Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1885)
- Date
- 1885-10-13
- Page
- Seite 676 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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676 f aff er nimmt dabei Gelegenheit, sein Urtheil über die bedeu-' tenderen Punkte abzugeben, welche die Antisemiten den Juden zum Borwurf zu machen pflegen. Allerdings stimmen wir nicht überall mit seinen Auslassungen überein; aber wir halten es für wichtig, die Bemerkungen eines solchen Mannes in der von ihm gewählten Fassung ohne alle Zusätze wiederzugeben, um seine Ansichten unverändert an den Tag treten zu lassen. I. Die massenhaften Ausweisungen russischer Polen sind nicht auf das platte Land und die von der Polonisirung bedrohten Distrikte des östlichen Preußens beschränkt geblieben, sondern haben auch sogar in Königsberg und Danzig eine große Anzahl nichts ahnender Familien unglücklich gemacht. Dort wurden vorzugsweise polnische Juden betroffen, die als Vermittler im Handelsverkehr zwischen Rußland und Deutschland eine wesentliche Rolle spielen. Den polnischen Juden wählt sich die neudeutsche Civilisation ja überhaupt mit ganz besonderer Vorliebe zum Prügelknaben. Dieser Jude ist entschieden besser, als sein Ruf, und seine schlechtesten Eigenschaften sind mehr aus seiner Behandlung als aus seiner Natur hervorgegangen. Ich glaube mir in dieser Beziehung ein Urtheil haben bilden zu können, da ich während eines langen und bewegten Lebens reiche Gelegenheit hatte, mit Juden jeglichen Bildungsgrades und jeder gesellschaftlichen Stellung in Beziehungen zu treten. Wer recht ermessen will, was die modernen Juden aus sich gemacht haben und wie sie diejenigen geworden sind, die wir heutigen Tags unter uns sehen, der muß sie so zu sagen an der Quelle studiren, dort, wo sie noch nicht modern sind, wo sie im Ganzen und Großen noch so ziemlich auf der Culturstufe des Mittelalters stehen, sich nicht wesent' lich verändert haben, seitdem König Kasimir von Polen die schöne Esther zu seiner Geliebten machte und ihren aus Deutschland stüchtenden Stammesgenossen Zuflucht und Schutz gewährte. Mit dem Schutze war es vorbei, sowie König Kasimir starb, aber wenigstens trieb man die Juden nicht aus, wie aus westeuropäischen Ländern. Sie hatten sich schnell unentbehrlich zu machen gewußt. Einen eigentlichen Bürgcrstand hat das polnische Volk niemals hervorzubringen vermocht. Den geringen Handel und die nothwendigsten Gewerbe in den Städten betrieben fast ausschließlich deutsche Einwanderer, die aber vom polnischen Adel feindselig behandelt und größtentheils wieder zur Auswanderung gezwungen worden waren. Ihre Stelle nahmen die Juden ein und da die Bauern an die Scholle gefesselt waren, in Unwissenheit, Schmutz und Trägheit verkamen, der adlige Grundherr aber einen bürgerlichen Erwerb für entwürdigend hielt und leichtsinnig in den Tag hinein lebte, so gut oder schlecht es eben ging, so waren ihm die Juden eine willkommene Aushilfe. Sie besorgten den Transport seines Getreides, Holzes und aller anderen Bodenprodukte nach den Stapel- und Hafenplätzen, sie gaben ihm Vorschüsse auf seine Ernten, wenn der Herr Magnat Spielschulden zu decken oder Feste auszurichten hatte; sie waren Gastwirthe, Fuhrleute, Schmiede, Juweliere, Schneider, Schuhmacher, kurz sie betrieben alle Geschäfte, welche niemand sonst übernahm oder übernehmen konnte. Daß sie dabei oft wucherischen Profit nahmen, ist unzweifelhaft. Aber der Begriff des Wuchers ist ja überhaupt ein sehr relativer, denn der Zinsfuß richtet sich nicht allein nach dem Capitalreichthum eines Landes, sondern er schließt auch die Prämie für das Risiko des Capitals ein und dies Risiko ist natürlich in Ländern mit unsichern Rechtsverhältnissen ein sehr großes. Darum gelten noch jetzt in Rußland 18 bis 20 Procent im privaten Geldverkehr für einen keineswegs unerhörten Satz. Jedermann weiß aber auch, daß das Gerichtsverfahren äußerst schleppend, die Richter bestechlich sind und mancher Gläubiger es daher vorzieht, seine Forderungen fallen zu lassen, ehe er den Weg Rechtens betritt. Daß das vor zwei, drei Jahrhunderten noch in viel höherem Grade der Fall gewesen ist, läßt sich denken. Ein gewaltthätiger Adel, der sich über jede gesetzliche Schranke hinwegsetzte, der selbst gegenüber der höchsten Autorität im Lande an den Säbel zu appelliren bereit war, hatte doch gewiß vor dem Rechtsanspruch eines geduldeten Juden am wenigsten Respekt. Was blieb diesem übrig, als zu nehmen, was er bekommen konnte? Wurde er zu reich, so erging es ihm ja doch, wie weiland dem türkischen Pascha, dem, wenn er jahrelang eine Provinz ausgesogen, der Sultan die seidene Schnur zuschickte, um sein Vermögen zu konfisciren. Nur die Form war in Polen noch einfacher, weniger höflich: man überfiel gelegentlich die Juden, plünderte ihre Häuser und sie konnten von Glück sagen, wenn man sie am Leben ließ. Staatsbürgerliche Rechte besaßen sie ja ohnehin nicht, wenn von solchen überhaupt in einem Lande die Rede sein konnte, wo es nur eine herrschende Kaste gab und wo der öffentliche Rechtszustand oft genug nicht allzuweit von allgemeiner Anarchie entfernt war. Wer da glaubt, ich hätte die Lage der Juden im alten Polenreiche zu schwarz gemalt, den verweise ich darauf, daß sie noch gegenwärtig in Rußland nicht viel besser daran sind. Wohl können sie Kaufleute erster Gilde werden und in den Hauptstädten sind sie auch ihres Lebens und ihrer Habe sicher, in den Provinzen bekanntlich nicht. Von einem sichern Rechtszustande ist vollends nicht die Rede. Es war lange nicht das schlimmste, daß der eiserne Zar Nikolaus I. ihnen befahl, den schwarzen Kaftan abzulegen und die Peisaken abzuschneiden, gerade wie sein großer Vorgänger Peter einst den russischen Bojaren die Bärte scheren ließ. Auch unter