Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1885)
- Date
- 1885-10-13
- Page
- Seite 673 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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673 verworfen werden wird, da der Gerichtshof vielfach Forderungen des Vertheidigers ablehnte, die gesetzlich begründet erscheinen. Teplitz, 28. September. (Privatmitth.) Gestern fand hier die diesjährige Hauptversammlung des deutschen Schulvereins statt. Bekanntlich hatten die in dem Verein zahlreich vertretenen Antisemiten den Antrag stellen wollen, den Ausschluß der Juden in die Statuten aufzunehmen. Es mußte ihnen jedoch klar gemacht worden sein, daß der Verein die Milhülfe der Juden nicht entbehren könne und wolle. Sie versuchten es deshalb auf andere Weise, indem sie den Antrag stellten, jüdische Schulen nicht zu unterstützen. Der Antrag wurde jedoch mit sehr großer Majorität verworfen. Dies ist schon recht gut. Ob aber der Verein jüdische Schulen wirklich unterstützen wird, scheint uns sehr zweifelhaft; es ist uns noch kein derartiges Beispiel bekannt, obgleich der Verein jährlich für Schulzwecke eine viertel Million Gulden ausgeben soll. Da dieser Schulverein in der That einen sehr heilsamen Zweck verfolgt, so wäre es wünschenswerth, daß der Verein faktisch darthäte, keinen judenfeindlichen Geist in sich zu nähren, um es den deutschen Juden in Oesterreich möglich zu machen, ihrer Neigung zu folgen und den Verein möglichst zu unterstützen. Teplitz, 30. September. (Privatmitth.) Da verschiedene Blätter wiederholt von dem im „deutschen Schulverein" herrschenden Antisemitismus gesprochen haben, sind wir es ihm schuldig hervorzuheben, daß die hier stattgefundene General-Versammlung des Vereins alle Versuche der Antisemiten, sich in ihm heimisch zu machen, mit großer Mehrheit zurückgewiesen hat. Herr v. Schönerer selbst rückte ins Feld und mußte seine Niederlage erleben. Der Mann ist freilich daran gewöhnt, thut aber immer von Neuem, als ob er ein siegreicher Feldherr wäre. Als er einsah, daß er für den Ausschluß der Juden aus dem Schulvereine gar keinen Boden sinden würde, versuchte er es mit dem Anträge, daß der Verein jüdische Schulen nicht unterstützen solle. Aber auch mit diesem Anschläge hatte er kein Glück, denn eine enorme Mehrheit lehnte den Antrag.ab. Abgesehen davon, daß der deutsche Schulverein hierdurch sich von der gegen ihn erhobenen Anklage gereinigt hat, lehrt dieses Beispiel abermals, wie oft die Zeitblätter übertreiben, insbesondere wenn sie eine bestimmte Tendenz damit verfolgen. Es ist dies namentlich mit dem Antisemitismus der Fall, der in den österreichischen Landen grassiren soll. Was wurde nicht vor den jüngsten Wahlen zum Reichsrathe von dem Vordringen der Antisemiten in das Parlament geschrieben, und nachträglich ist nichts davon in Erfüllung gegangen, oder doch so wenig, daß es des Aufhebens nicht werth erscheint. Italien. Rom, im September. Wir haben bereits in diesem Blatte berichtet, sind endlich die neuen Statuten der israelitischen Gemeinde zu Rom zu Stande gebracht und von der Regierung bestätigt worden. Was die näheren Bestimmungen derselben betrifft, so sind die Cultusangelegenheiten und was mit diesen zusammenhängt von den Wohlthätigkeitsanstalten getrennt worden, sodaß beide von verschiedenen Vorständen verwaltet werden. Jeder Zwangsbeitrag ist ausgeschlossen, und nur freiwillige Beiträge, zu denen man sich auf drei Jahre verpflichtet, zugelaffen. Die Gemeinde wird durch 42 Repräsentanten vertreten, die über alle Gemeindeangelegenheiten entscheiden, außer über die Wahl eines Rabbiners, zu welcher eine Abstimmung sämmtlicher Wähler erforderlich sei. Die einzelnen Synagogen bleiben autonom; da sie aber in dem Ghetto gelegen sind, das in baldiger Zeit völlig niedergelegt sein wird, so wird man sich genöthigt sehen, zwei oder drei große Synagogen zu erbauen, bei welcher Gelegenheit sich denn auch ihr Regime verändern wird. Zu erwähnen ist noch, daß die hier eröffnete Talmud-Thora, d. i. Rabbiner-Präparandenschule, unter der Leitung des Rabbiner. Dr. Ehrenreich ausgezeichnete Leistungen erzielt, sodaß auch die Hoffnung gehegt werden kann, daß sie nach einiger Zeit zu einem vollständigen Rabbinerseminar vervollständigt werden Livorno, im September. Man schreibt von hier: Auf Anfrage der jüdischen Gemeinde zu Livorno beim Rabbinat zu Turin, ob es den Juden gestattet sei,' ihre Verstorbenen verbrennen zu lasten, ist eine verneinende Antwort erfolgt. Das Rabbinat erklärt die Leichenverbrennung für unverträglich mit den jüdischen Beerdigungs-Gesetzen. Juden sollen an der Leichenverbrennung eines Juden nicht theilnehmen. (Die Angaben scheinen uns nicht ganz richtig, denn wir sehen nicht ab, warum nicht das Rabbinat von Livorno befragt sein soll, sondern man sich erst von dort nach Turin wenden mußte. Redact.) Rußland. Warschau, 1. October. Schon wieder eine Judcncommission! Der „Pos. Zeitung." zufolge ist für die polnischen Gouvernements eine besondere Judencommission unter Vorsitz des Baron Mengden ernannt worden. Dieselbe wird sich vornehmlich mit der Untersuchung über das Recht des Erwerbes von Grund und Boden außerhalb der Städte, der . Güterpachtung, des Waldankaufs, des Hausirens und Schank-; stättehaltens auf dem Lande, der Theilnahme an der Gemeindeverwaltung , der Niederlassung in den Grenzbezirken j und einigen anderen Freiheiten der Juden zu beschäftigen