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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-22 · Heft 39 (22.9.1885) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 39 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
Seite 626 (sequence 10)
Language
German
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626 bet Vorsitzende klagte darüber, daß sich eine gewisse politische Erschlaffung in den Reihen Derer geltend mache, welche die Pflege des nationalen Bewußtseins, der guten deutschen Sitte und des christlichen Gedankens zusammengesührt habe. Hierauf nimmt der Stadtverordnete Wallich das Wort, der sein Befremden darüber ausspricht, daß die Stadtverordnetensitzung mit Rücksicht auf die jüdischen Feiertage gestern ausgefallen fei, was zu fröhlichen Zwischenrufen „Prosit Neujahr:" Veranlassung giebt. Diesen Leuten ist jede billige Rücksichtnahme auf jüdische Collegen verhaßt! Frankfurt a. M., im September. (Privatmitth.) Am 28. d. M. wird hier die sechste Generalversammlung der Aebawa abgehalten werden. Sehr erwünscht wäre es, daß dieselbe recht zahlreich, namentlich von activen Mitgliedern besucht würde. Der gegenseitige Austausch der Gedanken und Ansichten seitens der Mitglieder kam nur von heilsamen Folgen für das weitere Gedeihen und Erstarken dieses so segensvoll wirkenden Vereines sein. Die Verwaltung spricht hierbei den Wunsch aus, daß diejenigen Herren, welche der General-Versammlung beizuwohnen gedenken, ihren Besuch vorher, spätestens bis zum 26. September, dem Vorsitzenden anzeigen mögen. München, 4. September. Wie das M. F. berichtet, ist von hier der Bankier Grafenbecg verschwunden und mit ihm leider anch der Kassabestand des israelitischen „Frauen-Vereins", der das Aussteuer» armer Mädchen als einen seiner Vereinszwecke verfolgt. Es lehrt dieser Vorgang, daß man nicht vorsichtig genug mit der Unterbringung von Bereins- und Stistungsgeldern zu Werke gehen kann. Die Vorsicht ist hierin allen Personen gegenüber geboten! Posen, 13. Septbr. (Privatmitth.) In Nummer 37 dieses Blattes ist in dem Bericht über die Zahl der von hier ausgewiesenen Juden ein Jrrthum enthalten, es heißt darin 69 Personen, anstatt 169. — Bei Ertheilung von Prolongation der Aufenthaltsfrist werden hier die aus dem (früheren) Königreich Polen stammenden den übrigen Russen, und die Galizier den anderen Oestreichern hintangesetzt. 8. L^efterretch-Ilngarn. Wien, 3. Sept. (Privatmitth.) Laut Meldung der „Deutschen Zeitung" vom 27. August wurde während der Kaiserzusammenkunft in Krcmsier ein Taschendieb, namens Martin Scherian, verhaftet, welchen man für den gleichnamigen in Wien wohnhaften antisemitischen Schriftsteller hielt. Letzterer hat Tags darauf die Sache richtig gestellt. So sehr wir jedem Ehrenmanne seinen ehrlichen Namen gönnen, war es uns gar nicht besremdlich, denn in der Ge sellschaft, wo Bankerotteure, Wechselfälscher uud Leute mit bedenklichen Eiden Führerrollen gespielt haben, wäre ein Taschendieb gar nicht so schlecht aufgehoben. — Wie die sich christlich gebärdenden Blätter die journalistische Ehrlichkeit verstehen, zeigt das ultramontane „Vaterland", indem es seinen Lesern eine Geschichte von einem gewissen Adolf Grünwald erzählt, der ein Confectionsgeschäft auf schwindelhafter Basis betrieb und als eine jüdische Tuchfirma einen Betrag von 3000 fl. von ihm zu fordern Miene machte, einer Schwester das Pfandrecht auf das ganze Waarenlager durch eine fingirte Forderung einräumte. Daran schließt das „Vaterland" die fromme Frage: Wie viele Christen werden hier betrogen worden sein. Grünwald hat Tags darauf mit seinen Gläubigern ein Abkommen getroffen, hingegen ist um die gleiche Zeit ein Herr Alois Parzer verurtheilt worden, weil er trotz einer glänzenden Stelle als Diener in einem adeligen Verein, wohin er von Baron Rothschild empfohlen worden war, falsche Wechsel fabrizirt hatte und als die Entdeckung nicht mehr ausbleiben konnte, eine Wallfahrt nach Mariazell unternahm, von wo er nach einem komödienhaften Selbstmordversuch sich der Behörde stellte. Grünwald hat sich arrangirt. Parzer ist zu mehrmonatlicher Kerkerstrafe verurtheilt, aber von dem Juden, der vielleicht sein Judenthum gar nicht hoch anschlug, weiß das „Vaterland", von dem streng katholischen Betrüger hat es nichts erfahren. Das lst „vaterländische" Charitas. Ein zweites Beispiel dieser Art liefert ein Leitartikel desselben Blattes, überschrieben: „Duobus litigantibus teitius gaudet", der die streitenden Deutschen und Czechen bei Gelegenheit der Königinhofer Excesse darauf aufmerksam macht, daß die Juden als deren Repräsentant die „Neue freie Presse" genannt wird, sich über diese blutigen Zusammenstürze freuen und dabei vergessen, daß der Pöbel nur Nahrung für seine antisemitischen Gelüste erhält. Aus dem Clericalen ins Deutsche übersetzt heißt das: „Deutsche und Czechen reicht euch brüderlich die Hände und kühlt eueren Muth an einem passenderen Objecte". Freilich, wenn diese Mahnung Erfolg härte, dann würden die frommen Herren über die Verkennung ihrer edlen Absichten seufzen und die Augen himmelwärts wenden. Da wir beim Capitel Clericalismus angelangt sind, so ist folgender Vorfall nicht uninteressant, der gegenwärtig in Eger zum gerichtlichen Austrag kommen soll. Der Caplan Schöniger aus Wildstein bei Eger hat in einer liberalen Wähleroersammlung den Abgeordneten Dr. Polak, der seine Caudidatenrede hielt, durch allerlei gröbliche Zwischenrufe unterbrochen, bis diesem Herrn der Geduldfaden riß und er bemerkte: „Ich bin nicht gekommen, um mit ungebildeten Leuten zu streiten". Der Caplan klagt nnn ans Ehrenbeleidigung. Uns geht die Sache nur insofern an, als wir sagen können: „Was wäre die Folge gewesen, wenn ein Jude in so tumultuarischer Weise in einer Wahlerversammlung einer gegnerischen Partei aufgetreten wäre?" —

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