Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1885)
- Date
- 1885-10-06
- Page
- Seite 654 (sequence 6)
- Language
- German
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654 er die so oft von ihm ventilirte, allerdings unverschämte Phrase eines Berliner Blattes an, die längst bestraft und der Vergessenheit werth ist. Die Hohlheit aller dieser Stöckerschen Behauptungen muß Jedem einlcuchten, der nicht zur christlichsocialen Partei gehört. Wenn er behauptet, daß er und diese Partei keinen Nutzen aus dem Antisemitismus gezogen, so mag dies wahr sein; aber daß sie Nutzen daraus ziehen gewollt und gehofft und sei es auch nur für die Wahlen, ist doch gewiß sicher. Es ist nicht ungewöhnlich, daß man die Absicht ableugnct, wenn der Erfolg dieser nicht entspricht. Für uns ist es jedenfalls von großer Wichtigkeit, daß nicht blos die Nordd. Allg. Ztg., sondern auch Stöcker selbst den Antisemitismus als eine zwecklose Hetze kennzeichnet. — Nicht so zaghaft wie sein Freund und Meister Stöcker sprach sich Pros. Wagener aus. Er scheute sogar nicht den Widerspruch, sich als „Regierungsmann vom Scheitel bis zur Zehe" auszugeben und sich doch die Selbständigkeit vvrznbehalten, der Regierung zu opponiren. Nun, dies zu bewähren, wird Wagener im Parlamente keine Gelegenheit mehr haben, da er nicht mehr candidiren will. Den Antisemitismus hält er für gerecht, wobei er abermals einen Widerspruch mit seiner eigenen Vergangenheit nicht scheut. Im Grunde können wir mit diesem Verlaufe der Dinge zufrieden sein. — Wenn es bedauerlich ist, daß auch Juden sich in den Dienst des Antisemitismus stellen, so sind diese Beispiele doch in Deutschland nur selten. Man erinnert sich wohl eines gewiffen Elias Cohn, der beim Beginne der antisemitischen Agitation für diese eintrat, aber bald wieder verschwand. Jetzt spielt ein gewisser Simon Michael May dieselbe Rolle. Er wurde schon im Stöcker-Bäckerschen Prozeß genannt. Jetzt tritt er als „Redakteur des Reichsboten", des Organs Stöcker's, auf und steht jetzt unter Anklage der Beleidigung des Rechtsanwalts Jonas. In der dessallsigen gerichtlichen Verhandlung, die noch nickt zu Ende geführt ist, wurde constatirt, daß er nach den Gerichtsakten wegen Unterschlagung mit vier Wochen Gefängniß vorbestraft ist. Jncriminirt ist eine Rededie er am 29. Mai o. in einer Versammlung des „deutschen Antisemitenbundes" über das Thema gehalten: „Das moderne Judenthum oder wie muß selbst ein Jude Antisemit werden?" Wir baben hier wieder ein Beispiel, was für Männer Stöcker in seinem Dienste hat. — Auch der „deutsche Antisemitenbund" hielt eine Versammlung, die durch den Lärm, den die Socialdemokraten verursachten, welche den Abg. Singer hochleben ließen, sehr tumultuarisch war. Diese Leutchen, wir meinen die Antisemiten, wollten sich mit aller Gewalt ein Air geben, um bei den Wahlen berücksichtigt zu werden. Sie meinen, wer am meisten Getöse macht, wird am ehesten gehört. — — Die „Voss. Ztg." schreibt' „Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt in den Wahlnachrichten ihrer gestrigen Abendausgabe an erster Stelle einen Aufruf zum Abdruck, in welchem das conservative Comitö für den 1. Berliner Landtagswahlkreis Gelder erbittet, und erklärt sich selbst zu Sammlungen für den Wahlfonds bereit, obgleich dem gouvernementalen Blatte nicht unbekannt sein kann, daß das Comitv den Hofprediger Stöcker als seinen Candidaten aufstellt. Ein komischer Zufall will es, daß in dem zweiten Artikel in derselben Rubrik dem sächsischen Frhrn. von Friesen von der „Nordd. Allg. Ztg." sein „Eifer für die antisemitischen Preußenfresser der Dresdener Antonstadt" vorgeworsen wird." Berlin, 27. Sept. (Privatmitth.) Wenn, wie es scheint, in den Berliner conservativen Centrol-Wahl-Comites augenblicklich Stöcker wieder obenauf und die Spaltung, wenn auch nur oberflächlich, ausgeglichen zu sein scheint: so wird doch der Riß seine Folgen haben, welchen die Bekämpfung des Antisemitismus und Stöckers durch die „Nordd. Allg. Ztg." hervorgebracht hat. Die streng Gouvernementalen können sortan mit den Antisemiten, und wenn sie sich noch so conservativ stellen, nicht mehr Hand in Hand gehen. Stöcker und seine Anhänger haben den Schlag, den ihnen die „N. A. Z." versetzt hat, tief empfunden, und nicht blos in der Versammlung, über welche wir oben berichtet haben, sondern auch in andren conservativen Vereinigungen ergreift Stöcker das Wort, um die Borwürfe, welche ihm die „N. A. Z." macht, von sich abzuwehren und ihren Artikel zu widerlegen. Die „N. A. Z." kann hierzu nicht schweigen, und ein neuerlicher Artikel derselben wendet sich gegen diese Reden Stöcker's. Die natürliche Folge ist, daß sich der Streit zwischen beiden immer mehr zuspitzen wird, so daß eine empfindliche Wirkung hiervon nicht ausbleiben kann. Die „N. A. Z." schreibt: „Die staatsbürgerlichen Rechte der Juden sollen nach Herrn Stöcker durch den von den Christlich-Socialen betriebenen Antisemitismus nicht in Frage I gestellt sein, er will nur etwas mehr Toleranz, etwas mehr Bescheidenheit von den Juden gefordert haben. Wenn er! sich dabei zur Begründung dieser Forderung auf den schamlosen, die Generalsynode beleidigenden Ausspruch eines hiesigen Blattes beruft, so wird es gewiß keinem anständigen Menschen, er mag angehören welchem Glaubensbekenntnisse er wolle, einfallen, jenes gehässige Wort auch nur beschönigen zu; wollen. Aber, darf man andererseits wohl fragen, drehte sich! nicht die als Hauptagitationsobjekt speziell der Christlich-Socialen „nutzbar verwendete" Eidesverweigerung eines hiesigen Geistlichen um staatsbürgerliche Rechte? Dann aber eine andere Seite der Sache: was haben die von Herrn Stöcker im Antisemitismus hauptsächlich bekämpften „Geschäftsgewohnheiten" der Juden, was die von ihnen geforderte größere Toleranz und Bescheidenheit damit zu thun, daß man gelegentlich mit Fingern aus einzelne z. B. reiche Juden zeigt, die in der Siegesallee fpaziren fahren, daß man körperliche