Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1885)
- Date
- 1885-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Iudcncthums. Ein unpartcnschcs Organ für alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig :l Mark. Abonnement in Deutschland »Postzeitungsliste Nr. 111) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegcben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeörtion: Leipzig, Aoßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten ' j wende man sich an Nr. Vhilippson in; i Bonn direct, in allen übrigen an die!! Dcrlagshandlung. Beilagen (Kebühr! 12 M.) sind gleichfalls an letztere; einzusendcn. ' 49. Jahrgang. Leipzig, den 15. September 1865. JVo. öS. Inhalt. Leitende Artikel: Zum Versöhnungsrage. — Eine allgemeine Betrachtung. — Das Princip des Strafrechts oder der Ttraszwcck. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Posen, Königsberg. Bromberg, Aus Schlesien, Ans Mecklenburg Schwerin, Rastcnburg, Magdeburg, Memel. — O c st er re ich - Un garn: Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Turek. — Amerika: New-2)ork. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Erinnerungen V. Seite iv?.- Cli titlet'. Bonn, 2. September. Zum Versöhnaagstage. Als der Schöpfer den Menschen bildete aus Staub von > der Erde und diesem den göttlichen Hauch der Seele einj senkte, trat der Erzengel Raphael vor den Herrn und sprach: „Allweiser Schöpfer des Alls! Wird der Mensch, zusammengesetzt ans diesen beiden Gebilden, immer in der Eintracht beider leben können, da ihn der Geist zu den Höhen des Lichtes emportragen, der irdische Leib zu den Schatten der Erde hinabziehen will, und er so in ewigen Streit zwischen beiden gerathen wird, welcher am Ende den Untergang des eincn oder des anderen bewirkt?" Und der Herr antwortete: „So soll cs sein; der Streit soll leben im Menschen, so lange er auf der Erde weilt, und aus ihm soll sich seine Kraft entfalten und er Ziele erreichen, die ihm ohne den Kampf der Gegensätze fern bleiben würden." Ties vernahmen die Schaaren der Engel, und hcrbeieilten die Geister der Gegensätze, um ihre Gaben in die Seele des Menschen zum irdischen Lcbensgang einzusügen. Da kam der Genius der Freiheit und der der Gewaltthätigkeit, der Genius der Habgier und Selbstsucht und der der Selbstaufopferung, der Stolz und die Bescheidenheit, die Freude und die Trauer, der Schmerz und die Lust, der Genuß und die Entsagung, der unermüdliche Fleiß und die Trägheit und noch viele andere. Da sprach der Herr noch einmal zu Raphael: „Sichst du, alle diese werden sich in der Seele des Menschen entwickeln und in ihr einen Spielraum gewinnen; denn er soll ein cigenthümliches Wesen sein, wie es bis jetzt noch nicht bestanden; und alle diese Gegensätze, alle haben ihre Vorzüge und Borthcile wie ihre Fehler und Nachtheile, keinen ausgenommen, so verlockend der eine, so verwerflich der andere erscheint." — Und so ward des Menschen Seele zu einem Kampsplatze der Gegensätze. Mit dein Augenblicke, wo das Bewußtsein des Menschen erwacht und seine ersten Fühlsäden hinausstrcckt in seine Umgebung, erwacht der Streit im Geiste. Zuerst der Kamps im Innern, im eigenen Selbst zwischen den Neigungen, Trieben, Begierden und Leidenschaften, wie sie schon den jungen Menschen irach den verschiedensten Seiten ziehen und zerren; dann der Kampf für und um die Lebensstellung, den Erwerb, um Ansehen und Macht, um Besitz und Genuß. Und wie im Einzelnen, so ersteht der Kampf zwischen den Familien, den Stämmen, den Nationen, und die Erde röthete sich vom Blute der Erschlagenen, und der! Himmel vom Brande der Städte und Dörfer. „Das Trachten! des Menschenherzeus ist böse von seiner Jugend aus", und j bis heute, trotz der Jahrtausende, trotz aller Erfahrungen und! aller Ausdehnung und Bildung der Geisteskräfte, haben die Völker noch immer nicht „die Schwerter zu Sensen, die- I Lanzen zu Sicheln zu schmieden" sich entschlossen und „erlernen den Krieg" noch heute so eifrig wie zu den Zeiten der Propheten. Aber auch der Streit hat seinen Gegensatz in der Mcnschenseele: cs ist der Drang nach Frieden, die Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit im Innern wie von Außen, das Verlangen, allen Streit enden zu sehen und sich mit dem süßen 38