Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1885)
- Date
- 1885-10-06
- Page
- Seite 656 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227597--42977-3311583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
656 Mann stellen kann, es sind einfach „Abfchlachtungsmeetings". Dies vorausgeschickt, wollen wir nun fragen, was hat Herr vr. Förster vorgebracht, das auf unsere jüdischen Mitbürger anwendbar wäre? Wir wollen von der Gesammtkritik der Rede abstehen, sie hat unsere Erwartungen, die zwar nicht hoch waren, jämmerlich enttäuscht. Der Doctor hat ein Quodlibet von Gemeinheiten, Platitüden, Zoten aus der gesommten Antisemitenliteratur, die reich an solchen ist, gesammelt und den Juden an die Köpfe geworfen. Der platte Cynismus, mit dem der Doctor der schlecht veranlagten Menge zu imponiren suchte, indem er „Witze" riß über den geschlechtlichen Umgang der Juden rc., erzielte zwar Effecte, aber traurige. — „Wo sind nun solche Vorwürfe unfern jüdischen Mitbürgern gegenüber verwendbar? — Unwillkürlich übersehen wir eine Reihe der ehrenhaftesten Männer, und wollte der Doctor nur eins der Attribute aus dem Reiche der Gemeinheit, der Ehrlosigkeit und der Zoten, welche er den Juden zudachte, einem unserer jüdischen Mitbürger anheften, dann würde er dem Strafrichter verfallen. —" „Weshalb denn aber eine solche auftegende Massenfcene, wozu der Bortrag, wenn Alles, was in demselben gebracht worden, nicht das geringste Zutreffende für unsere Duisburger Verhältniffe hat? Und doch liegt das directe Ziel auf die Duisburger Juden zu Tage. Es hat demnach eine Beschimpfung der hiesigen Juden stattgefunden, wie sie absurder nicht kann gedacht werden; ob die Behörde dafür verantwortlich zu machen ist, daß so etwas Vorkommen konnte, bedarf der Erwägung. „Nach dem, was wir oben erörtert, ist cs klar, daß die Beschimpfung, die der Dr. Förster auch dem Verlag und der Redaction des Tageblattes anthar, unbegründet ist; wir haben als parteilose, nüchtern und rechtlich denkende Menschen gehandelt. Daß wir dennoch öffentlich beschimpft werden dürfen, haben Andere zu veranworten, energisch verwahren wir uns dagegen. Sollte noch einmal derZustand der Ungesetzlichkeit zugelaffen werden, so werden wir davon zu profitiren wiffen." „Sollen wir uns nur noch einige Augenblicke mir dem vr. Förster beschäftigen? Nach all dem Wust von Absurdem, der Vermengung und Verquickung der Begriffe fiel uns der klägliche Appell an die Hörer auf. — Der Doctor sagte, daß der Minister v. Goßler, den er auch einen Judenabkömmling nannte, ihn seiner agitatorischen Thätigkeit halber um Brod und Stelle gebracht habe. Nein, Herr Doctor, nicht Ihre agitatorische Thätigkeit war es, die Sie aus dem Lehramt brachte, heute, nachdem wir Sie gehört haben, wiffen wir, daß Ihre völlige Unsähigkeit Ihren Abschied veranlaßt«:." „Wo liegt das Niveau in Ihrem Bortrage, wo ist der geistige Standpunkt, wo der klärende, ordnende Gedanke? — Es war ein jämmerliches Elaborat, mit Floskeln und Blendwerk gespickt und dem Geschmack derer entsprechend, die Sie riefen, dazu mit cynischen Ausfällen verbrämt." „Der Doctor hat aus anderen Werken ein Ragout gebraut und im Geschmack der Gaffenhauer verarbeitet. Sein geistiges Können ist schwach. In der gelehrten Gesellschaft steht er auf der Stufe, wo im gewöhnlichen Leben eine unternehmungslustige Waschfrau steht. — Deshalb der Entscheid des Ministers — unabhängig davon, ob derselbe ein Judensprößling. —" „Wir wollen Sie jetzt loslaffen, Herr Doctor, — nur noch eines soll uns eine Minute beschäftigen. — Sie werfen uns, umgeben von Ihrem namenlosen Comitv, den Borwurf der Feigheit an den Kopf. — Sie wiffen doch, daß man in Reden vorsichtig sein soll! — In Berlin brachte Sie Ihr vorlautes Wesen in Conflict mit dem Studenten v. Schramm, Ihrem Gesinnungsgenossen, er gab Ihnen die Reitpeitsche zu schmecken, ohne daß Sie sich wehrten. —" Dortmund, 23. September. (Privatmitth.) Am Sonntag fand hier eine von 600 Handwerksmeistern besuchte Handwerker-Versammlung statt, welche mit der Handwerkerftage und mit der Frage der Sonntagsruhe sich beschäftigte. Sie erklärte in ersterer Hinsicht mit den Beschlüssen des letzten Kölner Handwerkertages sich einverstanden und nahm bezüglich der Frage der Sonntagsruhe folgende Resolutionen an. 1. Die heutige Handwerker-Versammlung erklärt sich strikte gegen alle Sonntagsarbeit aus religiösen wie aus wirthschaftlichen Gründen; 2. protestirt die Versammlung energisch dagegen, daß Angehörige der jüdischen Confession, die doch ihren Sabbath für sich feiern, über unseren christlichen Sonntag bei der Enquete über die Sonntagsfeier als Gutachter vernommen werden. — Allerdings legt die strenge Sonntagsruhe den am Sabbath feiernden Juden in gewerblicher Beziehung ein schweres Opfer auf. Aber wir halten uns überzeugt, daß jeder verständige Israelit seinen christlichen Mitbürgern die Sonntagsruhe gönnt, und nicht gegen sie stimmt, soweit nicht die Existenz gewisser Industrien dadurch gefährdet wird. Rechnen wir es uns doch als ein Verdienst an, den in religiöser wie socialer Beziehung so überaus wichtigen Ruhetag auch in die christliche und mohamedanische Welt gebracht zu haben. Wenn nun aber jene Handwerker-Versammlung dagegen protestirt, daß unter den bei der desfallsigen Enquete Befragten auch Juden seien, so geht sie von den beschränkten Ansichten aus, welche die meisten Handwerkerversammlungen bekunden. Eine Enquete setzt voraus, daß sowohl Freunde als Gegner der betreffenden Sache gefragt werden; sonst ist es keine Enquete, und das Resultat wäre eben nur die Befriedigung einer einzigen Ansicht. Auch hier wieder con» jfessionelle Ausnahmen zu fordern, läuft wieder alles Recht