Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1885)
- Date
- 1885-09-29
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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635 hier nur kurz berührt. Anderen die weitere Ausführung überlassend." — Die wenigen historischen Notizen, auf welche in obigem Artikel hingewiesen wird, stellen die ganze Frage nur in zweifelhaftem Lichte hin. Man erinnere sich, welch' einen langen Zeitraum hindurch die sog. scholastische Philosophie „die Magd der Theologie" war, d. h. den bestimmten Zweck verfolgte, auf dem Wege der Syllogismen die Wahrheit der Dogmen und kirchlichen Lehrsätze zu erweisen. Es war natürlich, daß der Geist freieren Denkens sich schließlich doch eine Bahn brach, hier aber auf die weltlichen Waffen der Kirche stieß. Gerade hierdurch wurde der Gedanke „zweier Wahrheiten", der theologischen und der philosophischen, in fiktiver Weise aufgestellt und man glaubte sich berechtigt, der letzteren nachzugeben, ohne der ersteren abzusagen. Aber auch dieses, auf Täuschung oder Selbstbetrug beruhende Manöver konnte nicht auf die Dauer rechnen: die Philosophie mußte sich gänzlich von der Theologie trennen, alle aus der Theologie gezogenen Voraussetzungen ablehnen und sich frei entwickeln. Cartefius war der Erste, der dieses für damalige Zeit kühne Wagniß unternahm, aber noch schwankend durchführte. Ihm folgte Spinoza, welcher von der gegen die Theologie gerichteten Kritik ausgehend, ein vollständig selbständiges philosophisches System aufstcllte. Hiermit wurden Theologie und Philosophie gänzlich außer Connex gebracht und schritten beide auf ihren selbständigen Bahnen fort. Es war dies nur möglich, als in Holland die Geistes- und Gewissensfreiheit allmählig die Herrschaft gewann, und sich von da aus durch einen Theil Europa's herrschend machte. Wir erkennen jeder Religionsgenossenschast das Recht zu, diejenigen ihrer Angehörigen, welche offen die entgegengesetzten Ansichten aussprechen, für nicht mehr ihr zugehörig zu erklären; nur darf dies nicht auf inquisitorischem Wege geschehen und von weltlichen Schädigungen begleitet sein. — Jndeß kommen wir auf diesem Felde zunächst zu der Frage nach der Stellung der jüdischen Religionsphilosophie. Wir sehen deshalb vollständig vom Christenthume und der christlichen Theolgie, ebenso wie von der islamitischen, in welcher dieselben Fragen und Tendenzen sich geltend machten, ab. Denn allerdings stellt das Christenthum Dogmen und kirchliche Glaubenssätze auf, die es selbst für, von der Vernunft unbegreifliche Mysterien ausgiebt, die deshalb philosophisch gar nicht betrachtet werden können und sollen. Versucht man dies dennoch, so ergiebt sich nur künstliche Deutung und Auslegung, die nichts Anderes ist, als Zersetzung und verhüllte Verneinung. Die Lehrsätze des Judenthums hingegen werden schon von Anfang an, d. i. in der Thora, der vernunftgemäßen Bekräftigung, der „Eikenntniß", anheimgegeben, ja empfohlen. Diese geistige Operation begann deshalb schon in den biblischen Schriften, im Hiob, wo das Problem behandelt wird, wie sich die göttliche Gerechtigkeit zu den Leiden der Gerechten verhalte? und im Kvheleth, wo die Nichtigkeit, d. i. Werth- und Zwecklosigkeit des menschlichen Lebens auf Erden erörtert wird, in beiden Büchern jedoch auf dem festen Boden des Gottgloubens. Die jüdische Religionsphilosophie konnte mo kann nur dann ihre Existenz begründen, wenn vom Buchstabenglauben, d. i. von dem wörtlichen Berständniß des Schriftwortes, abgesehen, vielmehr zwischen dem prinzipiellen Gedankeninhalt und der Einkleidung unterschieden wird. Dies geschieht auch hier und da im Talmud, wo die Anlehnung einer Auslegung an das Schriftwort nicht selten eine sehr freie Behandlung desselben, ja bisweilen selbst eine Veränderung in der Lesart und Form des Textwortes erforderlich macht. Aber die ganze Tendenz der talmudischen Schriften ist doch das strenge Festhalten des buchstäblichen Sinnes und Glaubens. Auf diesem Boden konnte eine Religionsphilosophie nicht erstehen, sondern entsprang erst, als der Geist sich auf die Erforschung des tieferen und prinzipiellen Gedankeninhalts wandte, und hierzu den wörtlichen Ausdruck der Schrift frei zu behandeln sich anschickte. Sie trat deshalb nur da auf, wo das Judenthum mit den anderen Religionen in einen näheren Contact, sei er freundlich oder feindlich, gekommen, oder auf herrschende Philosopheme traf, welche in die eigenen Kreise einzudringen drohten. Dies ist als Tendenz bei allen älteren jüdischen Religionsphilosophen zu erkennen, bei Philo, Saadia, Halevy, Maimonides u. A. Die Einen erkannten die in den herrschenden Systemen enthaltenen Wahrheiten an, und strebten nun dahin, dieselben mit den Lehren des Judcnthums in Uebereinstimmung zu bringen; die Anderen hingegen, wie Halevy, gingen von polemischen Zwecken gegen Christenthum und Islam aus, um die Vorzüge der jüdischen Lehre als durchaus mit Verstand und Gemüth übereinstimmend, den übrigen Religionen gegenüber nachzuweisen. So versuchte es Philo mit dem Platonismus. Maimonides mit dem Aristotelisinus. Beide mit ihren Anhängern stehen fest aus dem Fundamente des Judenthums, und treten deshalb mit ihren Vorbildern da in Kampf, wo sie bei diesen auf Folgerungen stoßen, die allem Bestreben nach Bereinigung unüberwindlichen Widerstand leisten. Sehen wir deshalb genauer zu, so finden wir. daß jene philosophirenden jüdischen Geister hauptsächlich nur die Methode von ihren Vorbildern entlehnten, und dann diejenigen Gebiete sich aneigneten, die für die Religion gleichgültig waren, wie z. B. Logik und Psychologie bei Maimonides, wo derselbe ganz aristotelisch sein konnte. Tie letzten Resultate jener Philosopheme hingegen lehnten sie ab. Philo war hierin günstiger gestellt, da Plato in seinen höchsten Ideen der mosaischen Lehre sehr nahe verwandt ist, wäbrcnd Maimonides mit dem Gottesbegriff des Aristoteles gar nichts anfangen konnte, ihn vielmehr verwerfen und bekämpfen mußte. - Schon hieraus erkennt man, daß cs für die jüdischen Religwn-philosophen gar keine 40*