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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-29 · Heft 40 (29.9.1885) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 40 (29.9.1885)
Date
1885-09-29
Page
Seite 636 (sequence 4)
Language
German
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636 „zwei Wahrheiten" gab, sondern nur eine, die auf dem Wege des Philosophirens erläuterte und begründete Wahrheit der jüdischen Lehre, wozu aus dem gerade herrschenden Philosophem ein angemessenes Material in Gebrauch gezogen ward. Welche Methode sie auch befolgen, sie rekurriren immer wieder auf Schriftstellen, und wo es ihnen nutzbar scheint, auch auf Talmud- und Midraschsätze. — Sehr irrig wäre es daher, Baruch Spinoza für einen jüdischen Religionsphilosophen auszugeben. Allerdings geht auch er von den jüdischen Fundamentallehren des Gottglaubens, der Liebe zu Gott und zu den Menschen aus — aber sein nächster Schritt führt ihn zum Monismus, zur Jdentifizirung des Ueberfinnlichen mit dem Sinnlichen, des Geistigen mit dem Körperlichen, des Gedankens mit der Ausdehnung und ist er hiermit himmelweit vom Judenthume entfernt. Aber auch Moses Mendelssohn kann nicht, so sehr er auch Jude war, als ein jüdischer Religionsphilosoph betrachtet werden. Dazu war seiner Zeit die Philosophie durch CartefiuS. Spinoza, Leibnitz, Locke, Wolf schon zu sehr an völlige Selbständigkeit gewöhnt und darum von der positiven Religion zu weit abgekommen, und Mendelssohn ging dieselben Wege. Ja, um hierzu völlige Freiheit zu erlangen, bildete er sich eine höchst irrige Vorstellung vom Judenthume und sprach diese in seinem „Jerusalem" aus. Nach ihm wäre das Judenthum gar keine Lehre, sondern nur Gesetz; es hätte keine Dogmen, sondern nur Vorschriften, zu welchen die Juden auf immer verpflichtet seien. Man weiß, wie diese Behauptung den Zeitgenossen | und nächsten Geschlechtern wohlgefiel, aber als falsch und gerade eines Philosophen nicht sehr würdig, ist sie jetzt wohl allgemein anerkannt. Die ersten Worte der h. Schrift schon geben uns einen Lehrsatz, ein Dogma; der Fundamentalsatz des Judenthums: „Der Ewige ist einzig und einig" ist eine Lehre, ein Dogma; der Ausspruch: Gott ist das unveränderliche Sein, ist eine Lehre, ein Dogma; alle in der Schrift verkündeten Eigenschaften Gottes bilden Lehrsätze, Dogmen; desgleichen die Lehre von der dualistischen Natur des Menschen und von seiner Gottebenbildlichkeit u. s. w. Durch jene Operation fühlte sich aber Mendelssohn völlig frei in seinem Philosophiren, dessen Ziel ihm „die Religion der Vernunft" war. Deshalb sieht er in seinen philosophischen Arbeiten niemals auf die h. Schrift zurück und in seinen „Morgenstunden" finden wir nur ein einziges beiläufiges Citat aus der Schrift, nämlich einen Psalmvers (gesammelte Schriften, Leipzig, Brockhaus, Bd. II. S. 3G5). — Man wird es deshalb begreifen, daß die jüdische Relizionsphilosophie einen erwiesen. Einen fast gleichen Prozeß bewirkte sie in den aus dem Judenthume entsprungenen Philosophen, Spinoza, Solomon Maimon und Mendelssohn. Bleibt sie also hier für die Bekenner des Judenthums eine reiche Quelle der Belehrung und Anregung, so weiß sie zugleich nichts von „zwei Wahrheiten", da sie sich selbst in Voraussetzung und Ziel nur an die Wahrheiten der h. Schrift anschließt. Betrachten wir deshalb die vorliegende Frage nunmehr aus einem allgemeinem Gesichtspunkte. (Fortsetzung folgt.) Der Dankerutt -es Antisemitismus. VI. Die öffentliche Thätigkeit des Hofpredigers Stöcker und die Bedeutung des Antisemitismus haben in den jüngsten Tagen einen entscheidenden Wendepunkt durch den schon besprochenen Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." erhalten. Um dies in unparteiischer Weise kenntlich zu machen, geben wir hier einen Artikel aus dem Auslande, nämlich aus dem Pester Lloyd (Nr. 211) wieder. Es bekundet sich hier die öffentliche Meinung über die Wichtigkeit jenes förmlichen Absagebriefes an die Stöcker-Partei. Der Artikel lautet: „Man braucht nicht hinter jeder Auslassung der „Nord- (deutschen" die persönliche Willensmeinung des deutschen Kanzlers zu vermuthen, der allerdings einmal die „Nordd. Allg. Ztg." für das einzige Blatt erklärt hat, in welchem ihm hin und wieder ein Stück weißes Papier zur Verfügung stehe, aber es wird schwerlich etwas in die Spalten des offiziösen Blattes gelangen, was nicht seinen Weg über die Wilhelm- Straße genommen hat. In Berlin hat mau eine treffliche Formel, um gewisse mißliebig gewordene Leute abzufertigen, deren man sich gern entledigen möchte. Es wird ihnen bedeutet, daß ihre Anwesenheit „lästig falle". Je nach der Stellung und der Person des Betreffenden erfolgt die Jntimation entweder durch die Polizeibehörde, z. B. wenn es sich um einen einfachen Journalisten handelt, oder aber durch die „Norddeutsche Allgemeine", wenn es einen noch in Amt und Würden befindlichen Hofprediger angeht, der freilich arg in's Gedränge gekommen ist. Die Liebäugeleien mit den Conservativen nützen dem frommen Manne auch nicht mehr, seitdem es bekannt geworden, wie wenig wählerisch sich Herr Stöcker in der Anstellung und Verwendung seiner nicht unbeträchtlichen Einfluß auf den Uebergang der Scholastik zur selbständigen Philosophie übte, da sie durch ihre Bernunstmäßigkeit, durch ihre Ausschließung alles Mysteriösen die Scholastik zu purifiziren und umzugestalten Vieles beitragen journalistischen Mithelfer gezeigt hat. In konservativ-preußischen Kreisen wird sehr viel auf eine gewisse Ehrbarkeit im äußeren Habitus und auf den guten Ton gehalten. Im Augenblicke ist es nur noch die „kleine aber mächtige" Gruppe, konnte. Geschichtlich ist dies von Gabirol und Maimonides j welche durch die „Kreuzzeitung" vertreten wird, die treu zu

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