Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1885)
- Date
- 1885-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Zeiiun "Allgemeine des Zudenlhums. / Cm Wpartcüsches Organ Kr alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. Ul) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buch- Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Gzepeöitiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redaktionellen Angelegenheiten > wende man sich an vr. Philippson in i I Bonn direct, in allen übrigen an die > Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 49. Zahrgung. Leipzig, den 20. October 1885. J\o. 43. Inhalt. Leitende Artikel: Die biblische Wissenschaft. — Zwei Broschüren. — Die österreichische Thronrede, was sie sagt und was sie verschweigt. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a. M., Oberingelheim, Bielefeld, Posen, Königsberg i. Pr. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Rußland: Moskau, Odessa. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die polnischen Juden. SLeitcvCdc Bonn, 15. Oktober. Die biblische Wissenschaft. Herr vr. A. Rosen zweig, Rabbiner zu Teplitz, hat soeben eine Schrift veröffentlicht: „Das Jahrhundert nach dem babylonischen Exile" (Berlin, Dümmler 1885). Wir bemerken im Voraus, daß wir in dem Verfasser edle Begeisterung. Schwung, Fleiß und Scharfsinn nachdrücklich anerkennen und daß wir seinem Werke volle Aufmerksamkeit, die sie wahrhaft verdient, widmen werden. Jndeß genügen diese Eigenschaften, so groß auch ihr Werth namentlich in unserer Zeit anzuschlagen ist, nicht, um vor Fehlgriffen zu schützen. Heute wenden wir uns nur seinem „Vorwort" zu, da es einen Gegenstand von allgemeinem Jntereffe befaßt. Dieses Vori wort ist, beiläufig bemerkt, in zu schwungreicher Sprache | abgefaßt und gleicht mehr einer Predigt, als einer ruhigen j Erörterung einer wichtigen Frage. Dies bethätigt sich denn auch in den allzulangen, ganze Seiten einnehmenden Sätzen. Doch dies ist nebensächlich. In diesem Vorwort wirft der Verfasser in sehr heftiger Weise den gegenwärtigen jüdischen Theologen vor, „die biblische Wissenschaft" gänzlich zu vernachlässigen: sie erfteue sich in „unseren Theologenkreisen keiner besonderen Beliebtheit". Es sei betrübend, „daß der Quell, aus dem wir entprungen sind, verstopft wird"; „sie finde nur selten eine schwache Hand, die den Pinsel führte, um Kraft strotzendes Sein darzustellen." Und dieser Vernachlässigung der biblischen Wissenschaft, während man das Mittelalter aufs Emsigste durchforsche, schreibt der Verfasser nun die traurigsten Folgen zu: die Herrschaft des Mittelalters in unseren Gotteshäusern, den Mangel an aller freudigen Erhebung in denselben, den religiösen „Nihilismus" und selbst den Antisemitismus, welchen letzteren er allerdings nur in verblümter Weise hineinzieht. Dies sind so erstaunliche Vorwürfe, daß wir sie nothwendig etwas prüfen müssen. Zunächst die Frage: was versteht der Verfasser unter biblischer Wissenschaft? Wie aus dem Vorwort selbst hervorgeht, versteht er darunter die Bibelkritik. Knüpft er doch die ganze Betrachtung an seine Besorgniß, „daß mancher schele Blick hüben und drüben auf seine Arbeit fallen werde"; waltet doch, sagt er, „über bibelkritischen Studien von Seiten jüdischer Theologen von vornherein ein Unglücksstern", und weiterhin: „Man weigert sich beharrlich, auch die Bibel zum Gegenstände kritischer Untersuchungen zu machen", u. s. w. Also die Bibelkritik, die Untersuchungen über Abfasser und Abfassungszeit, über die Zusammensetzung und Beschaffenheit der einzelnen biblischen Bücher. Nun haben sich zwar auch neuere jürische i Gelehrte mit dieser Bibelkritik im Allgemeinen und Speciellen beschäftigt, aber wir geben dem Verfasser im Ganzen doch zu, daß, gegenüber den Forschungen über das talmudische und rabbinische Schriftthum, die Bibelkritik in den jüdischen Kreisen viel weniger Bearbeiter gefunden. Begehen nun hierin die jüdischen Theologen ein Unrecht, ein beklagenswerthes Unrecht? Die Bibelkritik hat bis jetzt und voraussichtlich noch lange Zeit viel mehr Verwirrung als Aufklärung gebracht; von den ersten bis zu den jüngsten Bibelkritikern stimmt kein einziger mit dem andern und gerade in den wichtigsten Fragen am wenigsten überein; jeder, der an eine