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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-06 · Heft 41 (6.10.1885) · p. Seite 653

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 41 (6.10.1885)
Date
1885-10-06
Page
Seite 653 (sequence 5)
Language
German
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653 auszuführen! Leben und Gesundheit so vieler Theuren stehen 1 toleranter, ein wenig bescheidener werden. Wie das „nutzdabei auf dem Spiel! ‘ bringende Verwendung" sein solle, sei ihm unklar. (Beifall.) Berlin, 23. Sept. (Privatmitth.) Die Berliner Wahlenj Als vor 6 Jahren die Generalsynode, die wieder bald zufür den Landtag und die Berliner Stadtverordnetenwahlen sammentrete, ihre Verhandlungen geschloffen hatte, da habe werden nun doch ein gewisses Jntereffe besitzen. Abgesehen; ein jüdisches Blatt geschrieben: „man müsse erst die Räume von dem gewohnten Kampfe zwischen den Freisinnigen, Condes Herrenhauses, wo die Synode tagte, wieder tüchtig ausservativen und Socialdemokraten, wird es sich dabei konstaräuchern lassen." (Stürmische Pfuirufe.) Diese That des tiren, ob an dem jetzt viel besprochenen Risse innerhalb der jüdischen Blattes habe förmlich zum Kampfe herausgefordert, Conservativen zwischen der Kreuzzeitungspartei und den Ge- und das sei seiner Partei doch nicht zum Vorwurf zu machen, mäßigten etwas Wahres ist, und ob und von wem Stöcker Weiter heißt es in dem Artikel der „Norddeutschen": „Die aufgestellt und unterstützt werde? Denn daß dieser noch nicht i Unterschiede des Religionsbekenntnisses dürfen nicht alterirt vom Platze weichen will, hat er in einer am 18. dss. abge- ' werden." Dazu habe er zu bemerken, daß die christlich-soziale haltenen Versammlung der christlich-socialen Partei, die von!Partei niemals eine Berfassungsänderung zu Ungunsten der etwa 1500 Personen besucht war, kundgegeben. Jndeß hat er sich hierbei in einer so bescheidenen und gemäßigten Weise ausgesprochen, daß man ihn kaum wiedererkennt. Der ganze Abend war zweien Reden von Stöcker und Wagener über den bekannten Arttkel der „Nordd. Allg. Ztg." gewidmet. Beide Redner wollten zwar ostensibel den offiziösen Charakter des Arttkels ableugnen, aber was sie sagten, bewies doch das Gegentheil. Für uns hat nur das Jnterreffe, was Stöcker über den Anttsemitismus sagte. Er zeigte hierbei wieder eine Vergeßlichkeit, die nur darum in einiges Erstaunen versetzen kann, weil sie diesmal noch größer war als sonst. Stöcker vergaß gänzlich, daß er unzählige Male behauptet hatte, die Juden seien für alle öffentlichen Aemter unfähig und daß er die bekannte Petition unterschrieben hat. Er will nie gehetzt haben und der Vater des Anttsemitismus als Partei nicht sein. Wir mögen mit dieser Verleugnung seiner Vergangenheit zufrieden sein; aber wir können sie ihm nicht zugestehen, weil sie durch schwer wiegende Thatsachen als unrichttg bezeugt wird. Stöcker sucht vergessen zu machen, daß e r den Antisemitismus betrieben hat, bevor er die christlich-sociale Partei begründet, daß dieser also etwas nicht zur Last fallen könne, was Stöcker doch vorher gethan hat. Er sagte hierbei ungefähr: Ferner werde in dem Artikel gesagt: „Allerdings habe die christlich-sociale Bewegung den Antisemitismus nicht Scene gesetzt; aber sie habe ihm nur nutzbare Verwendung zu geben gesucht." Hierzu müsse er bemerken, daß der Antisemitismus erst nicht in Scene gesetzt zu werden brauchte. Diese Bewegung sei aus tiefster Ueberzeugung auf die Tagesordnung nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas gesetzt worden. Der Ausdruck: „nutzbringende Verwendung" sei ihm persönlich unverständlich. Weder seine Partei noch er (Redner) selbst habe aus dieser Bewegung einen Nutzen gezogen. Tie Anmaßung und Selbstsucht des Judenthums habe diesen Anttsemitismus, der nicht über Nacht entstanden sei, hervorgerufen. Der Antisemitismus der Christlich-Socialen stelle nur immer wieder die Bitte: das Judenthum möge ein klein wenig Juden gewünscht und überhaupt dem Juden seine garantirten Rechte irgend wie streitig zu machen versucht habe. Gebe es aber denn nicht ein normales Recht, die Uebergriffe des Judenthums zurückzuweisen? (Rufe: Ja!) Er scheue sich nicht, zuzugeben: Es war ein Fehler der Regierung, die völlige Emancipation der Juden herzu stellen, und zwar ein Fehler gegen die Christen. So lange Singer, Löwe und Sabor in dem Reichstage sitzen (sie seien doch von Christen gewählt!) könne man doch nicht sagen: die Juden werden irgendwie gedrückt. (Beifall.) Würde jetzt die Aushebung der Emancipation der Juden verlangt, so würde er sich dem eifttgst widersetzen, denn dann würde die Judenfrage niemals zur Ruhe kommen und die Ansichten darüber würden mit jedem Ministerwechsel anders sein. Einer solchen Calamität seien die Kinder Israels nicht werth. (Beifall.) Die „Norddeutsche" sage weiter: „Unklar bleibe es bis jetzt, ob sich dieser Antisemitismus gegen Rasse, Nattonalität oder Religion richte." Zu erwidern sei hierauf, daß der Anttsemitismus sich nicht gegen die Religion der Juden richte; dazu seien die Judenmissionen berufen. (Beifall.) Wenn die „Norddeutsche" behaupte: „Die christlich-sociale Agitatton sei Selbstzweck, gerade so wie die der Socialdemokraten", so zeige sich, daß sie keine Ahnung von der christlich-socialen Bewegung habe. Auch als Rassenfrage fasse er die Judenfrage nicht auf, wie die eigentlichen Antisemiten. Doch müsse es den Christlich-Socialen gestattet sein, etwas mehr als bloße Kritik an den Semiten zu üben. (Beifall.) Die Judenfrage lasse sich nicht mehr durch die Thätigkeit der inneren Mission regeln (Beifall), obwohl die innere Mission sich von der Lösung von socialistischen Fragen nicht trennen lasse. (Beifall.) Jedenfalls ist cs interessant, wie der Vater und Agitator der antisemitischen Partei seine eigene Vaterschaft verleugnet und sein Kind in das Findelhaus einer allgemeinen Gesinnung bringt. Stöcker beschränkt seine ganze antisemitische Thätigkeit darauf, die Juden ein wenig toleranter und bescheidener zu machen, und als einzigen Beweggrund, auf einen beträchtlichen Theil des Volkes Haß und Verfolgung zu lenke», führt

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