kund geworden.! alle Stufen des Jugendunterrichtes, sondern auch in den der Die biblische Wissenschaft sucht und erörtert den Geist, den! Geschichte Israels gewidmeten Werken behandelt, der dogma- Gedankeninhalt der heiligen Schrift im Ganzen, in den eintische Inhalt der Schrift in pädagogischen und wissenschaftzelnen Büchern und in den einzelnen Aussprüchen, den Zu-> lichen Lehrbüchern und in zahlreichen Abhandlungen bearbeitet