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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-13 · Heft 42 (13.10.1885) · p. Seite 678

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 42 (13.10.1885)
Date
1885-10-13
Page
Seite 678 (sequence 14)
Language
German
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Gesundheit, es sei denn, daß der Arzt einschreitet, „durch dessen Mund Gott spricht". Der Einfluß des Talmud begünstigt ja überhaupt die Herrschaft des Buchstabens über den Geist; führt er doch den für den gesunden Menschenverstand kaum faßbaren Grundsatz ein: was nicht erlaubt ist, ist verboten. Daraus ergeben sich denn die wunderlichsten Bedenken. Der richtige polnische Jude fragt, auch nachdem ihm der Arzt schon erlaubt hat, Fische zu essen, sicherlich noch ausdrücklich: darf ich auch Hering essen? Das Studium des Talmud nun gar — obgleich in demselben unbestreitbar viel echte Lebensweisheit und hohe Tugendlehre enthalten ist — hat wegen des darin herrschenden Geistes spitzfindiger Kasuistik etwas geradezu verwirrendes, geisttödtendes. Die unglücklichen jungen Leute in den russischen Städten, welche sich ohne ein geistiges Gegengewicht diesem Studium hingeben und meistens von früh bis zum Abend dabei sitzen, ruiniren fast sämmtlich ihr Nervensystem: manche werden geisteskrank, bei andern entwickeln sich die mannigfachsten Formen von Nervenleiden. Der zweite Charaktcrzug, der starke Familien- und Stammessinn der Juden zeigt sich von nicht minder großem Einflüsse aus ihre häusliche und soziale Lage. Während es im westlichen Europa sowohl, wie bei den christlichen Nachbarn der russischen Juden als selbstverständlich gilt, daß mit der Verheirathung eines herangewachsenen Familienmitglieds auch die Begründung eines selbständigen Haushaltes, das Beziehen einer eigenen Wohnung verbunden ist, bleiben dort ganz gewöhnlich die verheirateten Söhne, auch wohl die Schwiegersöhne sammt ihrer Familie im elterlichen Hause, so wie einst nur ein neues Zelt neben dem des Stammeshauptes aufgeschlagen wurde. Bei Abendländern jeder Nationalität würde eine solche erzwungene enge Gemeinschaft wahrscheinlich zahllose Reibungen und Zänkereien veranlassen; die ganze weit verzweigte Judensamilie wohnt aber bis auf seltene Ausnahmen in Frieden und Eintracht unter einem Dach beisammen. Auch die Ehen sind im allgemeinen glücklicher, als die der Christen, obgleich die Heirathen rein geschäftsmäßig durch die beiderseitigen Eltern unter Vermittelung besonderer Makler (Schadchen) abgeschlossen werden. Freilich ergiebt sich eine gewisse geistige Uebereinstimmung beider Gatten schon aus der stereotypen Geistesrichtung und Erziehung. Darüber hinaus macht der Jude an seine Lebensgefährtin weiter keine Ansprüche, als daß sie ihm Kinder gebäre. „Seid fruchtbar und mehret Euch" gilt nicht nur als religiöses Gebot, sondern die Freude an zahlreicher Nachkommenschaft ist dem Juden auch wirkliche Herzenssache und darum die Liebe zu den Kindern die zärtlichste, aufopferndste, die man sich denken kann. Unfruchtbare Frauen fühlen sich stets unglücklich, werden mehr oder weniger hysterisch und werden von ihren gesegneten Genossinnen mit einem Mitleid betrachtet, das nicht gan; ohne Beimischung von Verachtung ist. Noch immer nicht auszurotten ist die Unsitte des übermäßig frühen Heirathens, wenn auch die vereinten Bemühungen der Regierungen, der Aerzte und einsichtsvoller Rabbiner in den letzten Jahrzehnten eine Besserung des Uebels herbeigeführt haben. Hergebracht aus dem heißen Klima Palästinas, wo die Reife bei beiden Geschlechtern um mehrere Jahre früher eintritt, war die Sitte auch unter dem kalten nordischen Himmel Rußlands und Polens beibehalten worden, Kinder von 10 bis 12 Jahren schon mit einander zu verheirathen. nicht blos auf dem Papiere, sondern faktisch, und wenn auch diese Extteme jetzt zu den Seltenheiten gehören, so kommen doch 14- bis 15 jährige Frauen und Mütter, 16- bis 17 jährige Ehemänner und Väter mit ganz unausgewachsenem, knabenhaftem Körper noch häufig genug vor. Begünstigt werden diese frühen Heirathen natürlich dadurch, daß für die jungen Paare kein selbständiger Haushalt erforderlich ist. Die Einwirkung eines solchen Systems auf die körperliche und hygienische Beschaffenheit der jüdischen Bevölkerung konnte nicht ausbleiben: verkümmertes Wachsthum, frühzeitige Erschöpfung der Zeugungskraft, äußerst zahlreiche, aber desto schwächlichere Nachkommenschaft. Dazu kommt noch Ueberfüllung der ohnehin meistens engen, dürftigen Wohnungen, i und damit Schmutz, verdorbene Luft, Krankheiten aller Art.! Aus der physischen Unmöglichkeit, schwere körperliche Arbeit zu verrichten, wie sie mit zahlreichen Gewerben verbunden ist, ergab sich für viele Juden die Nothwendigkeit, zu wählen zwischen dem Handel und irgend einer gelehrten Beschäftigung, welche nur Kopfarbeit erfordert. Im Handel war die Concurrenz sehr groß. Zudem — man muß es sagen — hegten die Juden von jeher eine ungemeine Hochachtung vor der Wissenschaft; der Gelehrtenstand galt ihnen für besonders ehrenvoll und jede Familie war stolz darauf, wenn eins ihrer Mitglieder demselben angehörte. Eine gewisse natürliche Lebhaftigkeit des Geistes, eine zwar selten tiefe, aber schnelle Auffassung begünstigte die Richtung auf wissenschaftliche Studien und einmal erwählt, wurden sie gewöhnlich mit eisernem Fleiße verfolgt. Die äußeren Verhältnisse brachten es freilich mit sich, daß als Ziel neben der talmudischen Schriftgelehrtheit und Philosophie vor der Hand nur die Heilkunde übrig blieb. Diesen Zweigen wissenschaftlicher Thätigkeit sehen wir denn aber frühzeitig ein verhältnißmäßig starkes Contingent der israelitischen Jugend sich zuwenden. Noch ein Ergebniß des Familien- und Stammessinnes der Juden muß hervorgehoben werden. So wie die einzelnen Theilchen eines Körpers durch äußeren Druck sich fester aneinander fügen, so sehen wir auch die Glieder einer in bedrängten Verhältnissen lebenden Gemeinschaft sich besonders fest aneinanderschließen. Die Geschichte zeigt uns ein Bei-

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