Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 39 (22.9.1885)
- Date
- 1885-09-22
- Page
- Seite 629 (sequence 13)
- Language
- German
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war, daß in der jüdischen Volksseele dieser Wunsch einen und seine Vorzüge hat, und daß diese eben jeder Lebensstufe breiten Boden gewann, wie sich dies auch in vielen Volks-! so angeeignet sind, daß sie in den Organismus des Lebens sprüchen ausprägt. „Zum Leben" wird bei jedem Glase Wein! nicht störend oder besonders auffällig eingreifen. Fließen gewünscht, und „bis hundert Jahre" wird bei jeder Gelegenj doch jene Gebetworte ebenso von den Lippen der Jugend wie heit, bei jedem Glückwunsch ausgesprochen und entgegnet. Hat des Alters. Allerdings hast Du Recht, daß das Vergangene aber ein verlängertes Leben wirklich einen solchen Werth? | wenig Wesenhaftes für uns behält; aber die Entwickelung Zeigen nicht vielfache Erscheinungen in unserer Zeit, daß j unserer Kräfte und die Erfahrungen, die wir gemacht, geben dieser Wunsch, daß dieses Verlangen nach Lebensverlängerung! doch unserer Vergangenheit einen großen Werth und den schwächer geworden. Als Schiller sang: i Charakter der Wesenhaftigkeit. Aber dies hat auf die Frage, „Das Leben ist der Guter höchstes nicht, die Du aufgeworfen, gar keine Wirkung. Es handelt sich Der Uebel größtes aber ist die Schuld,' fand er allgemeinen Anklang. Was will denn auch diese Verlängerung bedeuten? Cicero sagteinmal: „Wenn wir 500 Jahre leben und sie sind vergangen, so sind sie fünfzigen ganz gleich." Unsere Vergangenheit erscheint uns wie ein Traum oder wie ein Nebelgebilde, durch das wir die Er scheinungen und Erlebnisse nur noch in schwachen, ungewissen Umrissen schauen. Auch wiederholen sich ja die Dinge im Leben, und im Alter erfahren wir dasselbe, wie in der Jugend. Ich erinnere mich der Erzählung einer als Schriftstellerin bekannten reisenden Dame. Im schottischen Hochlande kam sie an eine Hütte, vor welcher auf einer Bank ein etwa siebzigjähriger Greis saß, der bitterlich weinte. Mitleidig trat sie auf ihn zu und fragte ihn nach der Ursache seines Kummers. Er antwortete: „Mein Vater hat mich gezüchtigt, weil ich meinen Großvater habe fallen lassen." Betroffen trat sie in die Hütte und fand einen neunzigjährigen Alten beschäftigt, eine hölzerne Mulde auszuschnitzen; hinter dem Ofen kauerte ein Männlein, das weit über ein Säculum sein mußte. Das war der Großvater, welchen der Enkel herumtragen mußte, da er nicht mehr gehen konnte. Die hölzerne Mulde war zu einer Lagerstätte für ihn bestimmt. So erneuerte sich hier, was wohl in der Kindheit vorkommt, daß ein Bursche oder Mädchen ein Kind tragen soll, es fallen läßt und von den Eltern dafür gestraft wird. Der Großvater war wieder Kind geworden und der Vater übte am Sohne sein Züchtigungsrecht. Wenn auch nicht in dieser Weise, begegnen wir doch Aehnlichem nicht selten. Die Zärtlichkeit, die an dem Alten geübt wird, und besonders in der Nachsicht gegen ihre Schwächen besteht, gleicht der Fürsorge der Eltern für ein hilfloses Kind, eben weil das Alter Schwächen herbeiführt, die denen des Kindesalters gleichen. Der Jude aber hört nicht auf, um Verlängerung seines Lebens zu beten, wenn er aucü längst die 70 überschritten hat, die der Psalmist als die natürliche Grenze des menschlichen Lebens bezeichnet. Unser M. blieb die Antwort nicht schuldig. Ich will Dir nicht entgegnen, sagte er, was Cicero und Jakob Grimm in ihren Abhandlungen über das Alter betreffs der Mängel und der Vorzüge desselben so beredt ausgesprochen haben. Das Resultat ist doch nur, daß jedes Lebensalter seine Mängel um unsere Zukunft, die wir verlängert wünschen. Ich könnte sagen, daß das Judenthum überhaupt auf die Zukunft gerichtet ist und die Erfüllung seiner Ziele in die Zukunft verlegt. Das Jndenthum weiß nichts von den vier Zeitaltern, die mit dem goldenen anfangen und mit dem thönernen schließen. Aber das ist zu allgemein, obgleich es immerhin Einfluß auf die Grundstimmung in jedem jüdischen Individuum haben muß. Ueberhaupt, was man auch sagen mag, lebt in dem Herzen jedes Menschen der volle Wunsch, sein Leben nicht geendet, sondern verlängert zu sehen. Die Selbsterhaltung ist ein unüberwindlicher Trieb im Menschen und läßt ihn die größten Mühsale und heftigsten Schmerzen ertragen, um sein- Dasein auf Erden zu verlängern. Mag immerhin die gesteigerte Verwirrung der Verhältnisse und die Abnahme religiös-sittlicher Kraft den Selbstmord in unserer Zeit fast epidemisch gemacht haben: gegen die ungeheure Mehrzahl derer, welche, selbst in der trübsten Lage, den Faden ihres Lebens weiter zu spinnen aufs Eifrigste wünschen und erstreben, kommt selbst die vermehrte Zahl derer, die Hand an ihr Leben legen, nicht in Betracht. Wir wiffen sehr wohl, daß unsere Zukunft nicht minder wie unsere Vergangenheit nicht blos Genüsse und Freuden, sondern auch Leiden und Kümmernisse bringen werde. Doch dies hält uns nicht ab, diese Zukunft so weit wie möglich sich ausdehnen zu erhoffen. Wohl in jedes Menschen Leben drängt sich ihm das eine und das andere Mal der Wunsch auf die Lippen, es geendet zu sehen; aber es ist nicht ernst gemeint und die Stimmung geht schnell wieder vorüber. Hiob, der dieses Verlangen in so ergreifender Weise ausdrückt, ließ es sich wohl gefallen, daß „sein späteres noch größer war, als sein früheres." Nun ist es dem Judenthume eigenthümlich, allen von der Hand des Schöpfers dem Menschen in die Seele gelegten Trieben Rechnung zu tragen, um ihren sittlichen Inhalt zur Entfaltung zu bringen. Keiner derselben wird vernachlässigt, keiner unbeachtet gelassen, wohl aber mit Weisheit zu einem gedeihlichen Gliede des sittlichreligiösen Organismus durch Beschränkuug und Leitung herausgebildet. Bon jener Verachtung natürlicher Triebe, von jener Unterdrückung derselben als einem religiösen Ziele, als einer Tugend und Frömmigkeit, ist im Judenthume nicht die i Rede. Wie unsere Weisen das Leben auffaßten, prägt sich so