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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-13 · Heft 42 (13.10.1885) · p. Seite 666

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 42 (13.10.1885)
Date
1885-10-13
Page
Seite 666 (sequence 2)
Language
German
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666 Es giebt auch auf dem materiellen Gebiete keine Jnteresien, welche besondere jüdische wären; wir haben unseren Antheil an deren Auf- und Niedergang in ganz gleichem Maße. Es bleibt demnach für unsere Sonderexistenz nichts als unsere religiöse Ueberzeugung übrig und deren Ausdruck im Cultus. Tie jüdischen Gemeinden haben nichts weiter zum Gegenstände ihrer Thätigkeit und Einrichtungen, als die Herstellung und Erhaltung des Gottesdienstes, die Pflege des Religionsunterrichtes und die aus den Religionsvorschriften unmittelbar fließenden Wohlthätigkeitswerke. Zieht man daher von j den Motiven des 'Antisemitismus den, freilich sehr wirksamen Brodneid, den Widerwillen gegen jede Concurrenz seitens der Juden ab, so bleibt für jenen nichts weiter übrig, als die Feindschaft gegen das Judenthum als Religion. Tenn, wenn auch aus den gegebenen geschichtlichen Berhältnisien! heraus noch ein großer Bruchtheil der Juden dem kauf-j männischen Gewerbe angehört, so hat sich doch in der verj hältnißmäßig kurzen Zeit, in welcher die Gleichberechtigung,! namentlich auf die jüngere Generation wirken konnte, einj sehr großer Thcil der Juden allen Berufs- und Gewerbearten i zugewandt, soweit sie ihnen auf dem Wege der Verwaltung! nicht erschwert oder gar verschlosien wurden. Die Gewerbe-! statistik. welche vor einiger Zeit im deutschen Reiche ausge-I führt wurde, hat hierüber hinlänglich Beweise geliefert, und unsere Gegner konnten aus ihr nicht die gehofften Resultates ziehen, noch dazu, wenn man billige Rücksichten auf den I Gang der Entwickelung nimmt. So sehr man auch die! Wahrheit zu verhüllen sucht, der wahre Grund der antisemi- > tischen Bewegung bleibt die religiöse Beharrlichkeit der Juden, - der Rcligionshaß, der ebenso bei den Radikalen wie bei den , Orthodoxen gegen das Judenthum gerichtet ist. Und doch,! wie kann man sich über diese Glaubensfestigkeit verwundern? I Bon der einen Seite haben diese die Juden durch so viele Jahundcrtc hindurch und unter den traurigsten Berhältnisien bcthätigt, und zwar ebenso vor. Seiten der denkenden Köpfe, wie der Masie, daß im Grunde niemand erwarten konnte, wenn er nicht selbst für religiöse Gefühle und Ideen abgestorben mar, daß die Juden mit einem Male ihre religiösen Anschauungen aufgcbeu könnten. Bon der anderen Seite hat das Chrisienthum, das allerdings das antike Heidenthum überwunden hat. sowohl bei den alten Bewohnern als bei den cinströwenden Bölkerstämmen in Europa, nirgends, den bestehenden Religionen gegenüber, die Kraft besessen, sie aus den Geistern ihrer Bekenner zu beseitigen. Die europäische Eultur und die europäische Waffcnmacht haben sich den größten Thcil der Erdoberfläche unterworfen; aber nicht einmal in den unterworfenen Ländern vermochte das Christenthum die Geister an sich zu ziehen und sich an die Stelle} ihres Bekenntnisses zu setzen. Die hunderte Millionen Moj h amedaner, die ö00 Millionen Buddhisten und die ungezählten i Fetischanbeter in Afrika leisten allen Einflüffen und Anstrengungen des Christenthums unbedingten Widerstand. Ja es ist constatirt, daß der Islam sehr bedeutende Fortschritte macht, während dies dem Christenthume gegenwärtig versagt j ist. Wer deshalb vorurtheilslos die Dinge und Sachlage! zu beurtheilen vermag, wird den Juden aus ihrer Glaubens-! treue keinen Borwurf machen, vielmehr ihnen dafür Anerlkennung und Würdigung zu Theil werden lasten. Für die oben entwickelte Ansicht einen Beweis statt vieler. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hat bekanntlich dem Bater des Berliner Antisemitismus vorgeworfen, daß er mit seinen Christlich-Socialen in der Motivirung ihrer Hetzen gegen die Juden stets herumschwanke, zwischen Religions und Racenhaß und gewerblichen Borwänden. In seiner Bertheidigungsrede leugnete Stöcker alle diese Momente ab und wollte nichts weiter beabsichtigen, als „die Juden etwas toleranter und bescheidener zu machen", und berief sich hierbei wieder einmal auf einen ohne ihn längst vergesienen erbärmlichen Satz eines unbedeutenden jüdischen Journalisten. Natürlich glaubt hierin dem Herrn Stöcker Niemand. Sieht man aber auf die anderweitige Thätigkeit dieses Hofpredigers und auf die Gesinnung, die er gegen diejenigen Protestanten und besonders Theologen, welche nicht der streng orthodoxen Richtung angehören, wiederholt zu erkennen gegeben hat: so kann es keinem Zweifel unterworfen sein, daß in diesem Manne der religiöse Fanatismus der wahre Grund feiner antisemitischen Agitation ist. Es bekennt sich eben in unserer Zeit Niemand gern zum Rcligionshasie, zur Verfolgung aus confesiioneller Leidenschaft. So verhüll E. v. Hartmann dasselbe Motiv in „das jüdische Stammesgesühl", und Andere folgen ihm in dieser Art von Bekleidung ihrer eigentlichen Triebfeder. Nein! Wir sind und fühlen uns als Deutsche mit völliger deutsch-nationaler Gesinnung, wie unsere Glaubensgcnosien in den anderen Ländern sich als Söhne ihres Bater-! landes bethätigen. Wir lasten uns von Niemandem unser Vaterland und unseren Patriotismus absprechen. Aber unsere Religion als das innerste Eigenthum unseres Seelenlebens vertheidigen wir mit aller Kraft und setzen für deren Erhalj tung Alles ein, was dazu erforderlich ist. Gerade dadurch! glauben wir der Menschheit und dem Vaterlande Dienste zu! erweisen. Tenn was wäre diesem, ja selbst dem Christenthume mit einer großen Masse glaubensloser Menschen gedient? Wo die heilige Flamme der Religion erloschen ist, wo in der Maste die Gesinnungstreue fadenscheinig geworden und das j Herz bei dem Mangel aller Innigkeit und Festigkeit zusammenschrumpfte — was kann da Vaterland und Menschheit erwarten, was bleibt da noch außer den materiellen Jnteresien übrig! Gott sei Dank, die Juden lasten sich nicht bange machen; sie kennen sich selbst, ihre Bestrebungen und ihre Be-

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