Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 642 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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642 Denn sie hat in der einen, wie in der anderen Richtung nur erbitterte Gegner zu erblicken, unv kann dem häßlichen Streit beider als einer Abwechslung im Wahlkampfe, die auf den Enderfolg ziemlich einflußlos ist, mit Behagen zusehen. Herr1 Stöcker, der durch seine Erfolge als Hetzer bis jetzt recht verwöhnt war, fängt an, den Undank der Mafien kennen zu lernen. Denn Undank ist es, daß die Anhänger, die ihm ', früher zugejauchzt, ihn jetzt als nicht wohlanständig beseitigen j wollen. j Witte«, 17. September. Der bekannte Herr Dr. Bernhard Förster aus Berlin, welcher aus Paraguay zurückgekehrt ist, um einen Verleger für sein über genannten Staat geschriebenes Buch zu finden, solchen aber nicht gefunden hat, bereist jetzt Westfalen, um den im Niedergange begriffenen Antisemitismus auf's neue anzufachen. In diesen Bestrebungen wird er wacker unterstützt durch den vr. msä. König hierfelbst, der als die Seele des Antisemitismus in der Provinz zu betrachten ist. Herr vr. Förster agitirt jetzt nicht etwa na: der Sache willen, sondern er läßt sich jeden Vortrag gut bezahlen, nämlich mit 50 Mark; ein Antisemiten Verein, der diesen Betrag nicht aufbringt, hat nicht auf das Glück zu rechnen, Herrn vr. Förster zu hören. In seinen Reden benutzt Herr vr. Förster die alten abgedroschenen Phrasen über die Ueberhandnahme des Judenthums und die Eindrängung defielben in die höchsten Stellen. Dieses will er durch die jüdische Abstammung der drei Minister Friedberg, Goßler und Lucius beweisen. Was Herrn v. Goßler anbelangt, so behauptet Herr vr. Förster, das jüdische Blut, welches in den Adern des Ministers rolle, bewirke vielleicht, daß so viele Juden als Professoren an den Universitäten angestellt würden. Herr vr. Förster behauptet auch, im Volke bestehe die Meinung, es werde in Preußen nicht mehr ohne Ansehen der Person Recht gesprochen und zwar in Folge des Eindringens der Juden in das Richteramt. Bor lOu Jahren habe das Sprichwort: „Es giebt noch Richter in Berlin" Geltung gehabt, ob aber heute noch, das fei eine andere Frage. Uebrigens muß konstatirt werden, daß die beffere Bürgerschaft, die zum Theil auch vom Antisemitismus ergriffen mar, sich jetzt von den Hetzereien fern hält, da die Leute einsehen, weß Geistes Kinder die Agitatoren sind. — Aber auch sein Bruder, vr. Ernst Förster, hat in. Witten einen Vortrag über Colonisation gehalten, in welchem er erklärte, daß er zur Begründung einer deutschen Colonie wieder nach Paraguay gehen werde und zwar wahrscheinlich in Begleitung seines Freundes Max Liebermanu v. Sonneuderg. Mit diesem wollte er ziehen „in ein Land, wo es noch gestattet ist, deutsch zu sein und deutsch zu denken." Diese Erklärung bezeichnet die ganze Sorte von Menschen hinlänglich. Laß Deuschland für diese Herren kein Agitationsfeld mehr bietet, gereicht ihm zu großer Ehre. Cotttus, 14. September. Wir haben vor Kurzem von der hier abgehaltenen Synode berichtet, in welcher Stöcker einen Bortrag hielt und wo ihm Ovationen bereitet wurden. Daß dieß im Widerspruch mit der Anschauung der hiesigen Einwohnerschaft steht, erweist folgender Artikel der „Frankfurter a./O. Zeitung." Der patriotische Verein hielt eine Sitzung ab, in deren Verlaufe Diakonus von Lany beantragte. Hofprediger Stöcker durch Liebesgaben, indem man ihm einen Mitarbeiter zugeselle, in seinem schwierigen Amte zu unterstützen. Doch wurde dem nicht entsprochen und Diakonus Sucrow betonte, daß vor Allem eine Unterstützung des evangelischen Bereinshauses in Cottbus am Platze wäre. Ebenso wurde das Gesuch einiger Mitglieder, Hofprediger Stöcker einzuladen, in Cottbus einen Bortrag zu halten, abgelehnt, indem Staatsanwalt Haucke richtig bemerkte, die hiesigen Berhältnifie wären derartig, daß ein Auftteten Stöckers nur zu unliebsamen Scenen und Erörterungen führen würde. — Eine andere Zeitung bemerkt hierzu: „Also sogar bei den Staatsanwälten hat Herr Stöcker kein Glück mehr. Armer Mann! Für Schauspieler und Hofprediger ist es das sicherste Zeichen des Niederganges, wenn sie nicht einmal mehr Gastspielanträge bekommen." Qesterreich-Ungarv. Wien, im September. Bon hervorragender Seite bemüht man sich, wie eine Wiener Lokalcorrespondenz erfährt, den Ebrenbeleidigungsprozeß des Profeffors Rohling gegen den Reichsraths-Abgeordneten vr. Bloch auf gütlichem Wege auszugleichen. Es wurde vorgeschlagen, daß vr. Bloch seine Aeußerung, Rohling habe in der Talmudfrage „wissentlich" einen falschen Eid abgelegt, zurücknehme und eine hierauf bezügliche Erklärung veröffentlicht, wohingegen Rohling von der Anklage zurücktreten werde. Ueber das Resultat dieser Ausgleichsverhandlungen ist noch nichts bekannt. Pest, 13. September. (Privatmitth.) Der König weilt seit gestern in dem slovonischen Städtchen Pozsega, in der unmittelbaren Nähe der bosnischen Grenze, unv empfing bald nach seiner Ankunft die aus 467 'Personen, Muhamedanern. Orthodoxen, Katholtken und Juden bestehende bosnisch-herzegowinfiche Monstre-Deputation. Die Juden waren durch II Personen vertreten, an deren Spitze der Oberrabbincr Leon Finzi stand, der gleich den Führern der anderen Confessionen Wotte der Huldigung an den Monarchen richtete. Auf die Ansprachen erwiderte Se Majestät: „Insbesondere ist es Mein Wille, daß jede Coufefiion ihren Glauben frei ausüben könne und in den ihr zustehenden Rechten von keiner Seite gehindert werde. Seien Sie überzeugt, daß Ich alle Confesttouen in der Ausübung ihrer Religion stet» gleichmäßig schützen und unterstützen werde, gleichwie Ich zuversichtlich