Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 643 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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erwarte, daß auch die Bevölkerung in friedlicher Eintracht' und mit redlicher Arbeit den Aufschwung dieser Länder, wie Mir derselbe am Herzen liegt, eifrigst zu fördern bestrebt sein wird. Zu der Hoftafel, welche am Abend stattfand, wurde auch Oberrabbiner Finzi zugezogen. — Der Profefsorenkörper der Landesrabbinenschule hat gestern, wie die „P. I. Z." mittheilt — sein Gutachten bezüglich der Statuten der neuen jüdischen Reformgemeinde dem Cultusministerium unterbreitet. Das Gutachten lautet dahin, daß die in denselben enthaltenen Satzungen wichtigen Grundlehren der jüdischen Religion zuwiderlaufen, deren Conzessionirung also dem Ministerium nicht empfohlen werden könne. Rußland. Petersburg, 10. Sept. Das Ministerium der Volksaufklärung hat, wie die „Now. Wr." berichtet, die Verfügung getroffen, daß Studenten nicht-christlicher Confession in Zukunft keinerlei Stipendien mehr erhalten sollen. Mit am empfindlichsten trifft diese Verfügung wohl die jüdischen Studirenden, welche allein 10 Procent aller Studirenden ausmachen. (Wir haben hierüber längst berichtet. Einige Universitäten hatten Vorstellungen dagegen erhoben — diese haben nichts geholfen.) Odessa, 12. September. Man schreibt der „N. fr. Pr." von hier: In der hiesigen Vorstadt Moldowanka ereignete sich gestern ein Vorfall, der an die vor zwei Jahren in der Synagoge des Städtchens Sinkowo bei einem ähnlichen Anlasse stallgehabte Katastrophe erinnert, welcher damals mehr als 40 Frauen zum Opfer gefallen sind. Glücklicherweise hat der gestrige Vorfall nur ein Menschenleben gekostet, aber die vielen Verletzungen, sowie der materielle Schaden, den eine Anzahl Krauen hierbei erlitten, bilden eine dringende Mahnung zur Besonnenheit in ähnlichen Fällen. Der Sachverhalt war folgender: In einer auf dem Seredinskiplatze der Vorstadt Moldowanka befindlichen Synagoge entstand gestern während des Gottesdienstes, als dieselbe dicht gefüllt war, in der auf der zweiten Etage befindlichen Frauen-Abtheilung, woselbst einige Hundert Frauen zusammengepfercht saßen, ein Feuerlärm, weil durch die offenen Fenster der Synagoge ein mit Staub verbundener Rauch eingedrungen war. In Folge deffen entstand auch in der Männer-Abtheilung Aufregung, und Alles eilte hinauf zu den Frauen, um die Ursache des Geschreis zu erfahren. Nun war aber die Treppe nach oben derart versperrt, daß es den Männern schwer war. hinaufzukommen. Man hörte Aechzen, Stöhnen, dumpfe Hilferufe, und die Verwirrung war eine unbeschreibliche. Biele Frauen sprangen über die liegenden Körper hinunter, woselbst sie von mehreren unbekannnten Individuen, die, wie es allgemein heißt, absichtlich die Pani? hervorgerufen hatten, aufgefangen und ihrer goldenen Ohrgehänge, Uhren, Ketten, sowie anderer Schmuckgegenstände beraubt wurden. Die verzweifelten Frauen waren derart von der Panik ergriffen, daß sie diese Beraubung gar nicht merkten; einige Männer darauf aufmerksam werdend, begannen mit den Dieben zu ringen, ohne jedoch dieselben festhalten zu können- Eine schwangere Frau wurde während des Gedränges so gedrückt, daß sie in Folge deffen bald darauf im Spitale starb. Eine große Anzahl anderer Frauen war theils verletzt, theils ihrer Schmucksachen beraubt worden. Man behauptet, daß die Strolche absichtlich vor der Synagoge viel Staub aufgewirbelt und ein Bündel Stroh angezündet hatten, um den Rauch durch die offenen Fenster der Synagoge dringen zu lasten und so eine Panik zu verursachen. Rumänien. Bukarest, im September. Man meldet von hier: Seit einigen Tagen veranstaltet die arbeitende Klaffe der hiesigen jüdischen Bevölkerung stark besuchte Meetings, um gegen das Projekt des hier weilenden französischen Publizisten Armand Levy, die Errichtung eines israelitischen Consistoriums betreffend, energisch zu protestiren, da in dieser Institution der Versuch reicher Juden erblickt wird, Vortheile auf Kosten der armen Glaubensgenossen zu erzielen. Bei allen Meettngs ertönten Rufe: „Wir wollen Brod, aber kein Consistorium!" Die Regierung steht den Bestrebungen Armand Levy's gänzlich fern. Bukarest, 15. September. Aus der Ortschaft Brusturosa im Distrikte Bacan (Moldau) wird ein arger Willküract gegen Juden und Deutsche gemeldet. Weil ein Israelit, Namens Grünberg, die in Brusturosa befindlichen Sägemühlen gepachtet und einen systematischen Betrieb hergestellt hatte, hetzte ein in dem Nachbardorfe ansässiger Pope, welcher sich durch diese Concurrenz geschädigt sah, 300 Bauern gegen die Juden, nachdem er die Ersteren trunken gemacht hatte. Die Juden wurden vertrieben und nur eine jüdische Familie, welche bei einem rumänischen Bauer wohnte, konnte in dem Orte bleiben, weil der Bauer die Angegriffenen vertheidigte, wobei er einen der Angreifer niederschoß und mehrere andere verwundete. Mittlerweile waren die vertriebenen Männer, Frauen und Kinder, unter Zurücklassung all' ihrer Habe in strömenden Regen in einem benachbarten Dorfe eingetroffen. Dort versagte man ihnen die Unterkunft und sie mußten weiter wandern, bis sie in einer Ortschaft anlangten, welche zugleich der Sitz des Subpräfekten war, der cs durchsetzte, daß ihnen einige Hütten eingeräumt wurden, in denen sie mehrere Tage verbrachten. Durch die Austreibung der Juden waren auch einige in Brusturosa ansässige Deutsche aus der Bukowina arg geschädigt worden, diese telegrap Hirten an ihre Schutz- 40*