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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-29 · Heft 40 (29.9.1885) · p. Seite 634

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 40 (29.9.1885)
Date
1885-09-29
Page
Seite 634 (sequence 2)
Language
German
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634 russischen Regierung gegenüber den preußischen Ausweisungen j zur Genüge und die Repreffalien der ersteren werden sich > gewiß auf die Ausweisungen einiger Hundert der Bagabondage überführter oder in irgend einer Beziehung verdächtiger Deutscher beschränken, Ausweisungen, die schon seit einiger Zeit im Zuge sind und über welche sich die deutschen Blätter wieder ihrerseits mit Unrecht unwillig äußern." Die preußischen Blätter bringen fortwährend aus einzelnen Städten und Kreisen Berichte, welche die obigen Auslassungen bestätigen. Es würde aber einen zu großen Raum beansprrrchen, um sie mitzutheilen; auch wäre dies für unseren Zweck nunmehr überflüssig. Nur das Eine wollen wir hervorheben, daß die weise„National-Ztg.". die bis jetzt mit den Ausweisungen so sehr harmonirte, doch nun anderen Sinnes wird. Sie meint in einem Artikel, nachdem gesagt ist, daß die ausgewiesenen ländlichen Arbeiter nicht werden durch deutsche ersetzt werden: „Aber auch die Ausweisung der Kaufleute und Handwerker wird wahrscheinlich nur zu Wege bringen, daß während das einheimische Pvlenthum bis jetzt nur mit der natürlichen Entwickelung des Verkehrs gewachsen ist. jetzt ihm noch künstlich Raum geschaffen wird, dann werden hier mit der Zeit an Stelle von 30000 Polen ohne politische Rechte, und bis auf wenige Agitatoren sehr harmloser Natur, von denen noch dazu die Kinder von 9000 Juden erfahrungsmäßig das deutsche Element verstärkt haben würden, ebensoviel eingeborene mit allen politischen Rechten ausgestattete und der fanatischsten Agitation zugängliche Polen getreten sein. Um ein solches Ziel zu erreichen, wird dann die preußische Regierung die Gehässigkeit einer Maßregel auf sich geladen haben, die kaum durch einen sichern Erfolg vor dem öffentlichen Gewissen gerechtfertigt werden könnte." —*) Bei so vielem Unglück können wir unsre Glaubensgenossen nur nochmals auffordern, den beiden Hilfscomitös zu Königsberg (s. Inserat) und zu Memel (s. vorvor.Nr.) thatkräftig unter die Arme zu greifen! Für beide find wir bereit. Gaben in Empfang zu nehmen und in diesem Bl. zu veröffentlichen. Redakt. Die jüdische Neliyiousphilosophie. i. Wir erhalten von unserem Mitarbeiter Herrn M. Mannheimer in Darmstadt einen kleinen Artikel, der zu weiteren Erörterungen Veranlassung geben mag. Er lautet: * So haben wir aus Thorn amtlich berichtet, daß aus dem Thorncr Landkreise allein 3500 Personen ausgewiesen worden! Nachichrift. Wie traurig oft die Wirkungen der Ausweisungen sind, bezeugt unter vielen anderen folgende Nachricht: Außer dem Rabbiner Münz in Gliwice wurde auch der greise Rabbiner des Städtchens Mühlhausen (in Ostpreußen! ausgewiesen. Derselbe, obwohl er hier bereits 32 Jahre wohnt, wurde beauftragt, längstens bis zum 15. October Preußen zu verlassen. „Die zwiefache Wahrheit, eine historische Notiz. Durch Einfluß des Averroismus wurden schon im 13. Jahrhundert an der Universität zu Paris von manchen Lehrern Sätze vorgetragen und Behauptungen aufgestellt, die den Lehren der Theologie und der kirchlichen Tradition schnurstracks entgegen gesetzt waren und daher von den kirchlichen Organen, den Bischöfen, verdammt wurden. Zwar wurde es von manchen dieser Pariser Lehrer wie z. B. von Johann de Breseain, im Jahre 1247 ein geräumt, daß es Lehren gäbe, die im Namen der Philosophie geleugnet, aber dennoch „nach dem katholischen Glauben" wahr sein könnten, allein diese Annahme einer zwiefachen Wahrheit, einer philosophischen und einer theologischen, wie sie zuerst deutlich von genanntem J. de Breseain ausgesprochen, war doch nur ein bloßer Schein, in den zu hüllen man sich gezwungen fühlte, um der Verfolgung der Kirche, der Inquisition, der Einkerkerung und dem Scheiterhaufen zu entgehen. Beim Wiederaufblühen der Wissenschaften hat diese Lehre von der zweifachen Wahrheit vom 15. bis noch ins 17. Jahrhundert hinein sich besonders in Italien an der Universität Padua geltend gemacht. Ich erinnere nur an Pompanazzi und Cremonini. — Im Judenthume hat die Lehre von der zweifachen Wahrheit, wenn nicht gerade einmal ephemerisch, doch nie für die Dauer aufkommen können. Maimonides und seine Epigonen haben bekanntlich allen Scharfsinn aufgeboten, um Philosophie und Theologie, Glauben und Wissen, in Einklang zu bringen. — Und Gersonides (Levi b. Gerson. starb um 1345) hat zwar wie Gratz. Geschichte der Juden B. VII S. 347 berichtet, in seinem religions-philosophischen Werke (Llileharnot Adonai) die Behauptung ausgestellt, man müsse die Wahrheit ans Licht ziehen, selbst wenn sie der Thora aufs Stärkste widersprechen sollte; denn diese sei kein tyrannisches Gesetz, welches die Unwahrheit als Wahrheit aufzwingen wolle, sondern sie wolle gerade zur wahren Erkenntniß anleiten; allein er war auch von dem Gedanken erfüllt, daß die heilige Schrift sich entweder mit der aristotelischen Philosophie decke oder ihr wenigstens nicht widerspreche. — Nur bei Isaak Albalay (schrieb um das Jahr 1292) ließe sich an die Lehre von der zweifachen Wahrheit denken. Denn 16. S. 236 wird von ihm berichtet: „Da es ihm nicht gelang, Judenthum und Philosophie zu einer Einheit zu verschmelzen, so spaltete er sein Bewußtsein in Wissen und Glauben. Als Philosoph war er von etwas überzeugt, als Jude glaubte er das Gegentheil." — Allein hiermit ist noch nicht gesagt, daß er sich zu jener Lehre bekannt oder sie gar ausgesprochen und behauptet habe. Das Glauben war ihm Sache des Gefühls und Gemüths, dem er sich bald ganz hingab, während ihm das Wissen Sache der Erkenntniß und der philosophischen Forschung war. — Die interessante Lehre von der zweifachen Wahrheit habe ich

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