Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 638 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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638 semitismus anznnehmen. Dies moralische Zugefiändniß an Sitte und Anstand ist die herbste Berurtheilung besten, was früher geschehen." — Es ist dies in der Umschreibung, was wir mit dem einj fachen Ausdruck „Bankerutt" bezeichnet haben. i Wohlthatige Werke. Es ist allbekannt, daß die Uebung der Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit ein Hauptelement des Judenthums ist. Dies begründete der Mosaismus in vielen allgemeinen und! speciellen Vorschriften und das talmudische Judenthum erkannte in derselben eine der drei Säulen der ganzen Weltordnung, nämlich neben der Lehre und der Gottesverehrung. Man organisirte die Gcmiluth Chested und die Zedakah. Diese Theorie wurde vom jüdischen Stamme ins Prattische übersetzt. Gerade die Zerstreuung brachte immer mehr Beranlastungen zur Uebung der Wohlthätigkeit, zur Herstellung wohlthätiger Einrichtungen. Selbst die Feinde des Judenthums konnten sich nickt entbrechen, schon unter der römischen Herrschaft, diese Tugend des jüdischen Stammes anzuerkennen. Man könnte sich in unserer Zeit verwundern, daß aus den letzten Jahrhunderten so überaus wenige wohlthatige Anstalten und Stiftungen zu uns herübergekommen und was am Anfang dieses Jahrhunderts davon noch vorhanden, völlig in Verfall gerathen war. Die Ursache lag wohl theils in der früheren Unsicherheit und Gedrücktheit der Verhältnisse,! theils in dem Schwinden alles organisatorischen Geistes. Sicherlich waren unsre Väter in den letztvergangenen Generationen sehr wohlthäig und schon die verhältnißmäßig streng geübte Vorschrift des Maaßer, d. i. der Verwendung des 10. Theils des erworbenen Gewinnes für wohlthätige Zwecke bürgt dafür. Aber es war eben nur eine meist private Wohlthätigkeit, von Fall zu Fall, gleichsam von der Hand zum Munde; selbst die seit ältester Zeit vorhandene Gewohnheit, in jeder Gemeinde Chebroth zu bilden, verhinderte nicht einen gewisten Verfall derselben, dessen Ursache wir sofort berühren werden. Die Gegenwart hat daher in fast allen Zweigen der Wohlthätigkeit von Neuem anfangen müssen und die vielen großartigen Anstalten, die sie geschaffen , wie Kranken- und Waisenhäuser, Lehranstalten für Blinde und Taube, Handwerkerschulen — namentlich in Frankreich —, Asyle für das Alter, sowie die zahllosen Vereine zu wohlthätigcn Zwecken und die Geneigtheit, in allen Fällen großer Hilfsbedürftigkeit Opfer zu bringen, alles dies bezeugt, daß im neueren Judenthum, wenn in ihm Studium der Lehre und Gottesdienst schwächer geworden, die Uebung der Wohlthätigkeit wieder zu einem Hauptelement erhoben und entwickelt hat. Der Hauptunterschied der alten und der neueren Zeit auf diesem Gebiete ist folgender. Nach dem Beispiele, das in der Schrift (2 Kön. 22, 7) gegeben worden, indem bei der Repariruug des Tempels das benöthigte Geld „in die Hand der Werkmeister, die angestellt im Hause des Ewigen, gegeben ward, jedoch nicht mit ihnen das Geld, das in ihre Hand gegeben ward, berechnen sollte, a^y oi nnoKZ o, denn sie handeln in Treu und Glauben", bestanden ftüher alle Veranstaltungen gemeinnütziger und wohlthätiger Art auf Treue und Glauben der Vorsteher (Gabaim). Kaum daß hier und da Statuten bestanden oder solche erhalten geblieben; von Controle und Rechenschaftsberichten keine Spur; der Vorsteher erhielt das Geld und gab es aus, und wenn er sein Amt niederlegte, übergab er den Kaffenrest seinem Nachfolger. Sicherlich waren es auch Männer, dieses unbedingten Vertrauens würdig, welche für solche Aemter gewählt wurden. Aber da die Mehrzahl von ihnen kein Buch führten und kaum Notizen sich niederschrieben, mußten Irrungen aller Art eintreten und nicht geringe Summen verloren gehen. Es sind eclatante Fälle derart bis in die Mitte unsres Jahrhunderts vorgekommen, wobei man dennoch die betreffenden Gabaim der Unredlichkeit nicht zeihen konnte. Es war eben einfach die herrschend gewordene Unordnung und Verwirrung, welche die Schuld trug. Ganz anders in unsrer Zeit. Nach dem Borbilde der neu constituirten Gemeinden mit gesetzlichen Statuten, einer repräsentativen Verfassung, sorgfältiger Controle und jährlichen Rechenschaftsberichten, organisirte sich in dieser Weise auch die Verwaltung der wohlthätigen Vereine und Stiftungen. Namentlich wird die Veröffentlichung der Jahresberichte und deren Bertheilung an die Mitglieder immer mehr zum Usus und wirkt aufs Segensreichste. Durch sie wird nicht allein die Verwaltung zur strengen Einhaltung der Statuten und zu sorgfältiger Buchführung genöthigt, sondern auch das Interesse an dem Werke immer von Neuem geweckt. Jedermann sieht, wozu seine Beiträge verwendet werden, in welcher Weise die Veranstaltung blüht und was an ihr noch wünschenswerth bleibt und unterstützt werden muß. Außerdem herrscht die Tendenz vor. neben den laufenden Ausgaben auch möglichst einen Fond zu bilden und diesen immerfort zu vergrößern, um so die Zukunft der Anstalt zu sichern und ihre Mittel durch die Zinsen zu vergrößern. So bietet dieses Feld eine erfreuliche Aussicht auf immer besseren Anbau und immer reichere Früchte. Wir haben seit Beginn dieses Blattes diese Richtung unsrer Gegenwart als eines der wichtigsten Mitrel zur Erhaltung des Judenthums und zur Festigung des religiössittlichen Geistes in seinen Bekennern, selbst da, wo der Eifer für die Lehre und für Uebung der Satzungen sich vermindert ' hat, scharf ins Auge gefaßt und durch Veröffentlichung be- , treffender Daten zu fördern gesucht. Durch jene Rechenschafts