Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 641 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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641 empfinden können, sich als politische Partei geltend zu machen, denn diese Aufgabe liegt nicht im Bereich der politischen Arena, sondern auf dem Gebiet der inneren Mission." — So ruhig dieser Artikel gehalten ist, so enthält er doch in bestimmtester Weise die Erklärung, daß der Antisemitismus nichts zu erwirken vermag, als — Unfrieden und Haß zu verbreiten. Ob dies mit der „ innern Mission" zu verbinden ist — überlassen wir denen zu beurtheilen, die mit dieser „innern Mission" bekannt sind. Aber die Herren „Christlich Socialen" wiffen ebenso wenig, was sie als Social-Poliriker wollen, wie als Antisemiten. Dies hat Stöcker im Parlament genügend erwiesen. Berlin, 17. September. (Privatmitth.) Durch die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt sich jetzt in ossiciöser Weise die Statsregierung gegen den Antisemitismus. Es ist dies durch das Bestreben erklärlich, eine Mittelpartei aus den gemäßigten Conservativen und den Nationalliberalen zu bilden. Die „Kreuzzeitung" muß davon Witterung gehabt haben und ließ deshalb von Neuem judengehäsfige Artikel los. Diese verfingen aber nicht mehr, und so erfloß die Erklärung gegen den Antisemitismus, dem man bis jetzt mit verschränkten Armen zugeschaut hat. Es ist dies aber nicht so hoch anzu schlagen, da der Antisemitismus völlig an Boden und Kraft verloren hat und selbst zu einem Wahlmanöver nicht mehr taugt. Dies zeigt sich am besten dadurch, daß nicht bloß in den Provinzen, wo er bei den Wahlen nur sporadisch eine Rolle spielte, jetzt von ihm betreffs der bevorstehenden Landtagswahlen keine Spur mehr vorkommt, sondern in Berlin selbst, sogar in den Versammlungen der Christlich -Socialen und zwar auch da nur indirekt durch die Huldigungen, die man Stöcker bringt, etwas bemerkbar ist. Als Agitation und Agitationsmittel hat er seine Kraft verloren und dies kann uns nur überaus lieb sein. Einer der eifrigsten Wühler der Christlich-Socialen, vr. Müller, ist soeben einer Irrenanstalt übergeben worden. Berlin, ^0. Sept. (Privatmitth.) Die „Kreuz-Zeitung" bringt folgendes „Eingesandt": „Ein jüdischer Gymnasiallehrer wurde vor kurzem zum Oberlehrer befördert und bei der Ueberreichung seiner Vocation unter Hinweis auf den früher abgelegten Amtseid von neuem verpflichtet. Nun wird in der Bocation verlangt, daß sich der Inhaber „in jeder Beziehung so betrage, wie es einem rechtschaffenen christlichen Lehrer und Erzieher der Jugend eignet und gebühret". Man ist gespannt, wie er diese eidlich übernommene Verpflichtung auch dem Wortlaut nach erfüllen und ob er nun etwa zum Christenthum übertreten wird." Würde es nicht das einfachste sein, den Text der Vocation abzuändern? Und entspräche dies nicht der Bestimmung der preußischen Berfaffung? Ein jüdischer Lehrer, der vor seiner Vocation seinem väterlichen Glauben treu geblieben, wird es gewiß auch nach erlangter Bocation bleiben und sich um die alte Formel in der Bocationsurkunde gar nicht kümmern, sondern seine Pflichten aufs Getreueste zu erfüllen streben. —. Die augenblickliche Lage der Dinge in Berlin hinsichtlich der Wahlen wird durch eine Correspondenz der „Frankfurter Zeitung" vom 17. September recht klar gestellt. Die Dinge entwickeln sich in Berlin für die bevorstehenden Wahlen ganz so, wie es zu erwarten war. Herr Stöcker, den heute der „Reichsbote" wieder mit Recht als den Urheber der konservativen Bewegung in Berlin feiert, mit dem diese steht und fällt, erntet Undank von einem Theil seiner früheren Getreuen. Die offiziöse Parole zur Bildung der Mittelpartei, speziell in Berlin, ist ja ausgegeben; sie lautet: Beiseitedrängung des Antisemitismus, um die Conservativen büudniß- und umgangsfähig zu machen. Das neue C. C. C. (Couservatives Central-Comits), das unter Leitung der s. g. Lehrerpartei, vr. Jrmer, Becher, Betlermann steht, und in direktem Gegensatz zur Stöcker-Cremer'schen Richtung einen Wahlverein für ganz Berlin gegründet hat, ist. wie berichtet wird, jetzt einstimmig zu dem Entschluß gekommen, daß Herr Stöcker nicht wieder aufzustellen sei. Der „Reichsbote" bestreitet zwar die Richtigkeit dieser Mittheilung; sein Aerger verräth aber, daß, wenn ein solcher Entschluß noch nicht gefaßt sein sollte, er doch gefaßt werden wird. Die Beseitigung der lediglich antisemitischen Richtung ist ja der Hauptzweck der Trennung der s. g. Conservativen Berlins gewesen. Die Absicht ist, dadurch die gemäßigt-Conservativen und Nationalliberalen zu gewinnen, da die Herren wiffen müffen, daß sie auch so noch zu keiner Mehrheit gelangen, spekuliren sie offenbar darauf, daß, wenn es zur Entscheidung kommt, die Antisemiten und Stöckerianer lieber ihrem Candidaten, als dem Freisinnigen zum Siege verhelfen werden. Der Streit zwischen den conservativen Richtungen kann in den nächsten Wochen noch recht erbaulich werden. Es müßte merkwürdig zugehen, wenn die Stöcker'sche Richtung sich nicht als die stärkere erweisen sollte. Denn der Reichsbote hat durchaus Recht; Stöcker ist die Seele der Berliner antifortschrittlichen Bewegung, und der „Conservative" in Berlin, der nicht Antisemit wäre, ist mit der Laterne zu suchen. Nicht die antisemitische Gesinnung, sondern die Art ihrer öffentlichen Bethätigung bildet den Unterschied zwischen beiden Richtungen; es ist ein Unterschied des Temperaments und der Erziehung. Die einen Hetzen und schimpfen in der rohen, altgewohnten Weise weiter, die anderen, die das früher mitgemacht haben, sind aus taktischen Rücksichten zu etwas urbanereu Formen übergegangeu. Wenn sich herausstellt, daß die stärkere Tonart die meisten Wahlmänner durchsetzt, so werden ihr selbst-! verständlich die Stimmen der Lehrerpartei zufallen; für die Fortschrittler ist die Sache dem Erfolg nach gleichgültig. 40