Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 42 (13.10.1885)
- Date
- 1885-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Zudenthmns. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste j Nr. Hl) und Oesterreich bei allen! Postämtern, außerdem durch den Buch- ' Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippsou in Bonn. Kzepeöition: Leipzig, Woßptcrh 18. I In rcdactionellen Angelegenheiten! wende man stch an vr. Vhilippson in i Bonn direct, in allen übrigen an die i; Berlagtzhandlnnq. Beilagen (('IcbiUjr; 12 3)1.) sind gleichsaus an letztere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 13. October 1885. No. 42. Inhalt. Leitende Artikel: Zum neuesten Kampfe. — Der heutige Buddhismus. — Wohlthätige Werke. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Mainz, Aus Baden, Witten. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Krakau, Teplitz. — Italien: Rom, Livorno. — Rußland: Warschau. — Amerika: Kansas City. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Tie polnischen Juden. Zcitc'vxDe CUtt£c£ Bonn, 7. October. Zum neuesten Kampfe. Thatsachen können nicht durch Gründe hinweggestritten werden: sie sind einmal da. Hingegen kann man den geschichtlichen Zusammenhang aufsuchen und sie dadurch erklärlich machen. Der Kampf, den die Juden in Deutschland bis ungefähr 1870 zu kämpfen hatten, befaßte die Rechtsfrage. Prinzipiell wurde sie 1848 entschieden, und nur noch einmal, aber erfolglos 1856 in Preußen in Frage gestellt. Nun handelte es sich aber darum sie actuell zu machen, und dies gelang erst in der Periode von 1868 bis 1878. In letzterem Jahre wurde das Prinzip der Gleichberechtigung durch die europäischen Mächte übereinstimmend anerkannt, ohne daß es dadurch in Osteuropa zur Verwirklichung kam. Kurze Zeit darauf erhob sich ein neuer Kampf und diesmal um die Existenzfrage. Wenn auch die Antisemiten auf eine Beschränkung der bürgerlichen und politischen Rechte dachten und in ihren Versammlungen und Pamphleten davon sprachen: so ergab es sich doch alsbald, daß sie dafür gar keinen Boden fanden und es deshalb bis heute noch zu keinem einzigen formulirten Anträge in irgend einem Parlamente brachten. Aber die Existenz des Judenthums ist es, die sie bestreiten und die sie womöglich vernichten möchten. Als noch von liberaler Seite die „Emanzipation" der Juden befürwortet und gefordert wurde, las man häufig in den öffentlichen Blättern und in Büchern die Meinung ausgesprochen, daß durch diese Emanzipation das Judenthum aufgelöst und zersetzt und die Juden zum Christenthum übertreten würden. Eine thörichte Hoffnung! Denn wenn die Juden so arm an Glaubenstreue, so dürftig an Festigkeit des Charakters gewesen wären, hätten sie die Emanzipation nicht gebraucht, sondern konnten sich zu aller Zeit die volle Gleichberechtigung durch Den Abfall von ihrer väterlichen Religion erwerben. Jetzt nun, da sich jene Voraussetzung nicht verwirklicht hat, machen die Judenfeinde uns den Vorwurf, die Bedingung nicht erfüllt zu haben, unter welcher die Emanzipation zugestanden worden sei: wir hätten unsere Sonderexistcnz nicht aufgegeben, wären also der Nation fremd geblieben. Und aus diesem Gesichtspunkte dringen sie darauf,!daß wir beseitigt würden, ohne freilich angeben zu können, auf welche Weise dies geschehen sollte? Sie vermögen aber! nicht den geringsten Beweis für ihre Behauptung zu erbringen. jAls die Juden um die Gleichberechtigung rangen, thaten sie jdies mit dem vollen Bewußtsein, daß sie mit den gleichen Rechten auch die gleichen Pflichten übernähmen. Und dies haben sie in allen Punkten erfüllt, und zwar nicht bloß in den gesetzlich vorgeschricbencn, sondern auch in denen, welche aus dem Herzen für Vaterland und Nation entspringen. Bei jeder Veranlaffung haben sie dies in vollem Maße gethan. Sie haben sich die deutsche Bildung angccignet. und zwar nicht bloß die sogenannten Gebildeten, sondern auch die jüdische Maffe steht in ihrer Bildung der christlichen Masse durchaus nicht nach. Der deutsch-nationale Geist hat in uns keinen geringeren Raum eingenommen, als in der christlichen Bevölkerung, und der Eifer für ihn ist in uns nicht schwächer.