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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-15 · Heft 38 (15.9.1885) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 38 (15.9.1885)
Date
1885-09-15
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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611 etwas bringen konnten, aber auch viele Familienväter find darunter, die fich und die Ihrigen durch ihr Geschäft oder ihr Handwerk recht gut ernährt haben. Mit dem Augenblick der Ausweisung find jedoch allesammt gleich arm, gleich hülfsbedürstig. Mit dieser Ausweisung ist jedoch die ganze Summe von Noth und Elend noch nicht abgeschlossen. Seit dem Fahre 1882 haben wir uns mit der Unterstützung von auswandernden russischen Glaubensgenossen beschäftigt. Bis zur Stunde sind 3234 Personen befördert worden. In den letzten zwei Jahren haben wir die Mittel hierzu fast ausschließlich von dem deutschen Central-Comit« für die russisch-jüdischen Flüchtlinge in Berlin (Vorsitzender Herr Justizrath Mako wer) und zwar bis jetzt etwa 25000 Mk. erhalten. Das Berliner Counts wird fich auflösen und die letzten 2000 Mark sind uns am 9. Juli d. I. zugegangen und nahezu verbraucht. Unsere Unterstützungen bestehen schon seit einem Jahre einzig und allein darin, daß wir diejenigen Personen bis Hamburg oder Bremen befördern, welche von den Ihrigen, die ihnen bereits vorrausgegangen find, Schiffskarten erhalten haben. Da kommen nun meist Frauen mit zahlreicher Kinderschaar in geradezu grauenerregendem Zustande. Selbst wir, an solchen Anblick gewöhnt und dagegen abgehärtet, wenn nicht schon stark verhärtet, können uns bei solchem Anblicke kaum der Thranen erwehren. Wenn wir uns der armseligen Geschöpfe nicht annehmen, so sterben sie auf der Straße vor Hunger und Erschöpfung." „Glaubensbrüder! Bethätigt Eure Liebe, Euer Mitleid, Eure Zusammengehörigkeit mit den armen, flüchtigen, vertriebenen, hungernden und elenden Stammes- und Glaubensgenossen, die Euch ja sonst in keiner Weise zur Last fallen werden. Ihr wohnt ja in Ruhe und Frieden und Lebensfreude. Ihr könnt Euch Eures Lebens und Eurer Lieben in ungestörtem Genüsse erfreuen; gedenket der Unglücklichen und unterstützet sie reichlich und Gott der Herr wird Euch auch fernerhin schützen und segnen. Das ständige Hülfs-Comits für die Nothstände russischer Israeliten: Rabbiner vr.Rülf, S. Bloch, N. Margulies, L. Lewy, L. Hillelsohn, I. M. Schapiro. Alle Sendungen sind zu richten an den Unterzeichneten Rabbiner vr. I. Rülf. Auch die Redaktion dieser Zeitung und ver Bezirks-Rabbiner vr. A. Salvendi in Dürkheim an der Haart nehmen Gaben entgegen und befördern dieselben an uns. Quittung und Veröffentlichung erfolgt wie bisher. Oesterreich-Ungarn. Pest, 28. Aug. (Privatmitth.) In dem bekannten klimatischen Seebadeorte Balaton Füred am Plakensee wurde vor einigen Wochen zur Erinnerung an vr. Joseph Oesterreicher, 'der vor jetzt hundert Jahren zum ersten Brunnenphyfikus ernannt wurde und der Füred zu einem Kurorte eigentlich gemacht hat, eine Gedenktafel angebracht. Dieser vr. Oesterreicher, von seinen Glaubensgenossen R. Monesch Doctor genannt (geboren in Altofen 1756), war der erste ungarische Jude, der das Diplom eines Doctors der Medicin erlangte. Infolge der seiner Dissertation Analysis aquarium Budensium (Budae 1781) anzefügten Abhandlung über die Heilkraft der Füreder Mineralquellen erhielt er den 12. September 1785 die Stelle eines Brunnenphysikus in Füred, welche er siebzehn Jahre lang bekleidete. Die dortige Stiftung zur unentgeltlichen Pflege des die Heilquellen Füreds gebrauchenden k. k. Militärs verdankt ihm ihr Entstehen. Oesterreicher starb in Wien im Januar 1832. Der Gedenktafel für Oesterreicher soll bald eine zweite folgen für einen andern jüdischen Arzt, der sich gleichfalls um Füred Verdienste erworben hat, nämlich für den verstorbenen vr. Joseph Adler. Frankreich. Paris, 6. September. Es hatte vor einiger Zeit verlautet, daß der Kriegsminister den bisher eingehaltenen Gebrauch, die jüdischen Rekruten aus Algerien nach Südfrankreich zu bringen und den dortigen Regimentern zuzutheilen, aufheben wolle, um dem Grundsätze der gleichen Behandlung auch hierin gerecht zu werden. Fndeß ist dies nicht geschehen und die jüdischen Rekruten sind soeben in Algier wieder eingeschifst worden. Wir können dies für jetzt mit billigen, da bei dem gegenwärtig in Algier herrschenden Geiste Reibungen zwischen den jüdischen und christlichen Soldaten nicht ansgeblieben wären. — Das israelitische Consistorium von Algier hat seinen Präsidenten, Herrn Honel und den Herrn Darmou, Adv., nach Paris gesandt, um die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Wühlereien der Antisemiten zu lenken, machen und um die nöthigen Vorsichtsmaßregeln zu bitten.! Der Ministerpräsident Herr Brisson hat die Deputation sehr I wohlwollend empfangen und versprochen, daß der nöthige! Schutz den israelitischen Bewohnern Algeriens nicht fehlen z solle.! Rußland. T«rrk, 1. September. (Privatmitth.) Petersburger Blätter erfahren, daß sich neulich in Wolkowisk Excesse gegen die Juden zugetragen haben, die von sehr traurigen Folgen begleitet waren. Noch in mehreren anderen Städten haben in diesen Tagen Judenkrawalle stattgefunden. — Der „Haiwri" in Brody erhält von glaubwürdiger Seite eine beklagenswerthe Correspondenz aus Luzk (Gouv. Wolhynien), welche das Gegentheil von dem meldet, was wir neulich aus dem „Hazcfirah" entnahmen. Sie lautet: „Der Gouverneur von Wolhynien hat am 12. v.M. auf Grund eines alten allerhöchsten Ukases von 1864, worin den Juden in den Städten, die nicht 38*

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