Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 644 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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644 behörde und so gelangte der Fall zur Untersuchung. Daß die Untersuchungs-Commission sich gerade bei jenem Popen installirte, welcher die Hetze veranstaltet hatte, konnte der Feststellung der Wahrheit nicht sehr förderlich sein. Die vertriebenen Juden wurden zwar unter dem Schutze der Behörden wieder nach Brusturosa zurückgebracht, allein von einer Bestrafung der Schuldigen nahm man Abstand, „um weitere Ausschreitungen zu verhindern", wie es in einem diesbezüglichen Berichte der »Pol. C." heißt. Aus Bukarest wird der „N. fr. Pr." vom 16. d. geschrieben: „Der französische Publizist Herr Armand Levy, welcher hier behufs Studiums der Judenfrage weilt, wurde gestern Abends das Opfer eines Attentats. Als er nämlich um die zehnte Stunde in Begleitung eines Freundes aus einer Versammlung heimkehrte, wurde er von einem unbekannten Individuum angefallen, das ihm meuchlings einige Hiebe auf den Kopf versetzte und entfloh. Der Begleiter Armand's setzte dem Flüchtigen nach und rief um Hilfe, was zur Folge hatte, daß derselbe auch alsbald von einem Stadtsergeanten ergriffen wurde, der ihn jedoch im nächsten Momente wieder losließ. Dieselbe auffällige Szene wiederholte sich, als der Flüchtige einem zweiten Sergeanten in die Hände fiel, bis es dem Attentäter gelang, den Hof der Polizeipräfektur zu gewinnen, in deffen Gebäude er spurlos verschwand. Die französische Gesandtschaft dringt auf Ausfindigmachung und Bestrafung des Schuldigen. Bonn, 20. Sept. (Notizen.) Das Erlebniß eines siebzehnjährigen Berliner, welches von Berliner Zeitungen berichtet wird, ist nach verschiedenen Seiten hin zu lehrreich, als daß wir es unter dieser Rubrik nicht nacherzählen sollten. — Die „Freie Ztg." erzählt eine Geschichte, die lehrt, wie besorgt die Staatsanwaltschaft darum ist, daß kein Meineid im Prozeß Stöcker-Bäcker ungestraft bleibe. Bei der Verhandlung hatten Zeugen der Anklage behauptet, ein schwarzbärtiger Mann Namens Jacobsohn habe einen Zeugen der Vertheidigung zum Meineid verführen wollen. Nun gicbt es aber viele Jacobsohn's; wir möchten ihnen nicht wünschen, daß die Staatsanwaltschaft es mit allen so genau nimmt, wie mit dem, deffen Schicksal die „Fr. Ztg." berichtet: „Heute, Freitag, Abend gegen I Uhr, stellte sich auf unserer Redaktion der Kaufmann Hugo Jacobsohn vor, der soeben aus seiner zehnwöchentlichen Untersuchungshaft entlasten war und über dieselbe das Folgende erzählte: „Zum 8. Juli hatte ich eine Vorladung vor den Herrn Amtsgerichtsrath Frhrn. von Lobenstein erhalten, von dem ich dem Schuhmachergesellen Müller vorgestellt wurde. Dieser Müller, welcher in der Wohnung Masche's gewesen sein will, als der angebliche Jacobsohn bei Masche war, erklärte in Bezug auf mich: „Der sieht dem Jacobsohn sehr ähnlich". Daraufhin wurde ich sofort sistirt. Als Belastungsmoment scheint, wie ich später inne wurde, mitgewirkt zu haben, daß ich, im Bewußtsein, man könne mir Nichts anhaben, bei dieser ersten Vernehmung ausgesagt habe, nach dem Prozeß hätten einige meiner Bekannten mich scherzweise gefragt, ob ich der aus dem Stöcker-Prozeß bekannte Jakobsohn sei. — Am Tage nach meiner Sistirung wurde ich vor den Untersuchungsrichter Herrn Landgerichtsrath Hollmann geführt und dort abermals mit Müller conftontirt. Herr Rath Hollmann erklärte mich für verhaftet. Ich wurde sodann zur Criminalpolizei gebracht. Hier fiel es einem Beamten auf, daß der Jacobsohn einen Bart getragen haben sollte, während ich mit meinen 17 Jahren, wie Sie sehen, mir diesen Luxus nicht gestatten kann. Nun wurde ich bei Zielsdorf und Adler mit und ohne Kopfbedeckung photographirt und in meine Zelle zurückgebracht. — In den nächsten Tagen wurde ich von dem Rath Hollmann mit meinem Denuncianten, dem ausgewiesenen Herrn Albin Böhme, conftontirt, der Berichte unter dem Namen Löwenthal für den Besitzer einer Lesehalle in der Zimmerfiraße, Namens Löwenthal, schreibt, welcher einen Streit mit mir hatte. Dieser Albin Böhme nun erklärte, daß er mich kenne. Darauf wurde ich wieder abgeführt und hörte nun zwei Wochen lang von meiner Angelegenheit nichts. Mir wurde die Sache unheimlich und ich ließ mich schließlich bei dem Untersuchungsrichter anmelden. Ich ftagte denselben: Warum stellt man mir nicht den Schuhmacher Masche und den Rechtsanwalt Sachs vor? Worauf Herr Rath Hollmann mir erklärte, daß man den Aufenthalt Masche's nicht genau wiffe, aber vermuthe, er befinde sich in Elbing. Dagegen wurde mir eine Unterredung mit Herrn Rechtsanwalt Sachs gestattet. (Herr Rechtsanwalt Sachs hatte sofort auf die Unmöglichkeit aufmerksam gemacht, daß der Jnhastirte iventisch sein könnte mit jener mystischen Persönlichkeit, die in dem Prozeß Stöcker contra „Freie Zeitung" eine passive Rolle spielte. Red. der „Freien Zeitung".) Natürlich kannte mich Herr Sachs so wenig wie ich ihn. Darauf blieb ich wieder zwei Wochen ohne jede Nachricht. Ich ließ mich abermals, und von da an öfter bei dem Herrn Untersuchungsrichter melden und mußte erfahren, daß die Akten wiederholt an die Staatsanwaltschaft zurückgegangen seien, immer aber wieder zurückkamen, weil noch weitere Zeugenvernehmungen von der Staatsanwaltschaft beantragt würden. Das geschah auch am 13. August, bei welcher Gelegenheit mir Herr Rath Hollmann miltheilte, daß gegen eine nochmalige Ablehnung meiner Entlastung seitens der Staatsanwaltschaft nur noch das Mittel des Rekurses an die Strafkammer übrig bleibe. Herr Rath Hollmann empfahl mir, mich an seinen Stellvertreter, Herrn Rath Pochhammer, zu wenden, wenn sich in meiner Lage nichts änderte, und