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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-08 · Heft 37 (8.9.1885) · p. Seite 593

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 37 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
Seite 593 (sequence 9)
Language
German
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ganze deutsch-nationale Gruppe judenfeindlich sei, aber den Antisemitismus nicht öffentlich zeige. Diese Ueberzeugung hat sich um so mehr befestigt, als es ja bekannt ist, daß z. B. die Herren Steinwender, Pernersdorfer, Fuß, Weitlof u. s. w. sich erst in neuerer Zeit vom Antisemitismus lossagten, aber doch nichts thun, um den Deutschen Schulverein vor den Wühlereien der Antisemiten zu bewahren. Herr von Schönerer erschien aber nur deshalb in Kaaden, um Stimmung zu machen, um auf die Dinge vorzubereiten, die sich bei der demnächst in Teplitz stattfindenden Hauptversammlung des Deutschen Schulvereins abspielen sollen. Herr von Schönerer erklärte, daß er in Teplitz erscheinen werde, um dort für die Ausschließung der Juden aus dem Deutschen Schulverein einzutreten, weil diese Institution nur nach ihrer „Säuberung" eine unverfälscht deutsche genannt werden könnte, und beim Commers, welcher der Wanderversammlung folgte, wurden Toaste in diesem Sinne ausgebracht und stürmisch ausgenommen. Tie Dinge im nördlichen Böhmen geben zu denken: gelänge der antisemitischen Partei die Ausschließung der Juden aus dem Schulverein, so würde diese so segensreiche Institution zu Grunde gerichtet sein. Wenn auch die behördliche Auslösung nicht gleich erfolgen sollte, so würde doch der Maffenaustritt der Juden eine schwere, gar nicht zu verwindende materielle Schädigung bringen, denn gerade die Juden haben die größten Geldopfer ge. bracht. Hoffentlich wird es auch diesmal der Majorität der Hauptversammlung gelingen, die Anschläge Schönerers zu vereiteln. Unter allen Umständen wäre es für die sich zum „Deutschen Club" bekennenden Abgeordneten ein Gebot der Pflicht und der Klugheit, sich von Schönerer öffentlich loszusagen und die Wählerschaft aufzuklären. Schönerer konnte seinen in jeder Art destructiven Tendenzen nur zum Erfolge verhelfen, weil man ihn gewähren ließ, ja ihm sogar Reklame machte, indem man mit ihm polemisirte und ihn ernst nahm, was er durchaus nicht verdiente." — (Diese Correspondenz ist sehr lehrreich. Unter den Borwürfen, welche die antisemitischen Agitatoren und Libellisten gegen die Juden richten, steht immer voran, daß sie keinen nationalen Sinn hätten und für nationale Zwecke keine Opfer brächten. Gipfelt doch z. B. die Weisheit des Herrn v. Hartmann in der Phrase, die Juden müßten ihr „Stammesgefühl" aufgeben und dafür das deutsche „Natioualgefühl" in sich stärken. Gerade das Gegentheil findet statt. Wir sehen hier die Juden eingestandenermaßen den deutschen Schulverein durch ihre Mitgliedschaft und ihre Geldopser energisch fördern, und nun werden sie von demselben — natürlich ausgeschloffen und für ein nichtdeutsches Element crklätt! Die Folgen werden nicht ausbleiben, aber in entgegengesetztem Sinne, wie es die Urheber dieses nationalen Attentats vermeinen.) Prag, 21. August. Wie die Blätter melden, überbrachte der Obmann der Repräsentanz der Landesjudenschaft, vr. Lichtenberg, namens dieser Körperschaft und der Israeliten des Flachlandes Böhmens die Glückwünsche dem neuen Erzbischof, worauf Graf Schönborn in seiner von den edelsten und humansten Anschauungen getragenen Erwiderung erklärte, daß er es als Aufgabe des Bischofs erachte, den konfessionellen Frieden zu fördern, in welchem Sinne zu wirken er befliffen sein werde. (Hoffen wir, daß das schöne Wort auch erfüllt werde und durchdringe!) Krakau, 19. August. Die Schlußverhandlung gegen Moses Ritter und Genossen wurde definitiv auf den 17. September ausgeschrieben. Hierzu werden 78 Zeugen und 4 Sachverständige vorgeladen. Als Bertheidiger sind die Advokaten vr. Machalski, vr. Rosenblatt und vr. Borowski, letzterer diesmal für Marcell Stochlinski bestimmt. Die Dauer der Verhandlung ist auf zehn Tage anberamnt. Bekanntlich find Ritter und Genoffen schon von zwei Schwurgerichten zum Tode verurtheilt worden, aber jedes Mal wurde das Uttheil vom obersten Gerichtshof aufgehoben und die Sache vor ein anderes Gericht verwiesen.) Aus Ungarn, im August. In einem der jüngsten Hefte der „Deutschen Rundschau" befindet sich ein sehr lesenswerther Aufsatz „Die ungarische Gesellschaft." Es versteht sich von selbst, daß in dieser Schilderung auch die Juden nicht fehlen konnten. Wir heben heraus', was darin über diese gesagt wird: Es heißt da: „Der Magyarisirung am zugänglichsten sind die Juden, die in den mittler» und liefen Schichten der Bevölkerung compacter hervortreten. Sie werfen sich ihr — dadurch, daß sie ihre deutschen Namen gegen ungarische austauschen und sich leidenschaftlicher als die autochtonen Magyaren für die ungarische Staatsidee begeistern — förmlich in die Arme." Weiterhin schildert der Berf. mit großer Wärme die bedeutsame Gestalt des Ministerpräsidenten Koloman Tisza und des diesem überaus hilfreichen Abgeordneten und Leiter des „Pester Lloyd" vr. Max Falk, der auch in der praktischen Politik mit Glück eine Führerrolle spielt. Da heißt es denn: „Psychologisch interessant ist sein Urtheil über die „Judenfrage", da er selbst von jüdischer Abstammung. Die Gleichberechtigung der Juden, sagte er einmal, besteht; aber nur aus dem Papier. Die Gesellschaft hat sie noch nicht acceptirt. Innerhalb ihres Rahmens sind sie eine tolerirte, aber noch lange keine recipirtc Kaste. Die Juden handeln deshalb unklug, wenn sie ' sich vorzeitig gewaltsam in die Prärogative des Adels ein-! drängen, diesen bei Wettrennen und dergleichen Sport zu überbieten trachten. Sie reizen dadurch den Stolz der Oli-! garchen und machen ihnen den Verlust ihrer Vorrechte immer! neuerdings fühlbar. Jahrhunderte alte Gegensätze laffe» sich

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