Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- Seite 594 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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594 nicht so rasch verwischen. Die heutige Position der Juden ist die denkbar peinlichste, obwohl sie sich mit viel Geist darüber himvegtäufchen. Es verdrießt natürlich den Fürsten X wenn eiu Jude — vielleicht der Chef einer Lumpenfabrik — in das stolze Schloß seiner Ahnen einzieht. Er halt es für! ausgemacht, daß der speculante Jude ihn ruinirt hat. In! Wahrheit sind es zwar die Karten, die Zigeuner und die j schönen Frauen gewesen, und der Jude hat sich nur durch j Ausdauer und ehrliche Arbeit emporgerungen — aber mau! versuche es, die Gesellschaft eines Besieren zu belehren. Diese| Voreingenommenheit ließe sich durch manches humoristische Einzelbeispiel illujtriren. Nimmt z. Beine reiche Juden-! familie keine Loge am neuen ungarischen Opernhause, so heißti es — „diese Juden! Was für schlechte Patrioten sie sind, | sie unterstützen nur das deutsche Theater!" Abonnirt die Familie, so heißt es unfehlbar, „diese Juden drängen sich doch überall vor! Auch das neue Opernhaus haben sie schon ganz überschwemmt!"- Frankreich. Paris, im August. Das Pariser Blatt Le blatier giebt Aufschluß über den Antisemitismus, der sich in Algerien ausgebreitet und wiederholt in Excesien Luft gemacht hat. Es leitet denselben aus rein politischen Gründen her, und sagt: „Seit vier oder fünf Jahren hat sich die republikanische Partei in auffälligster Weise von der Partei der Gewaltthätigkeit getrennt. Die Inden Algeriens wollen nun absolut mit den collectivistischen und anarchistischen Ideen nichts zu, thun haben, und lassen sich consequent nicht die Namen der! radicalen Candidaten in die Hände drücken, um sie in die Urnen zu legen, Candidaten, die, wenn sie gewählt werden, ihre gefährlichen socialen Utopieen zum Triumphe führen würden. Hieraus der Grimm. In ihrer ohnmächtigen Wuth, i überzeugt, daß sie durch ihre gewöhnlichen Ueberredungskünste die Juden nicht in ihr Lager bringen könnten, versuchen sie, die Apostel des Ultraradikalismus, durch Beschimpfungen, Drohungen und Gewaltthätigkeiten die Juden zu terrorisiren und sie von der Wahlurne fern zu halten." Eine feste Haltung der Behörden würde den Juden die friedliche Erfüllung ihrer Wahlpflicht ermöglichen, und dann hätten die radikalen und antisemitischen Candidaten keine Aussicht. Belgien. Brüssel, 26. August. (Privatmitth.) Zu den Motiven, welche den Sturz der Liberalen herbeigeführt haben, gehörte auch besonders ihr rigoröses Verfahren in der Friedhofsfrage, wo sie mit einem Male das französische Gesetz als durch die Verfassung aufgehoben erklärten und z. B. die jüdischen Friedhöfe unterdrückten. Jetzt plant man nun in den klerikalen parlamentarischen Kreisen, in der nächsten Session der Kammern ein neues Friedhofsgesetz zu beantragen. Wenn dasselbe rationell und nicht rigorös klerikal abgesaßt sein würde, könnte es ein verdienstliches Werk sein und vorhan denen Conflicten Vorbeugen. Es wäre dies gar nicht zu schwer, wenn man neben allgemeinen Friedhöfen jeder Confession gestattete, auf ihre Kosten Friedhöfe zu unterhalten, natürlich unter Beachtung der sanitär-polizeilichen Vorschriften. Rußland. Turek, 16. August. (Privatmitth.) Die nächste Sitzung der „Judencommiffion" ist auf den letzten halben Monat September vertagt worden. Bei dieser Sitzung, wie die Hazefira erfährt, wird die von der russischen Geistlichkeit der Westprovinzen in der Commission angeregte Frage, den Juden! zu verbieten, Gewerbe und Handel am Sonntage und an den j übrigen christlichen Feiertagen zu betreiben, zur Berhandluug kommen. — Auf Vorstellung des General-Adjudanten Korff hat der vom General-Gouvernementsmarschall des Amur-Gebietes berufene Congreß zur Berathung über die Augelegen-! heiteu und Bedürfnisse dieses Distrikts einstimmig beschlossen, daß den Juden in diesem Gebiete der Aufenthalt und zwar selbst ausgedienten jüdischen Soldaten nicht zu gewähren ist. — Ter „Odefski Listock" enthält aus Kischinew, der Hauptstadt Bessarabiens, folgende Correspondenz: „Der Gouverneur hat richtig doch die Gelegenheit gefunden, nach welcher er seit längerer Zeit sich Mühe giebt, die ausländischen Juden in Bessarabien zu bedrücke». Er erließ im Monat Juli an alle Polizeibehörden seines Distriktes ein Circular, worin streng eingeschärft worden, daß ausländische Juden in Bessarabien nur gegen Entrichtung der Abgaben I. Gilde Handel oder Gewerbe treiben, und nur dann im Lande bleiben dürfen, wenn sie Angestellte in Werkstätten und Fabriken von Juden, oder von der Regierung berufen sind, als Rabbiner oder Militärärzte u. s. w. zu wirken. Am meisten scheinen ihnen die heimathlosen bedrängten rumänischen Juden zu mißfallen,! denn sie dürfen laut seiner Instruktion gar nicht ins Land! gelassen werden, wenn sie sich nicht über den Besitz genügen-! der Subsistenzmittel ausweisen. Solche heimathlose rumänische Juden giebt es in Bessarabien ca. 3000, und die Zahl i der übrigen ausländischen Juden, die mit dieser harten Ausi Weisung bedroht sind, ist auch beträchtlich." — In Warschau wird eine kleine antisemitische Broschüre in polnischer Sprache,! betitelt: „Jak i dla czego bija zydow?" (Wie und weshalb werden die Juden verfolgt?") unter dem Pöbel in Tausenden von Exemplaren verbreitet. Dieses gehässige Pamphlet hat sich die Aufgabe gestellt, das rohe Volk aufs Neue gegen die j Juden aufzuwiegeln. — Das jüdische Waisenhaus und die