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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-06 · Heft 41 (6.10.1885) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 41 (6.10.1885)
Date
1885-10-06
Page
Seite 661 (sequence 13)
Language
German
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$61 der russischen Sprache mächtig ist. Die gehaltvollen „ Peters' j Mann in diesem Blatte veröffentlicht hat, bürgen für den burger Briefe," welche der strebsame und begeisterte junge! Gehalt der vorliegenden Brochüre. — Feuilleton. Das Leben. ii. Goethe, der „Wahrheit und Dichtung “ > welche die Gegenwart, die wir durchschreiten, beherrschen.! Allein auch in uns als Individuen haben wir einen Trost für die Flüchtigkeit des Momentes, der unsre Gegenwart verfaßte, bemerkt ausmacht, und der uns entgeht, indem wir ihn fasten wollen, einmal, daß wer seine Selbstbiographie niederschreiben oder Dieser Trost steht in dem ununterbrochenen Zusammenhang. Bedeutendes aus seinem Leben verzeichnen will, dies bald oder wie man fremdsprachlich sagt, in der Continuität unsres thun muffe, nachdem er etwa das fünfzigste Lebensjahr be- Jchs, unsres Bewußtseins als selbständiges Wesen. Dieses endet hat. Und mit Recht; denn im späteren Alter ver-; Ich fühlt sich selbständig und andauernd von unsrer Geburt wischen sich die Umriffe der Erlebniste, die Merkmale der bis zu unsrem Tode, vom ersten Erwachen bis zum Erlöschen Persönlichkeiten, die Kennzeichen der Situation, und die Daten unsres Bewußtseins. Wir fühlen uns als Dasselbige in verwirren sich, wie es Goethe selbst in seinem unsterblichen unsrer Vergangenheit, in Gegenwart und Zukunft, und so Werke ergangen ist. Die Erinnerung an die Vergangenheit, werden wir über alle Flüchtigkeit hinausgehoben. Und hier die lebhaft meist erst im höheren Alter erwachen und die kommen wir zu einer Eigenthümlichkeit, welche den Menschen Seele beschäftigen, werden gewistermaßen zu einem Traumauszeichnet. Der Mensch richtet sich auf Erden ein, als ob leben, das von dem Gesichtspunkte und aus der Stimmung er für immer darauf verweile. Der Psalmist mag immerhin heraus angeschaut wird, in der man sich befindet. Der vom Menschen sagen: „Am Morgen blüht und wächst er, Pessimist wird sie in trübem Lichte erblicken und tadelnd am Abend mäht man ihn ab und er verdorrt." Wir wisten über die damaligen Zustände und Erscheinungen uriheilen, dies hinlänglich, aber auf die Wirklichkeit hat dies keinen während der heiter Gestimmte aus dem Schatze seiner Er- Einfluß. In der Jugend ist dies natürlich, denn die Zuinnerungen nur Freudiges und Angenehmes hervorholt. Eigen kunft dehnt sich vor ihr noch unabsehbar aus; im Mannesist es, daß demjenigen, der ein viel bewegtes Leben hinter sich hat, die Vergangenheit wie eine weit gedehnte, von Höhen und Niederungen durchsetzte Flur erscheint, während das verflostene Leben als kurz beklagt, dem es in Gleichmaß und Gewohnheit dahingegangen. Wie dem aber auch sei, die Vergangenheit ragt in unser Dasein nur durch ihre innerlichen und äußerlichen Wirkungen und Erfolge hinein und nur durch diese behält sie eine Wesenhaftigkeit und wird nicht zur Schattenwelt, die immer mehr hinter uns in das Nichts versinkt. — In der nordischen Mythologie sitzen unter dem Weltbaum Jgdrasil drei Normen, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, die Schicksalsgöttinnen besten, was wir erlebt haben, was wir erleben und was wir erleben werden. Und diese Gegenwart, was ist sie? Ein kaum bestimmbarer Augenblick. Was geschehen ist, gehört der Vergangenheit, was geschehen wird, der Zukunft an; und so schmälert sich die Gegenwart zu einem kleinen Lichtstreifen der Existenz, zu einem Athemzuge, bei dem sich sogar das Einathmen und das Ausathmen trennen läßt, zu dem mathematischen Punkte, der keine Dimensionen hat, und nur geölter haben wir vor den Anforderungen des Lebens keine Zeit daran zu denken. Aber auch im Alter, im höchsten Alter hören wir nicht auf, Hoffnungen zu hegen, Entwürfe zu planen und Hand an deren Ausführung zu legen, als ob die Grenze unsres irdischen Daseins nicht nahe wäre. Victor Hugo kaufte in seinem 81. Lebensjahre ein großes Grundstück in der belebtesten Straße von Paris, ließ die darauf befindlichen Baulichkeiten niederreißen und begann nach einem von ihm entworfenen Grundriß ein großes Hotel bauen zu lasten, in welchem er wohnen wollte. Jener hochbetagte Greis, der, nach dem Midrasch, Bäume pflanzte, und welchen der vorübergehende Kaiser fragte: „Thörichter Greis, gedenkst du denn noch Früchte von diesen Bäumen zu genießen, daß du, anstatt zu ruhen, im Schweiße deines Angesichtes, sie pflanzest?" antwortete ihm gewiß nicht mit voller Wahrheit: „Meine Enkel werden die Früchte derselben genießen und mich dafür segnen." Vielmehr dachte er doch noch, Früchte von diesen Bäumen zu ernten und zu genießen. Denn wer sollte ihm absprechen, daß, wie er die 80 erreicht, er auch noch zu der l!0 gelangen könne? Wer sagte ihm, daß seine Enkel diese dacht wird. Allerdings dehnen wir die Gegenwart Willkürj Bäume besitzen werden? Wer verbürgte ihm, daß diese Enkel, lich aus; wir ziehen hinein, was unmittelbar mit dem Gegenwenn sie unter dem Schatten dieser Bäume säßen und deren wärtigen in Verbindung steht und fassen es als ein bestimmtes Früchte pflückten, seiner noch gedenken und sein Gedächtniß Ganzes aus; wir sprechen von einem gegenwärtigen Geschlechts segnen würden? Schon Kohelet sagt: „Es ist ein Einzelner ja sogar Zeitalter, weil wir da gemeinsame Züge entdecken,. und all seiner Mühe ist lein Ende, und auch wird sein Auge

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