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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-06 · Heft 41 (6.10.1885) · p. Seite 655

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 41 (6.10.1885)
Date
1885-10-06
Page
Seite 655 (sequence 7)
Language
German
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655 und sprachliche Eigentümlichkeiten mancher oder unseretwegen auch vieler Juden verspottet; daß in Versammlungen aus die vom Redner stereotyp wiederholte Frage „Wer hat das gethan?", der Chorus antwortet: „Die Juden!" Ist diese Art der antisemitischen Agitation den Christlich-Socialen ganz fern geblieben? Wir deuteten an, wenn die Christlich Socialen ihre Aufgabe erst nehmen wollen, so hätten sie deren Erfüllung hauptsächlich auf dem Gebiete der inneren Mission zu suchen, und wir können cs kaum verstehen, daß nach den Berichten Herr Stöcker dem entgcgcngetreten sein soll. Liegt nicht gerade der von Herrn Stöcker hervorgehobene „socialethische" Punkt auf jenem Gebiete? Wenn Herr Stöcker sagt: „Um den Punkt: christlich-social dreht sich in der Gegenwart Alles" — so hat er in bedingter Weise Recht. Die socialen Aufgaben in christlichem Geiste zu fördern, das ist nicht nur die Aufgabe der Gegenwart, sondern das wird diejenige einer langen Zukunft sein; aber wenn Herr Stöcker dieses im Kreise seiner Christlich-Socialen sagt, so wird sehr energisch dagegen zu protestiren sein, daß über das von uns als berechtigt anerkannte Streben: Gegengewicht der Socialdemokratie sein zu wollen, hinaus, sich Alles in der Weise um „christlich"-social drehe, wie letzteres jetzt agitatorisch propagirt wird." — Die „ Germania" will in Erfahrung gebracht haben, daß der Oberkirchenrath doch noch gegen Herrn Stöcker das Disciplinarverfahren einleiten werde, sobald das Urtheil in dem Proceß Schmidt-Stöcker Bestätigung gefunden habe. — Auf Anregung des Predigers an der Synagoge Lindenstraße 50., Herrn Ehr. Landsberger, ist in derselben eine Sammelbüchse zu Liebesspenden für die ausgewiesenen armen jüdischen Ausländer, deren Noth sehr groß ist, angebracht worden. Die gesammelten Beiträge sollen innerhalb einer Woche an das betreffende Unterstützungs-Comitö abgeschickt werden. Die Synagoge ist des Morgens um? Uhr und des Abends um i/->6 Uhr je eine Stunde für die Spender geöffnet. Berlin, 27. September. Die hiesigen Antisemiten suchen auf allerhand Art sich wieder zu sammeln, nachdem ihre bisherigen Vereine in der öffentlichen Meinung auch den Credit verloren haben, den sie in gewiffen Kreisen besaßen. Ein Versuch der Art ist folgender: Behufs Gründung einer „Deutschen Reformpartei", die ein Zwischenglied zwischen den Christlich-Socialen und dem Deutschen Antiscmitenbund bilden soll, war von einem aus 13 Herren bestehenden Comitv gestern Abend im Breuer'schen Saale (Große Frankfurter Straße) eine Versammlung veranstaltet, der u. A. der frühere Abgeordnete Cremer, sowie Stadtverordneter Pickenbach (das ist bezeichnend genug!) beiwohnten. Die neue Partei soll auf dem Boden des positiven Christenthums und der kaiserlichen Botschaft stehen. Schließlich fand folgende | Resolution Annahme: „Die Anwesenden verhalten sich gegenüber der Gründung einer auf dem Boden der kaiserlichen Botschaft stehenden Reformpartei sympathisch und fordern das Comitü auf, Statuten auszuarbeiten und demnächst eine neue Versammlung einzuberufen." Bon der Dresdener Reformpartei lief ein Begrüßungstelcgramm ein. ^Dies ist Zeugniß genug!) (Jedenfalls ergiebt sich hieraus keine Kräftigung der bestehenden Antisemitenvereine.) — Wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß die Behauptung, die Ausweisungen ans den Ostprovinzen seien besonders gegen die Juden gerichtet, eine tendenziöse Erfindung waren, so liefert ihn der Umstand, daß bereits mehrere Hundert Dänen aus Schleswig-Holstein ausgewiefen worden, worunter kein einziger Jude. Witten, 23. Sept. Die Folgen des Treibens der Antisemiten Dr. B. Förster und Di\ König ergeben sich aus nachstehender Bekanntmachung des Bürgermeisters Bürckner: „Es sind in den letzten Tagen bedauerliche Ausschreitungen durch Belästigung und Beleidigung hiesiger Einwohner jüdischen Glaubens vorgekommen, so daß es geboten erscheint, rechtzeitig diejenigen zu warnen, welche sich durch Aufhetzungen zu unbesonnenen Streichen verleiten lassen, da ja nur die Verführten (gewöhnlich keine Männer, sondern unreife junge Leute) bei Ausschreitungen von der Strafe ereilt werden, die Anstifter aber straflos bleiben. Ich werde nicht dulden, daß auch nur in kleinen Anfängen eine Klasse unserer Mitbürger durch rohes Benehmen anderer Personen gekränkt wird, vielmehr sind die Polizeibeamten angewiesen, Jeden, der sich irgend welche Ausschreitungen erlaubt, welche den öffentlichen Frieden zu stören geeignet sind, zu verhaften." Der Herr Bürgermeister veröffentlicht ferner zur Warnung die Aufruhr-Paragraphen (125 und 130) des Stragesetzbuches. Duisburg, 23. September. (Privatmitth.) Die aufhetzcnden Reden des Dr. Förster haben auch hier einige Aufregungen hervorgebracht. Aber der größte und der intelligente Theil der Bevölkerung verurtheilt das Gebahren dieses Volksaufwieglcrs in härtester Weise. Zeugniß hierfür legt das hier vielverbreitete (14,OvJO Exempl. Auflage) „Duisburger Tageblatt" ab. Dasselbe hatte ein Inserat des von Dr. Förster berufenen Comitös aufzunehmen verweigert, weil es anonym und gegen einen ehrbaren Theil der Bürgerschaft gerichtet sei. Darüber von Förster in unqualificirbarer Weise angegriffen, erwidert es die Jnvectivcn Förster's in seiner heutigen Nummer in derber Weise. Es heißt daselbst: „Es ist die von den Antisemiten gebotene Form der Verhandlung keine parlamentarische, eine Einrede wird brutal zurückgewiesen, es fällt eine solche Versammlung nicht mit der Kategorie Politischer Debatten zusammen, wo jeder seinen

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