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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-22 · Heft 39 (22.9.1885) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 39 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
Seite 622 (sequence 6)
Language
German
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622 Seite stand. Mit einem Schlage hat sich das geändert. Der gewaltige Umschwung in der Erziehung und im sozialen Leben der Juden machte sich am grellsten im Leben der Frauen bemerkbar. Der Mann hatte auch früher, wenn auch einseitig, doch immerhin einer geistigen Thätigkeit obge- Sichems für die Undankbarkeit gegen ihren Erretter gleichfalls hart büßen müffen. Ebenso ist es vom Gesichtspunkte pragmatischer Geschichte leicht faßlich, daß der König von Aram einmal von dem südisraelitischen Reiche Jehuda gegen seinen nördlicheren legen und gerade die Unentbehrlichkeit dieser geistigen Arbeit j Nachbar, das Reich Israel, zu Hilfe gerufen, es zu einem wies ihn auf das Festhalten an der Religion hin, ohne wel- | Stück erblicher Politik macht, diesen Nachbar zu bekriegen, ches sein ganzes Denken und Streben überstüsiig war. Er war! Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß es die göttalso mit der neuen Zeit zunächst nur dahin gekommen, daß er, liche Fügung ist, wenn, wie der Prophet Eliahu verkündet, sein Wissen vertiefte und erweiterte. Anders die Frau. Seit i Chasael, der neue König von Aram, dazu beitragen wird, Menschengedenken war ihr Leben nur der häuslichen Arbeit Israel zu demüthigen, bis nur sieben Tausende übrig bleiben, gewidmet, jetzt mit einem Male wollte sie auch an dem geistigen bloß die Kniee, die dem Baal sich nicht gebeugt haben, und Interesse des Mannes ihren Antheil haben. Da mußte es doch der Mund, der ihm nicht gehuldigt hat. nothwendig werden, daß ihr Unterricht in der Religion kein j Ist so die biblische Geschichte ein Mittel zur Erweckung blos mechanischer sei, daß sie nicht in der praktischen Uebung i religiösen Sinnes, ohne in trockenes Moralisiren auszuarten, der Religionsgesetze ein trockenes Formelwesen entdecke, daß so kann auch die Kenntniß des Gebetes, die richtige Auswahl sie vielmehr von den erhabenen Ideen der biblischen Schrift, des Ueberlieferten mit fachgemäßer Erklärung viel dazu beivon den Grundwahrheiten religiöser Forscher, von der sittlichen tragen, daß das Gemüth Anregung erhält, welche ihm Be- Größe der Bekenner des Judrnthums sich ebenso angezogen dürfniß wird, und ebensosehr von der kalten Gewohnheitsfühle, als von den großen Ereignissen der Weltgeschichte, von . religion, wie von dem sich selbst überhebenden Jndifferentisder Gedankenmacht der Dichtung, von dem Zauber der Kunst, mus sich fern hält. Welche Fülle religiöser Erbauungen Allerdings mußte auch die äußere Form des Ritus etwas dazu thun, um die Frau sich zu gewinnen, doch liegt das auf anderem Gebiete. Wir haben nur zu untersuchen, was der Unterricht thun kann, um uns diesem Ziele näher zu bringen. Zunächst verlangt der Unterricht in der biblischen Geschichte eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Er darf nicht mechanisch, nicht moralisirend erscheinen. Sowie der Lehrer sich bestreben muß, alles künstlich Hineingetragene vom Gange der Ereignisse fern zu halten, sowie es seine Aufgabe sein muß, zu zeigen, daß die biblische Geschichte zunächst etwas Gewordenes und nicht etwas Gemachtes sei, so muß bietet schon die Tefilah des Neujahrfestes, welcher erhabene Schwung der Gedanken liegt in der innigen Hoffnung, daß einst Alle einen einzigen Verband bilden werden, um zu üben den Willen Gottes mit ganzem Herzen, daß die Gerechten in den allgemeinen Jubel der zu Gott gewandten Welt einstimmen werden, welche tiefe innere Anregung ist ausgesprachen in den Gedanken des Neilahgebetes, daß Gott dem Sünder hilfreich die Hand bietet, um ihn zurückzuführen von seinem bösen Wege, in der herrlichen Auswahl der prophetischen Verkündigungen, die mit Macht das minder zartbesaitete Gemüth fortreißen, wenn es die Worte auf sich wirken läßt: „Denn ich will nicht, daß sterbe der Todesschuldige, andererseits die Schüler und besonders die Schülerinnen j sondern umkehren soll er von seinem Wege und er wird leben." herausfinden lassen, welche sittliche Anschauung es bewirkt hat, daß gerade dieses oder jenes Ereigniß aus dem Leben unserer Ahnen der besonderen Aufmerksamkeit empfohlen wird. Das bloße Theoretisiren ist nicht meine Sache. Ich vergesse nie, daß ich dem Leser meiner Worte nicht zumuthen kann, sich die Mühe zu nehmen, den Beweis für meine Aussprüche Das sind Worte, die, in das Herz eines Kindes gesenkt, nicht bald sich verwischen lassen; und endlich die erhabene Größe der Leidensgeschichte der Juden, ihr treues und aufopferndes Verhalten in allen Drangsalen des Exils, die geistige Größe seiner Bekenner, die Bedeutung derjenigen Lehren, mit wel-! chen die gebildeten Juden des Mittelalters ihre Religion nicht zu finden. Darum will ich an einem Beispiele meine Anblos in verschwommener Romantik, sondern mit klarem Beschauung klar machen. Die Geschichte von Abimelech, dem > wußtsein als ewige Wahrheit sich zurechtgelegt haben. Nehmen Sohne Gideons, ist zunächst die Geschichte eines Usurpators, wir, um nur eines hervorzuheben, den rührenden Ausspruch der, die zerfahrenen Zustände des Volkes klug benutzend, es des Maimonides, daß er ohne weiteres dem Aristoteles auf verstanden hat, sich an die Spitze der führerlosen Menge zu! den Weg seiner materialistischen Wellauffassung folgen würde, stellen. Trotzdem darf nicht übersehen werden, daß die Sache ihre religiöse Bedeutung hat, daß zunächst dem Hause Gideons die Strafe für die Duldung und theilweise Förderung des Götzendienstes wird, daß Abimelech selbst im schändlichen Tode den Lohn seiner bösen That findet, daß die Bewohner wenn ihn nicht neben der mosaischen Lehre auch seine eigene Vernunft von der geschaffenen Welt überzeugt. Nehmen wir Rabbi Jehuda Halevy in seinem innigen, in seinem den ganzen Geist erfüllenden Sehnen nach dem heiligen Lande. Nehmen wir selbst den, trotz seiner rauhen Seite, trotz seines

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