Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1885)
- Date
- 1885-10-06
- Page
- Seite 652 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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652 Extrem, in der Mitte Langmuth u. s. f. Ganz anders gestaltete sich aber das Verhältnis wenn von der Quelle der Tugend und von der aus der letzteren zu ziehenden Glückseligkeit gehandelt wird. Aristoteles weiß hier eine Fortführung des Gedankens nicht zu finden. Anderen griechischen Philosophen entgegen bestimmte Aristoteles, daß die wahre Glückseligkeit nur in der Tugend bestehe, führt aber die Tugend nur auf sich selbst zurück, eben als die Mitte zwischen zwei Lastern. Hierbei konnte Maimonides ncht stehen bleiben; er kehrt zur religiösen Lehre zurück und findet die Quelle der Tugend nicht in der schwankenden und zweifelhaften Natur des Menschen, sondern in der Gotteserkenntniß. Durch diese erhebt sich der Mensch über sich selbst und über seine irdische Natur; nun schaut der Mensch in der Vollkommenheit Gottes das höchste sittliche Ideal, dem er nachzustreben habe und das den Begriff der Tugend und der Tugenden zweifellos feststellt. Wenn ihm Saadia hierin vorangegangen, so hat es doch Maimonides zuerst mit systematischer Klarheit dargelegt. Natürlich versteht er unter Gotteserkenntniß nicht blos die Begriffe von Gott, das vernunftgemäße Berständniß derselben, sondern die rechte und wahre Gotteserkenntniß enthält ihm auch die Nöthigung zur vollen Hingabe an den Willen Gottes, zur treuen Erfüllung der göttlichen Gebote. Nur die sich bedingende Bereinigung des Theoretischen und Praktischen ist ihm die wahre Golteser» kenntniß. Die bloße Uebung des Gesetzes ohne Erhebung in die Sphäre der Erkenntniß, des vollen Bewußtseins und Zusammenhanges mit Gott ist ihm nur eine untergeordnete Stufe. — Wir haben dieses Beispiel gewählt, um dem Leser den Gang der jüdischen Religionsphilosophie zu deutlicher Einsicht zu bringen. Es versieht sich, daß auf den eigentlichen metaphysischen Gebieten die Operationen der jüdischen Religionsphilosophen viel selbständiger sein mußten, wie sich dies besonders bei Maimonides in seinem More nebuchim kundthut. Don Jnconsequenz oder gar Willkür kann hierbei nicht die Rede sein. Die Unvollkommenheiten und Schwächen der philosophischen Systeme gaben den Religionsphilosophen Beranlaffung und Berechtigung genug, an bestimmten Punkten jene zu verlasien und den eigenen Weg am Faden der religiösen Lehre zu beschreiten. Wir erkennen dies z. B. recht deutlich selbst in den angeführten Schemone perakim, wo Maimonides, nachdem er mit Aristoteles die menschliche Willensfreiheit eruirt hat, die Frage in gründlicher und, wir können sagen, maßgebender Weise erörtert: wie die menschliche Willensfreiheit mit der göttlichen Borausbestimmung zu vereinbaren sei? Dieses Problem bestand für Aristoteles gar nicht, da er von dem Borauswiffen und Borausbestimmen Gottes keine Vorstellung hatte. — So wirkte die jüdische Religionsphilosophie anregend und belebeich aus alle denkenden Köpfe unter den Juden auch in den folgenden Zeiten und war in mannigfachen Beziehungen die Mutter der Neuzeit im Judenthume. An sie knüpfte jedes Bestreben an, den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums wieder zum Bewußtsein zu bringen und zum Hauptelement des geistigen Judenthums zu machen. Die Orthodoxie hatte großes Unrecht, sich der Religionsphilosophie feindlich entgegenzustellen und sie möglichst zu erdrücken. Dadurch wurde das Geistesleben im Judenthume fast zum Erstarren gebracht, so daß es, als die Eisrinde gebrochen war, zahllosen Individuen nur als ein Conglomerat geistloser Formen erschien, was im Anfang unseres Jahrhunderts eine sehr tranige Wirkung übte. Erkennen wir also freudig an, daß wir auf den Schultern jener jüdischen Religionsphilosophen stehen, wovon das einfachste Lehrbuch der jüdischen Religion so gut wie jede moderne philosophische Behandlung der letzteren Zeugniß giebt. i Unglück hatten wir aus Odessa vom 2. Tage Rosch-Hasch. zu Deutschland.! Melden. Wir nahmen vor einigen Jahren Veranlassung, die Gemeinden zu ermahnen, mehrere und bequeme Ausgänge in Bonn, 23. Sept. (Privatmitth.) Jedes Jahr, wenn die > den Synagogen anzulegen — namentlich aus den Frauenh. Feste, besonders der Vorabend zum Bersöhnungstage naht, j galcrien — weil schon das Bewußtsein sicheren Ausweges überkommt uns die Besorgniß, daß in irgend einer Synagoge! die Panik vermindert. Ein anderes Hilfsmittel wäre, wenn durch plötzlich hervorgerufene Panik ein Unglück geschehe.! für die hohen Feste mehrere handfeste Wächter bestellt würden. Denn in der That kann ein solcher Schreck, der die dicht zudie bei solchem Anlaß schnell und laut die Unrichtigkeit und sammengedrängte Masse ergreift und zu einer verworrenen Grundlosigkeit des Schreckens verkünden und die Ordnung Flucht treibt, schon durch Gassenbuben, welche einen „Feuermöglichst aufrecht erhalten. Wir bitten, diesen Vorschlag rufin die Synagoge schleudern, bewirkt werden. Ein solches ernstlich in Erwägung zu ziehen und vorkommenden Falls