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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-29 · Heft 40 (29.9.1885) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 40 (29.9.1885)
Date
1885-09-29
Page
Seite 637 (sequence 5)
Language
German
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637 Stöcker hält. Die „Kreuzzeitung" war neulich so liebenswürdig, auf das Uriheil des Berliner Kammergerichtes in dem Prozesse „Stöcker ooutra Freie Zeitung" dem fungirenden Richter die Sottise an den Kopf zu werfen: U y a encore des juifs ä Berlin! Den Preßprozeß für diese Aeußerung hat aber nicht sie. sondern die christlich-germanische Correspondenz an den Hals gehängt bekommen, die den Artikel der „Kreuzzeitung" nachdruckre. Der „Norddeutschen" gegenüber wird die „Neue Preußische Zeitung" wohl etwas vorsichtiger sein müssen in der Applikation, beziehungsweise Travestirung historischer Aussprüche, wenn es sich gleich um die „Rettung" eines von der Mitwelt verkannten historischen Charakters handelt. Die indifferente Haltung, welche die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gegenüber dem Treiben Stöcker's und seiner Partei lange Zeit hindurch beobachtet hat, konnte der Bermuthung Raum gewähren, daß die antisemitischen Bestrebungen ihrerseits wenigstens nicht mißbilligt werden. Nun tritt endlich die lange verkannte oder mißverstandene Gesinnung des offiziösen Organs sonnenklar hervor: die dringenden Werbungen der Stöcker-Partei find der Regierung „lästig" geworden und die Tendenzen dieser Partei werden hohen Orts „übel vermerkt". Es ist dies das erste offene, unzweideutige Bekenntniß des gouvernementalen Organs in einer Frage, die so viel Mißhelligkeiten und Unheil genug mit sich gebracht hat, daß sie werth wäre, endlich einmal aus der Welt geschafft zu werden. Nachdem sie allem Anscheine nach nunmehr auch von Demjenigen fallen gelassen wird, der ihr — trotz allen Leugnens verhält es sich doch so! — zuerst Leben eingehaucht hat, so wird sie nun wohl auch überall dort der wohlverdienten Vergessenheit anheimfallen, wo man ein großes Vorbild nicht nur in seinen Vorzügen, sondern auch in seinen Verirrungen gedankenlos nachzuässen versucht hat! Die betreffende Stelle in dem Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." lautet wörtlich: Im konservativen Lager hat sich eine Gruppe unter dem Namen der „Christlich-Sozialen" abgesondert oder, was bezeichnender sein möchte, in dieses Lager eingeführt. Insoweit der Name sich mit der Sache deckt, ist darin mit Freuden eine Parteibildung zu erblicken, welche die großen christlichen Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe zur praktischen Uebung des Lebens einer Gesellschaft machen will, und so wenig die agitatorische Thätigkeit in der Natur des Conservatismus liegt, so möchte sie doch in diesem Falle gerecht fertigt sein. Die „Christlich-Sozialen" haben aber ihrer Agitation noch eine specifische Richtung gegeben, welche sich mit konservativen Tendenzen im reinsten und besten Sinne des Wortes nicht in Uebereinstimmung bringen läßt. Die „Christlich-Sozialen" haben zwar den Antisemitismus nicht in Scene gesetzt, aber sie haben ihm eine nutzbare Verwendung zu geben gesucht. In wiefern? Der Antisemitismus zielt auf ein bestimmtes Ziel ab, welches im Bereiche des politisch-practischen Lebens auf dem Wege friedlicher Reform nicht wohl erreichbar erscheint. Es ist eines der sichersten Ergebnisse der politischen Entwickelung, daß die bürgerlichen Rechte der Staatsangehörigen durch den Unterschied des Religionsbekenntnisses nicht alterirt werden; und selbst eine Politik des Fanatismus, welche dem Antisemitismus zu Hilfe kommen wollte, würde die Möglichkeit kaum finden, weil der Antisemitismus nicht klar erkennen läßt, ob er sich gegen die Religion, gegen die Nationalität oder nur gegen die Geschäftsgewohnheitrichtet. Insofern also die „Christlich-Sozialen" sich solidarisch mit dem Antisemitismus erklären wollten, würden sic nur als Agitationsmittel in Betracht kommen können, welcher ebenso wie der Sozialdemokratie die Agitation Selbstzweck ist. Aber diese Richtung entspringt nicht aus dem Begriff der Partei, welche ihrem Namen nach daraus angewiesen ist, den sozialen Schäden mit den Hilfsmitteln des praktischen Christenthums beizukommen. Je ernster die „Christlich-Sozialen" aber gerade diese Aufgabe nehmen, desto weniger werden sie den Berus empfinden können, sich als politische Partei geltend zu machen, denn diese Aufgabe liegt nicht im Bereich der politischen Arena, sondern aus dem Gebiete der inneren Mission. Unser Berliner Correspondent begleitet diese Enunziation der „Nordd. Allg. Ztg." mit folgenden Bemerkungen: Herr Stöcker hat schon wieder eine schöne Censur von der „Nordd. Allg. Ztg." erhallen. Die Antisemiten stehen auf einer Stufe^mit den Sozialdemokraten, sie sind nichts als eine Agitationspartei, deren Ziele auf dem Wege friedlicher Reformen nicht erreichbar sind. So ungefähr läßt sich das Kanzlerblatt vernehmen. Die Aufgabe der „Christlich- Sozialen" soll überhaupt nicht in das Gebiet der Politik, sondern in dasjenige der inneren Mission fallen. Zum Schaven fügt sich also noch der Spott. Denn was sollte oder könnte Herr Stöcker wohl noch bedeuten, wenn er sich auf die „innere Mission" beschränken müßte? So richtig Alles ist, was die „Nordd. Allg. Ztg." gegen den Unglücksmann zu sagen hat, so sehr muß man doch erstaunen, die Spender der offiziösen Weisheit erst jetzt zu einer Erkenntniß durchgedrungen zu sehen, die sie vor Jahren schon hätten gewinnen können. Es macht immer einen etwas verdächtigen Eindruck, wenn die Offiziösen gerade die Zeiten der Wahlagitation für die geeignetsten halten, um mir dem liberalen Standpunkt theoretische Gefühlskompromisse zu schließen, die zu gar nichts verpflichten. Immerhin ist indessen wenigstens soviel erreicht, daß die Conservativen und Gouvernementalen sich wenigstens vor der Oeffentlichkeit schämen, Handlangerdienste vom Anti-

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