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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-15 · Heft 38 (15.9.1885) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 38 (15.9.1885)
Date
1885-09-15
Page
Seite 614 (sequence 14)
Language
German
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611 vollen Inhalt zu fassen und zu verfolgen vermochten. Dabei nahm er, wenn er sprach, eine sehr schaukelnde Bewegung nach vorn und rückwärts an. Dies war ihm von der polnischen Talmudschule geblieben, aus deren Gesichtskreise er sich mit eigener Kraft herausgearbeitet hatte, und aus welcher er eine reiche talmudische Gelehrsamkeit mitgebracht, mit der er eine tüchtige profane Bildung verband. Dieses sein Ringen zu einem höheren Ziele, das für ihn mit schweren Kämpfen verbunden war, erklärt es auch, daß er bis zur radikalen Reform vorgedrungen und selbst eine gewisse Feindschaft gegen das „orthodoxe Joch," wie er sagte. Produkt bekannt. — Und so sei hier nur noch eines eigenthümlichen Mannes gedacht, H. Jolowicz. Ein' kleiner schmächtiger Mann mit dunklem ausdrucksvollem Gesichte, von vielem sprachlichen und literarischen Wissen. Er war nicht glücklich in seiner Carriere; wechselnd Rabbiner in Kulm und Cöslin, wurde er, nachdem sich in Berlin die Reformgemeinde gebildet, bei einer kleinen gleichen Gemeinde in Marienwerder Prediger. Da sich diese nicht zu halten vermochte, überfiedelte er nach Königsberg, wo er, so viel ich weiß, privatisirte, einige gute Uebersetzungen englischer Werke, Lecky, die Geschichte der Aufklärung, eine Sammlung von Dichtungen aus das so lange auf seinem Nacken gelastet habe, hegte. Seine! allen Literaturen u. dgl. herausgab. An sein Andenken knüpfen amtliche Laufbahn bezeichnet die Etappen, die er hierbei durchj sich zwei kleine Erlebnisse, die ich hier nicht vorenthalten will, laufen. Bis 1841 Rabbiner in Frankfurt a. d. Oder, dann j weil sie einige nützliche Winke enthalten. In Braunschweig bis 1846 großherzogl. Mecklenburg-Schweriner Landesrabbiner war er eines Tages zum Besuche bei mir, als auch ein bekannter und endlich Prediger der Reformgemeinde zu Berlin. In' tüchtiger jüdischer Advokat cintrat. Da ich gerade unaufder zweiten Stellung verfaßte er noch die Gottesdienstordnung i schiebbare Korrekturen zu machen hatte, überließ ich die beiden für die jüdischen Gemeinden von Mecklenburg - Schwerin ' ihrer Unterhaltung mit einander und saß mit meiner Be- (Schwerin 1843), welche äußerst gemäßigt ausfiel und die schäftigung an einem etwas entfernten Tische. Trotzdem konnte er der Zustimmung der Braunschweiger Versammlung unterich dem Verlaufe der Unterhaltung folgen, ohne mich an breitete. In demselben Jahre veröffentlichte er aber auch schon j ihr zu betheiligen. Jolowicz saß in einem Fauteuil auf einer „die Autonomie der Rabbinen und das Prinzip der jüdischen' Estrade, und der Advokat trat freundlich auf ihn zu. Er Ehe", ein Buch, welches in jüdischen Kreisen ein außeror-; begann alsbald in einem höchst bescheidenen Tone den Herrn dentliches Aussehen erregte und Holdheim's Tendenz genügend Rabbiner zu bitten, ihm über einige religions-philosophische kundgab. Er war auch ein guter Hebräift, wie seine in Probleme Aufschluß und Belehrung zu geben. Ich bemerkte hebräischer Sprache verfaßten Schriften bezeugen. — Der j sofort den Schalk und fürchtete, daß der gute Jolowicz in Aufmerssamkeit würdig waren auch die Brüder S. Adler, die Falle gehen würde. Dieser nahm eine würdige Position Kreisrabbiner in Alzey und A. Adler Prediger in Worms, an und dozirte geläufig die über die betreffenden Fragen ge- Aehnlichkeit besaßen diese Brüder weder in ihrer äußeren wöhnlichen theologischen Antworten. Der Advokat hörte ruhig Erscheinung, noch in ihren Ansichten; aber in ihren Gesinzu und machte meisterhaft eine dankbare Schülermiene. Dann nungen und in ihrer Charakterfestigkeit kamen sie überein.I hob er an. den Herrn Rabbiner weiter zu befragen über Der erstere der beiden huldigte damals noch der gemäßigten einige Zweifel, welche er über die vernommenen Ansichten Reform und wollte sie überall nur aus dem Talmud selbst gehört oder gelesen habe. Erfreut, einen so bedeutenden herleiten und begründen. Darum kümmerte sich der zweite Hörer zu haben, fuhr Jolowicz fort, diese Zweifel in souvewenig, und vertheidigte eine durchgreifende Reform mit großer j räner Weise zu wiederlegen. Jetzt war aber für den Advokaten Schärfe und gewandter Dialektik, derer oft einen überraschen-> die Zeit gekommen, mit von Jolowicz ungeahnter Dialektik den Sarkasmus einzufügen wußte und zwar gerade da, wo! alle die Lehrsätze zu bestreiten, und führte er dies mit solchem man diesen gar nicht vermuthete und wo er deshalb! Erfolge durch, daß Jolowicz nichts mehr zu antworten wußte, wie ein Blitz einschlug. S. Adler gewann gerade durch Mir sind solche Fälle öfter vorgekommen, wo, namentlich seine Richtung bald eine gewisse Autorität unter seinen scharfe Juristen, in solcher gewissermaßen hinterlistigen Weise Coüegen, die er durch ein freundliches, liebenswürdiges Be-. Fachmänner, deren schwache Seiten sie merkten, durch ihr nehmen steigerte. A. Adler hatte ein häßliches Organ, das -devotes Auftreten zu gewagten Aeußerungen veranlaßte, um er jedoch durch seine kräftige Redeweise leicht vergessen machte.! sie zu bestreiten und zu widerlegen und aus der Verwirrung Bon ihm ist mir nur eine polemische Schrift „das Judenthum des überraschten Gelehrten den Sieg zu ziehen. Mögen sich und die Kritik, ein Sendschreiben an Herrn vr. Frenkel"! deshalb jüngere Männer vor dieser Methode, ihnen ein Bein (Mannheim 1845) bekannt, und einem weiteren Wirken setzte zu stellen, gewarnt sein lassen. In solchen Fällen lehnte ich ein frühzeitiger Tod ein Ende. Bon S. Adler, der später die Diskussion ab, indem ich bemerkte, daß mir die entgegennach New-Aork berufen ward, wo er eine lange segensreiche, gesetzten Ansichten des Herrn bekannt seien und eine Diskussion für das amerikanische Judenthum bedeutende amtliche Wir-: doch zu einer Verständigung nicht führen würde. So viel kung bis zum heutigen Tage ausübte, ist mir kein literarisches ich in meinem Leben zu polemisiren die Aufgabe hatte, war

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