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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-15 · Heft 38 (15.9.1885) · p. Seite 602

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 38 (15.9.1885)
Date
1885-09-15
Page
Seite 602 (sequence 2)
Language
German
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Gefühle des Friedens zu erfüllen. Da ist kein verstockter Sünder, der nicht müde wird, seine Frevel und was ihn dazu getrieben, verflucht und sehnsuchtsvoll ausschaut, wo und wie er wieder zum Frieden komme. Da ist kein Streiter im Leben, kein Sieger im Kampfe, der nicht dennoch des Streites und des Kampfes überdrüssig wird und eifrig verlangt, ruhig „unter seinem Weinstock und seinem Feigenbäume zu sitzen." Und wie nun erst in dem, welchem, zum Frieden beanlagt, der Streit aufgezwungen worden, und der um so schmerzlicher aüe Bitterkeiten des Kampfes im Gewühle des j Lebens durchzukosten hat. Welche Seufzer nach dem Frieden j cntquillen in der Stille der Nacht seinen Lippen ... Ja, „Dir sei Friede und Deinem Hause Friede und allem, was! Dir angehört, Friede!" (1. Sam. 25, ü.) „Friede, Friede Dir und Friede Deinen Genossen, denn Dir hilft Dein Gott!"! (1 Chr. 12, 18). „Der Gerechtigkeit Werk ist Friede, der Ge -j rechtigkcit Frucht dauernde Ruhe und Sicherheit. Da wohnet , mein Volk in der Hütte des Friedens, in sicheren Wohnungen.! sorglosen Ruhestätten." (Jes. 32, 17. 18.) „Wie lieblich sind! aus den Bergen die Füße des Boten, der Frieden kündet. Glück vermeldet, Hülse verkündet!" (Jes. 52, 7.) . . . Und! als ein solcher Friedensbote tritt zu Dir, Israelit, die Re-; ligion und bringt Dir die Botschaft des Friedens. Sie | spendet Dir die unschätzbare Wohlthat des Versöhnungsfestes. Hier kannst Du Frieden erlangen in Deinem Innern, Frieden mit Deinen Mitmenschen, Frieden in Deinem religiösen Bewußtsein, wissend und erkennend, daß Du gefehlt und gesündigt, aber voll Zuversicht auf die Barmherzigkeit Gottes, die Dir Vergebung aller Schuld gesichert, durch den Tag > der Versöhnung verheißt, wenn Du Deine Vergehen bekennst und bereust und umkehrst von allem bösen Wandel und Recht und Liebe in die Kammern Deines Herzens aufnimmst und zu den Führern Deiner Zukunft machst! Dann ruft dieser Tag Dir zu, mitten im Gewühle des Lebens, mitten in den Kämpfen, die Dir nicht erspart bleiben, auch nicht wenn schon Silberhaar Dein Haupt deckt, er ruft Dir zu: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen." Eine allgemeine Betrachtung. Die Stimmung, in welche uns die von unserer Religion geheilgtcn Feste versetzen, erhebt uns zu jenen Höhen, von welchen man einen Ueberblick über die Lage der menschhcitlichcn Verhältnisse in unserer Zeit wirst und den Standpunkt erwägt, auf welchem in der Gegenwart das Menschcnthum und jene Verkündigung des allgemeinen Friedens sich befindet. Unwillkürlich legen sich aus unsere Lippen jene Worte des Propheten (Jcsaias 21, 2.): „Wächter, wie steht's um die Nacht? Kommt der Morgen?" Am Ende des vorigen Jahrhunderts sang Schiller: j „Seid umschlungen, Millionen, l Diesen Kuß der ganzen Welt!" I Einige Jahrzehnte später wurde viel von einem „Völker-!srühling", von einer Verbrüderung aller Nationen zu einer ' menschheitlichen Völkerfamilie gesprochen. Aber die Maul- : würfe setzten ihre unterirdische Arbeit unentwegt fort und das j erste, was sie aus dem Schoße der Vergangenheit heraus-!gruben, war der Racenschwindel. Weil in uralter Zeit, wie man voraussetzt, aus einer Ursprache sich viele Sprachen entwickelten, von welchen die einen eine größere Verwandtschaft, die anderen größere Verschiedenheiten in ihrer Entwickelung bekundeten, spaltete man die kaukasische Race in mehrere Racen, sprach jeder derselben eine andere geistige Natur zu und übertrug dies bis auf die Gegenwart, Haß und Zwietracht zwischen den einzelnen Völkerstämmen hervorrufend und rechtfertigend. Aus den Studirstuben haarspaltender Gelehrten übertrug man dieses von der Geschichte und den wirklichen Zuständen ungerechtfertigte Wahngebilde auf das Leben und die jetzige Menschheit. Perser sind jener linguistischen Lehre nach Arier, und stehen doch an Cultur, Sitte und Religion den Arabern ganz gleich oder noch unter ihnen. Die Inder sind Arier und mußten erst von den Engländern von ihren Despoten und der Despotie ihres Kastenwesens befreit und zu einem menschenwürdigen Dasein erhoben werden. Ein als semitisch bezcichneter Volksstamm ist seit Jahrtausenden unter den arischen Völkern ansässig und hat sich mit ihrem Leben und ihrer Cultur amalgamirt. Was kümmert dies aber diejenigen, welche Haß und Streit zwischen den Menschen ausstreuen und ausbcuten wollen? Hinter dem Schilde, den sie sich aus dieser Racenspaltung geschmiedet haben, rücken sie gegen ihre friedlichen Mitbürger vor. —! Wie schien doch in der Mitte unseres Jahrhunderts der Friede, ' die gegenseitige Achtung und Duldung zwischen den Bekcnnern der verschiedenen Religionen sich zu befestigen und in den Geistern, besonders im öffentlichen Geiste herrschend zu werden! Hiermit war aber die Macht der hierarchischen Parteien eingeschränkt und diese fürchteten, ihre Gewalt über die Gemüther j des Volkes zu verlieren. Sie erhoben ihr Haupt von Neuem,! strebten die verlorene Machtstellung wieder zu erringen und wie anders sieht es gegenwärtig aus, als noch vor einigen! Dezennien! In offenen Kampf sind sie wieder eingetrcten und! dieser in den Schoß jeder Religionsgenoffenschaft durch die Spaltung in orthodoxe und freisinnige gedrungen! — Und hieran schloß sich das Wiedcrerwachcn der Nationalitäten, ihres Selbstbewußtscins, ihres nationalen Gefühles. Gewiß an sich zu billigen und zu pflegen. Denn die Entwickelung des nationalen Geistes, die Pflege seiner eigenthümlichen Kräfte, die Erfüllung der ihm gewordenen Aufgaben ver- > schafft der Nation eine große Kraft und nützt im Austausch; und im Zusammenwirken der gcsammten Menschheit. Aber

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