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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-22 · Heft 39 (22.9.1885) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 39 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
Seite 630 (sequence 14)
Language
German
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630 recht in jenem Wunsche aus (Beroch 17, 1.): „Deine Welt mögest du während deines Lebens genießen, dein Ende sei für das ewige Leben und deine Hoffnung für die spätesten Generationen." Die Worte „dein Ende sei für das ewige Leben" erklären, wie der Anfangssatz „deine Welt mögest du während deines Lebens genießen" zu verstehen sind, nämlich auf den Wegen und innerhalb der Grenzen, wo wir den Anspruch und die Hoffnung auf „das ewige Leben" erwerben. So kann ich wohl behaupten, daß an den gedachten beiden hohen Festen kein liebet inniger von der Mehrzahl der Andächtigen gebetet wird, als die um „Leben". Aber bei unseren wohnen, welche in der Synagoge an diesem Tage (dem Fasttage des Ab) recitirt werden. Rabbi Sofer, zu alt, um die Reise zu unternehmen, fand einen bereitwilligen Ersatzmann in Rabbi Wendel Lewuw, dem Vorstand der Gemeinde, welcher mit Gefahr seines Lebens einwilligte, das Spießruthenlaufen von Seiten der Feinde zu wagen und die Verurtheilten zu besuchen. Mit ihnen zusammen fand er drei Christen, die auch zur selben Zeit erschossen werden sollten. Er suchte sofort um eine Unterredung mit dem Erzherzog Karl im Hauptquartier nach, und sagte, seine kaiserliche Hoheit anredend: „Morgen um neun wird die Entscheidungsschlacht be¬ Weisen lag doch bei der Abfassung dieser Gebete noch eineI ginnen. Sechs menschliche Wesen erwarten jetzt im Gefängniß andere Anschauung zu Grunde. Durch Nichts kann der! die Annäherung der letzten Lebensstundc. Ich bitte um ihre Israelit für sich und die Seinen, ja für die ganze Gemeinde J 33egnabigung, und der Gott Israels, der nach der Aussage Israel mehr Segen für dieses und mehr Anspruch auf das; unserer Weisen, „Maß für Maß" zuerkennt, wird morgen Sieg zukünftige Leben erwerben, als durch die treue, gewissenhafte! ihren Fahnen senden und tausende von Leben werden gerettet und fromme bewußte Ausübung des Gesetzes. Hierzu bedarf! werden." Erstaunt, daß der Jude um das Leben der sechs er des Lebens und je weiter sich dieses erstreckt, desto mehr Männer, und nicht um das seiner Glaubensgenossen allein Raum hat er, um sich diesen Segen und diesen Anspruch zu bat, erwiederte der Erzherzog, daß er der Bitte um Begnaerringen. Darum hat in ihren Augen das Leben, die Verdigung nachgäbe, welche er verweigert haben würde, wenn längcrung desselben einen so hohen Werth, und prägte sich er gebeten hätte, nur die drei Juden zu schonen. Am nachdeshalb in den Gebeten um das Leben aus. sten Tage, schließt der Berichterstatter dieser Episode, gewann der Erzherzog einen glänzenden Sieg über Napoleon. vermischtes. Aus dem Kriege 1804') Am 0. Ab 1804, schreibt das „lleveis'a Odroniele', herrschte große Bestürzung in Preßburg wegen der schnellen Annäherung der Feinde, der Franzosen. Tausende flohen aus der Stadt; einer von den wenigen zurückbleibenden war der ehrwürdige Rabbi Moses Sofer. Während er von seinem Fenster aus das Getümmel beobachtete, erhielt er den Besuch eines Ordonanz^ Offiziers, der ihm einen Brief vom Obercommandirenden der Donau-Armee einhändigte. Der Inhalt des Briefes lautete kurz dahin, daß drei jüdische Soldaten, welche vom Kriegsgericht als Spione verirrtheilt worden wären, am nächsten Tage erschossen werden würden, und daß sie vor ihrem Tode Trost von dem berühmten Rabbi zu Preßburg zu empfangen wünschen. Es scheint, daß als diese drei Soldaten gefangen wurden, sie über den Fluß gesetzt waren, um im Stande zu sein, den Kinotli (Klageliedern) beizu- 1) Wir geben diese kleine Piece nur als Curiosum. Es mag der Kern derErzählung richtig sein. Die Umstände, unter welchen die Sache nach den Angaben des Jevish Chronicle und des Occident passirt sein soll, sind irrig. Zuerst wurde 1804 gar kein Krieg zwischen Oesterreich und Frankreich gesührt, sondern 1805. In diesem Kriege haben aber die Oesterrcicher keinen Sieg gewonnen. Es muß at'o der Krieg 1809 gemeint sein, in welchem ver Erzherzog Karl den glänzenden Sieg bei Aspern gewann. Dies geschah jedoch am 21 und 22 sten Mai — wo Thischea Bcab noch nicht vergangen sein konnte. Allenfalls könnte es nach Schabuoth oder nach Pessach vor sich gegangen sein. (Redakt. der A. Z. d. Jud.) Eine seltsame Trauung. Bor dem Magistrate in Wien fand kürzlich eine Civiltrauung unter eigenthümlichen Umständen statt. Ein Geschäftsmann, christlicher Confession, der vor einigen Jahrzehnten in Deutschland eine Ehe mit einer Israelitin eingegangen hatte, seit Jahren in Wien ansässtg ist, wurde aufmerksam gemacht, daß seine Ehe nach den österreichischen Gesetzen nicht als giltig angesehen werden könne und eventuell die Kinder des Erbrechtes verlustig würden. In Folge dessen sah sich der Betreffende veranlaßt, vor dem Wiener Magistrate die Noth-Civilehe einzugehen, und es verdient als Kuriosum angeführt zu werden, daß bei der Eheschließung die Enkel des Paares als Zeugen der Trauung erschienen. Anekdote. In Joppe wollte ein antisemitischer Jurist den Omnibus nach Jerusalem besteigen. Er redet den Kutscher an: „He, Freund, ich möchte einen Platz in eurem Wagen, aber unter der Bedingung, daß weder der Conducteur, noch die Mitreisenden Juden sind'." Die Antwort des Kutschers lautet: „Mein Herr, ich kann Ihren Wunsch nur in einem Punkte befriedigen: das Pferd, ich versichere es Sie, ist kein Jude!"

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