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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-15 · Heft 38 (15.9.1885) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 38 (15.9.1885)
Date
1885-09-15
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
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612 50 Werst vor der österreichischen Grenze entfernt seien, die Ansiedelung untersagt worden, dem Jszranik (Kreishauptmann) in Luzk den Befehl geschickt, die dort wohnenden Juden, über 3000 an der Zahl, sofort zu 50 Familien in jeder Woche auszuweisen." Die schwer betroffenen Juden scheinen nach dem „Hairvri" keine Beschwerde führen zu wollen. — Infolge der unlängst stattgehablen Ausweisung sämmtlicher in der Provinz Kurland domilicirenden Juden, sofern sie nicht zu dieser Provinz verzeichnet waren, hat die Livländische Gouvernements-Regierung dem Riga'schen Polizeiamte eine Copie einer Requisition des Polizeidepartement des Ministeriums des Innern vom 30. Juni a. St. (12. Juli n. St.) d. q. zugestellt. Den Inhalt dieses bedeutsamen Schriftstückes wollen wir nach den Riga'schen Zeitungen reproduciren. Dasselbe lautet: „Die in den ministeriellen Cirkularvorschriften vom 3. April 1880 und vom 21. Juni 1883 enthaltene Verfügung über das Einstellen der Ausweisungen von Juden aus den inneren Gouvernements hatte den Charakter einer „temporären Maßregel" und war ausschließlich darauf gerichtet, raß die Ausweisung der Juden nicht in Mafien und gleichzeitig stattsinde, woraus nicht folgt, daß jetzt noch die Ausweisung von solchen Hebräern, welche das Aufenthaltsrecht außerhalb des den Juden zum Wohnort angewiesenen Rayons nicht genießen und ihrer Aufführung wegen nicht geduldet werden können, einzustellen sei, wobei es jedoch wünschenswerth wäre, daß derartige Ausweisungen nur auf „einzelne" Personen ausgedehnt würden und nichtden Charakter einer „Massenausweisung " der Hebräer trügen." Unser Kischinewer sauberer Missionar Iwan alias Josef Rabbinowitsch hat eine Trauerkunde erhalten, die ihm und seine quasi „juden - christliche Gemeinde" tief erschüttert hat. Wie das Petersburger „Evangelische Sonntagsblatt" mittheilt, wurde die von ihm bereits vor 8 Monaten nachgesuchte ministerielle Erlaubniß zur Eröffnung seiner Kirche und seine Bestätigung als fungirender Pastor, in der an die Polizei zu Kischinew gegenwärttg ergangenen Erwiderung nicht ertheilt. — Dem „Hamelitz" zufolge, ist die Stadt Surowitsch (Gouvernement Mohilew) von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht worden. Sie hat einen Schaden von 200 OCO Rubel angerichtet. Die Abgebrannten find fast ausnahmslos Juden. — Wir können unseren kleinen Bericht nicht schließen, ohne eines Aktes der Humanität Erwähnung zu thun, der schon deshalb mittheilenswcrch ist, weil er in Rußland der erste feiner Art ist. In Warschau ist, nach eiuer Meldung der „Hazefirah", zu Gunsten der Abgebrannten Grodnos eine literarische Sammlung erschienen, an welcher die populärsten polnischen Schriftsteller (Christen) sich beiheiligt haben. Moses Feinkind. Amerika. New-Hork, im August. Neben dem Plane, Sir Moses Montefiore eine Statue oder eine Büste auf einem öffentlichen Platze zu errichten, hat sich eine andere Idee viele Anhänger erworben, nämlich ein Asyl für Unheilbare zum Andenken an Sir Moses zu gründen. Nächstens soll eine Sitzung beider Comitös stattfinden, um eine Verständigung anzubahnen. Unterdeß haben öffentliche Blätter in San Francisco ebenfalls die Idee zu einer zu errichtenden Statue angeregt. Bonn, 6. September. (Notizen.) In Berlin fand am 30. v. M. die Beerdigung des geheimen Commerzienrathcs Heymann Friedemann, einer hochgeachteten Persönlichkeit, auf dem alten jüdischen Friedhofe, in der Schönhauser Allee, unter großer Theilnahme aus den verschiedensten Kreisen statt. — Aus L ondon schreibt man: Die Schule der rationalistischen Bibelkritik hat einen Verlust durch den Tod des vr. Marcus M. Kalisch erlitten, der am 23. v. M. in der Wasserheilanstalt zu Rowsley in Derbyshire (England) gestorben ist. wohin er sich zur Wiederherstellung seiner durch Ueberarbeitung untergrabenen Gesundheit begeben hatte, vr. Kalisch war 1828 in Treptow in Pommern geboren. Da er sich an der revolutionären Bewegung von 1848 betheiligt hatte, siedelte er nach London über, wo er von dem Ober- Rabbiner vr. Adler als Hauslehrer angestellt, von diesem mit dem Baron Lionel de Rothschild bekannt gemacht wurde. Dies hatte zur Folge, daß der jetzige Lord Rothschild und andere Mitglieder dieser Familie ihren ersten Unterricht vr. Kalisch zu danken hatten. Unter den Werken des Dahingeschiedenen sind namenttich sein kritischer Commentar über die fünf Bücher Mosis, eine hebräische Grammatik und ein Band deutscher Gedichte „Leben und Kunst" hervorzuheben. — — Ueber den in voriger Nummer berichteten gräßlichen Mord wird Näheres mitgetheilt: Ueber die telegraphisch gemeldete Ermordung einer ganzen Familie in Glemboka liegen jetzt nähere Nachrichten vor. Der Bezirkshauptmann Lachowski und eine Gerichtskommission haben sich auf die Nachricht von diesem Massenmorde unverzüglich nach Glemboka begeben, wo das Erforderliche zur Einleitung der Recherchen angeordnet wurde. 14 Gendarmen verfolgten die Spur der Verbrecher; vier derselben wurden noch gestern eruirt und festgenommen. Ermordet wurden der jüdische Schankwirth Max Roller, seine Frau Golde, die Tochter der Beiden, Pepi, der Sohn Moritz, die Nichte Anna Haller und der Diener Leo Baran. Den zweiten Sohn Roller's, Wilhem, fand mau schrecklich verstümmelt und in bewußtlosem Zustande im Winkel des i Zimmers, in welchem die Miffethäter gehaust hatten. Es ist keine Aussicht vorhanden, ihn am Leben zu erhalten. Der I Schankwirth Max Roller wurde mit Axthieben und Messer-

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