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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-22 · Heft 39 (22.9.1885) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 39 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
Seite 619 (sequence 3)
Language
German
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619 tausend winzige Gruppen zersplitterte Gemeinschaft bestehen, wenn fie sich noch spaltete, um dann, wie es zu geschehen pflegt, sich um so mehr zu bekämpfen? Denn eine solche Spaltung vermindert nicht blos die äußere Trag- und Widerstandskraft, sondern sie raubt auch das Gefühl, einer, großen einheitlichen Gemeinschaft anzugehören, und unter-! gräbt so in empfindlicher Weise den Bestand des Ganzen. Ein solcher Instinkt waltete im jüdischen Stamme wie ein , Naturgesetz zu allen Zeiten. Trat irgend eine Parteispaltung ein, so überwuchs, mögen die Kämpfe auch noch so scharf gej wesen sein, nach einiger Zeit die Gesammtheit alle Trennung' und nur die Geschichte weiß von den Vorgängen zu erzählen. . So verschwanden die Parteien in Jerusalem; so hinterließ nur literarische Spuren der Kampf der Orthodoxen gegen die Religionsphilosophen und gegen die Kabbalisten; so schwindet j iinmermehr die immerhin friedliche Trennung der portugiesischen und aschkenasischen Juden in unsrer Zeit. Der kleine Zweig der Karäer macht eine Ausnahme und blieb abgesondert. Dieses naturgemäße Gefühl der Zusammengehörigkeit bringt denn auch die Duldsamkeit und mit dieser die religiöse Freiheit, mit sich. Man übersieht die Differenzen, sucht sie zu vermitteln und kommt schließlich zur Einheit zurück. Dies hat sich auch in unsrer Zeit bereits an vielen Orten bewährt, wo die; Trennung in Reformer und Orthodoxe anfänglich bitteren Hader veranlaßt hatte. Im übrigen bethätigt sich dies be- > sonders in allen wohlthätigen und gemeinnützigen Werken, die ohne den versöhnlichen Geist nicht zu Stande kommen oder nicht erhallen werden könnten aus Mangel an Mitteln. Als zu einer gewiffen Zeit die Frage sehr häufig ventilirt wurde, ob nicht die Gleichstellung den aufgeklärten Juden, mit Ausschluß der Orthodoxen, zu gewähren sei, weil jene mehr Garantien für den Eintritt in das allgemeine Leben böten, erklärten sich stets die sog. Aufgeklärten entschieden gegen diese Unterscheidung. Wo irgend ein schweres Bedrängniß einen Theil unsrer Glaubensgenossen betrifft, vereinigen sie sich sämmtlich zur Hilfeleistung und Niemand fragt, welcher Richtung die Hilfsbedürftigen seien. Dies sind Thatsachen, die lauter als alle Streitfragen und Diskussionen sprechen, und deren sich jeder aufrichtige Israelit mit wahrer Befriedigung bewußt wird. Diese Erwägungen entsprechen dem Feste der Sukkoth, dem wir entgegen gehen. Es war ein Freudenfest, und die Freude wirkt an sich schon befreiend und versöhnend. Es war aber auch ein Fest der Freiheit für das Volk, das aus seinen engen Straßen und dunklen Häusern hinauszog, um sieben Tage unter laubigen Hütten zu wohnen, ohne Unterschied des Standes und des Bcsitzthums, daß eben alle trennende Momente in der bürgerlichen Gesellschaft verschwanden. Es war endlich auch ein Fest der Verbrüderung, da alle Mannen Israels nach dem Heiligthume wallfahrteten, hier ein I gemeinsames, ebenso volksthümliches wie religiöses Freuden-! fest miteinander zu feiern. — So mögen wir diesen Strömungen des jüdischen Geistes immerfort uns willig hingeben, und dieser Mahnung des Festes folgen! Bewahren wir uns die religiöse Freiheit, die uns innere Festigkeit giebt, wo sie von Außen uns fehlt. Die Freiheit, seiner Ueberzeugung, wie fie sich durch Erziehung, Veranlagung und Schicksale herausgebildet, folgen und leben zu können, ohne in der Gemeinschaft Anstoß und Hinderung zu finden, wird alle Glieder des Ganzen in ihrer Treue und Anhänglichkeit befestigen. Die religiöse Zusammengehörigkeit ist ein Kleinod, das wir uns in Gefühl und Bewußtsein, im Thun und Lassen, in seiner ganzen Kraft erhalten wollen. Zu oft haben wir schon auscinandergesetzt und erwiesen, daß dieses Gefühl in keiner Weise mit dem patriotischen und nationalen Geiste in Widerspruch steht oder ihm Abbruch thut, als daß wir dies noch einmal erklären müßten. Ja, wir erfüllen treulich unsre Pflichten gegen Vaterland und Staat; wir begegnen gern mit Liebe und Achtung Allen, die uns diese nicht verweigern. Aber wir fühlen uns auch als Bekenner unsrer väterlichen Religion und halten dieses Erbe der Jahrtausende hoch! Die Ausweisungen. I. Den Ausweisungen aus den preußischen Ostprovinzen hat man in der jüngsten Zeit ein besonders jüdisches Interesse aufzudrängen versucht, was von uns nicht unbeachtet gelassen werden darf. Wir wollen hier die Bedeutung dieser Maaßregel nicht auf der Wage der Humanität und des Völkerrechtes bemessen, nicht ihre Wirkungen auf den humanitären! Geist der Zeit erörtern, noch wie sie den Haß der Nationa-! litäten unter einander zu steigern vermöge. Wir wollen uns ' auch nicht ein Bild des Unglücks und des Elends, das diese Ausweisungen, diese plötzlich eingetretenen Exmittirungen aus zum großen Theile seit längerer Zeit innegehabten Wohnstätten und aus regelmäßigem Erwerbe den Betroffenen be- : reiten. Denn das steht außer Zweifel, daß sie nicht bloß; gegen Verbrecher und Strolche gerichtet sind, sondern ohne! jeglichen Unterschied die russischen Staatsangehörigen, welche! die preußische Naturalisation nicht erworben haben, aus dem ' preußischen Gebiete entfernen wollen. Denn über das Motiv! und den Zweck der ministeriellen Verfügung hat der preuj ßische Minister des Innern, Herr von Puttkammer, bei Ge-! legenheit einer desfallsigen Interpellation im Abgeordneten-! Hause sich offen und unumwunden ausgesprochen. Er sagte, j ba^ in der letzten Zeit in den Ostprovinzen das Polenthum! so bedeutende Fort- und die Germanisirung solche Rückj schritte gemacht, daß die Staatsregierung hierauf ihre ganze I Aufmerksamkeit richten und der weiteren Polonisirung mit «möglichem Nachdruck Schranken setzen müsse. Zu diesem 39*

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