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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-06 · Heft 41 (6.10.1885) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 41 (6.10.1885)
Date
1885-10-06
Page
Seite 657 (sequence 9)
Language
German
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657 und alle Einsicht, und wir bedauern aufrichtig, daß gegenwärtig die Handwerker sich als Träger der äußersten Reaktion aufspielen. Siegen, 22. Sept. Am 14. Oktober e. kommt der Hofprediger Stöcker zu seinem dritten Prozeß. Der erste,' von Stöcker beantragt, bekanntlich vom Staatsanwalt geführt, gegen Bäcker, nahm, wie man sich erinnern wird, für den „Zeugen Stöcker" einen empfindlichen Verlauf; der zweite, gegen Stöcker, nicht vom Staatsanwalt geführt, brachte demselben eine Geldstrafe ein. Der dritte nun, wieder von Stöcker beantragt und vom Staatsanwalt geführt, ist gegen den Re-, dakteur Sommert zu Siegen, steht eben bevor. Ob wohl früher einmal ein Hofprediger so viele Prozesse gehabt? Denn auch noch ein vierter steht in Aussicht, von Bäcker gegen Stöcker, allerdings wieder ohne Staatsanwalt. Oldenburg, 23. September. Auch in unser Land, das durch seine lieberale Gesinnung und dieser entsprechende Institutionen bekannt ist, will sich der Antisemitismus eindrängen. Es hat sich hier ein „christlich-conservativer" Verein gebildet, bei welchem es sich um den Import des Stöckerthums handelt, damit wird man hier kein Glück haben. Unser Land lebt in vollständigem confessionellen Frieden; insbesondere ist es vom Antisemitismus gänzlich verschont geblieben. Bei seinen gesegneten wirthschaftlichen Verhältnissen und der praktischen Tüchtigkeit seiner Bewohner, hat cs auch durchaus nicht nöthig, einen Sündenbock für ökonomischen Rückgang zu suchen. So wird es auch den paar Don Quixote's von der Kreuzzeitungs-Ritterschaft nicht gelingen, unter dem Deckmantel der christlichen Liebe reaktionäres Duckmäuserthum, geistigen Hochmuth und konfessionellen Haß hier einzuführcn. Seesen, 27. September. (Privatmitth.) Die Jacobson- Schule allhier hat stets die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, da sie nicht blos eine in ihrer Organisation vollständige Simultanschule ist, sondern, von einem Juden gegründet, stets eine große Anzahl christlicher Schüler hatte. Daß die Anstalt zugleich in ausgedehnter Weise die Wohlthat übt, einer Anzahl Schüler freien Unterhalt oder externen Freischule zu gewähren, erhöht natürlich das Interesse. Der uns vorliegende Bericht für die Zeit von Ostern 1884 bis Michaelis 1885 zählt 238 Schüler auf. von welchen 108 Israeliten und 130 Evangelische waren. Bon diesen 238 Schülern waren 124 Hausschüler, unter welchen 40 Freistellen im Alumnat inne hatten, und 114 Stadtschüler, unter denen 65 das volle, 23 das halbe und 26 kein Schulgeld bezahlten. In Religion wurden die israelitischen Schüler 12 Stunden, die christlichen 7 Stunden wöchentlich unterrichtet. Bei der Abgangsprüfnng wurden einer mit dem Prädicat „sehr gut", 4 mit „gut" und 4 mit „genügend" entlassen. Die Einnahmen und Ausgaben der Anstalt balancircn mit 91782 M. Das Vermögen besteht in 581300 M. Wie wir schon in d. Ztg. berichteten, tritt der bisherige Direktor der Anstalt, Herr Dr. Arnheim, der seit dem 1. September 1862 fungirte, mit dem 1. October d. I. aus seinem Amte. Wünschen wir, daß seinem Nachfolger ein gleicher Erfolg seiner Thätigkcit werde. Ansbach, 23. September. In der heutigen Sitzung der hier versammelten Generalsynode fand eine lebhafte Discussion über folgenden Gegenstand statt: Zn einem Antrag der Synode Windsbach wegen Aufnahme der sonntäglichen Fürbitte für die Mission unter den Heiden und für die Bekehrung Israels hatte der Ausschuß sich zu dem Anträge geeinigt: „H. Genei ralsynode wird ersucht, den Antrag der Diöcesansynode Windsbach dem h. Kirchenregimente zur geneigten Berücksichtigung i zu empfehlen und dasselbe zu bitten, dieser Fürbitte die geeignete Fassung zu geben." Referent Kirchenrath Decan Engelhardt empfahl den Ausschußantrag. Decan Seßner von Feuchtwangen äußerte sich dahin, daß die Israeliten es übel nehmen müßten, wenn für ihre Bekehrung gebetet würde. Director Schreiber von Augsburg nannte die Fürbitte beleidigend. Auch Senior Brendel von Augsburg hielt die Für-! bitte für unangemessen. Präsident vr. v. Stählin erklärte, die Fürbitte für Israel sei an und für sich ganz recht, aber es fromme nicht Alles. Er fürchte unangenehme Folgen, die I Beschuldigung des Antisemitismus, von dem wir. in unserem Lande nichts wüßten. Bei der Abstimmung wurde die Aufnahme der Mission unter den Heiden in das sonntägliche Gebet mit großer Mehrheit angenommen, die Fürbitte für i die Israeliten aber mit allen gegen 33 Stimmen abgelehnt. Frankreich. i Paris, 27. Sept. Die Wahlen für die neue Deputirten-; kammer haben auch in Algier eine starke Bewegung hervorj gebracht, an welcher selbstverständlich die mohamedanische j Bevölkerung keinen Antheil nimmt, da sie in ihrem größten! Theile nicht naturalisirt ist. Zum Theil zeigt sie eine Gestalt, wie sie sich seit einigen Jahren bei Gelegenheit von! Wahlen in Berlin kundthat. Es giebt gewisse Agitatoren,! welche in Volksversammlungen durch antisemitische Schlag- | Wörter auf die Masse wirken wollen. Bezeichnend ist es.! daß diese Hetzer zu den Radicalcn gehören, da die israeli-; tischen Einwohner für gemäßigte Liberale stimmen. Ilebrigens! wird mitgetheilt, daß der Präfekt von Algier, der sich einige Tage in Paris befand, dem Minister des Innern versicherte, " daß die Bewegung in den Geistern sich beruhigt habe und! daß die antijüdische Aufregung als zum Stillstand gebracht, ' angesehen werden könne. Aus einer jener Meetings wird die i Anekdote erzählt, daß ein Bürger, der dem Herrn Honel; (Vater) — dessen Sohn jetzt Stellvertreter des Staatsanwalts > ist — antwortete, seine Rede damit schloß, unseren Glaubensgenossen als Juden zu schmähen. Herr Honel bestieg die 41

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