Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- Seite 592 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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solche, welche schon seit einer Reihe von Fahren Hierselbst! ansässig find, in ganz geordneten Verhältniffen, Gewer-treij bende und Handwerker. Welch' ein Loos, und vom heitern Himmel herab. Sie fragen sich umsonst, wodurch haben wir dies verschuldet? Politik treiben sie nicht, dem Polenthum gehören sie nicht an, dessen Sprache sie nicht einmal sprechen. Was also der Minister des Innern als Grund dieser überaus harten Maßregel angegeben, trifft hier durchaus nicht zu. . . Natürlich gewahren wir hier, wie Rußland seinerseits ebenso verfährt. Aus Warschau find jüngst 130 Deutsche ausgewiesen, und ein Transport Männer, je zwei aneinander gefesselt, selbst Leute, welche gern mit der Eisenbahn gefahren wären, da sie die Mittel dazu hatten. Dar» unter waren keine Juden. Die Consequenzen find also gar nicht zu übersehen. Der Geist, der einmal beschworen ist, weicht nicht so leicht wieder von dannen, und wird noch nach anderen Richtungen sich Opfer suchen. Aus Mecklenburg, 25. Aug. Da die „Judenbekehrer" zu dem Bewußtsein gekommen, daß der von ihnen geförderte Antisemitismus ihnen keine Förderung, sondern das Gegentheil gebracht hat, so suchen sie dies jetzt durch erhöhte Anstrengung zu ersetzen. Jndeß liegt dabei auch der Zweck zu Grunde, für ihre Ziele das christliche Publikum zu gewinnen und mehr Geld zu bekommen. So reist jetzt der Missionär Faber in Mecklenburg umher und hält Vorträge in den Städten. In Schwerin sprach er über den Rabbi von Sadagora — den und seine Anhänger er dadurch niemals bekehren wird. In Güstrow erzählte er die Geschichte der Bekehrungsversuche — wobei er die mittelalterlichen Mittel von Brand und Mord nicht weiter erwähnte. Auch behauptete er kühn — wo bleiben die Beweise? — daß in Rostock im Jahre 1625 sich 400 Juden hätten lutherisch taufen lassen. Nun steht es geschichtlich fest, daß damals in Rostock außer am Pfingstmarkte sich Juden nicht einmal aufhalten durften und zwar bis 1869, wo das deutsche Bundesgesetz ihnen die Thore auch dieser Stadt eröffnete. Woher soll also der Fang von 400 Juden gekommen sein, von welchen sonst durchaus nichts bekannt ist? Bisher hat man in die Zahlen der Missionsgesellschaft hinsichtlich der von ihnen bekehrten Juden kein großes Vertrauen gesetzt — soll man dies nun auch in ihre Zahlenangaben aus der Vergangenheit verlieren? Posen, 27. Aug. (Privatmitth.) In Ergänzung meines Berichts v. 21. d. M. theile ich mit, daß hier bisher 34 verheirathete und 2V unverheirathete, zusammen (mit Frauen und Kindern) 69 Personen ausgewiesen sind. Auch aus mehreren Städten der Provinz sind, wie ich der Pos. Ztg. entnommen, m ehrere Ausweisungen erfolgt, am stärksten in Kempen. Oesterreich-Ungarn. Wie«, 22. August. Die Schlußverhandlung in dem Prozesse Rohling-Bloch findet nun bestimmt im Laufe des Monats November vor dem Wiener Landesgerichte statt. Die Verhandlung verspricht umso interessanter zu werden, als sie sich zu einem Epilog des Prozesses Brimanus gestalten wird. Rohling, welchem der bekannte antisemitische Advokat Dr. Pattai als Bertheidiger zur Seite stehen wird, ist aus dem Orient zurückgekehrt, woselbst er Dokumente gesammelt hat, welche nicht näher präzifirt find, die jedoch als Belege für seine sattsam bekannten Tendenzen dienen sollen. Das hiesige Landesgericht hat zwei Sachverständige bestimmt, und zwar den Professor Nöldeke der orientalischen Sprachen an der Universität Straßburg, und vr. Wünsche aus Dresden, welche ihr Gutachten abgeben sollen, ob die Aeußerungen des Geklagten über die Stellen, welche Rohling aus dem Talmud in seine Schriften übernommen hat, korrekt oder inkorrekt seien. Dieses Gutachten soll dem Vernehmen nach nicht weniger als hundert Foliobogen umfassen und es sollen sich die gelehrten Sachverständigen darin über 400 Sentenzen aussprechen. (Vor den neuen Enthüllungen, die Rohling aus dem Oriente mitgebracht haben will, ist Niemanden bange. Wird er sich vor Fälschungen in Acht nehmen, da man ihm so aufmerksam auf die Finger sieht?) Wien, 24. August. Der „Bossischen Ztg." schreibt man von hier: „Herr von Schönerer hatte mit dem Kreuzzuge, welchen er an der Spitze seines deutsch-nationalen Vereins in das nördliche Böhmen unternommen hat, einen verblüffenden Erfolg. In Kaaden wurde unter großartigem Andrange eine Wanderversammlung abgehalten, in welcher er sein antisemitisch-nationales Programm entwickelte und unter allgemeinem Jubel die Aufgaben des „ unverfälschten Deutschthums" kennzeichnete. „Wir verlangen," erklärte Schönerer, „daß jeder nationale Deutsche auch in der Judenfrage auf Seite des eigenen Volkes stehe. Wir können uns daher auch einen „Deutschen Club" im Abgeordnetenhause nur so denken, daß derselbe nur Deutsche, also weder getaufte noch ungetanste Juden aufnimmt und dies ausdrücklich durch Beschluß kundgiebt." Es ist eine traurige Erscheinung, daß es Herrn von Schönerer gelungen ist, die Deutsch-nationalen auf die Abwege des Antisemitismus zu drängen, die nationale Frage mit der judenfeindlichen Propaganda zu verquicken und dadurch einen Theil treuer Parteigenossen der deutsch-nationalen Fraktion abwendig zu machen. Bis auf den Antisemitismus stimmen die Programme der Deutsch-Nationalen und Schönerer's in politischer und wirthschaftlich-reformatorischer Hinsicht fast ganz überein, und gerade diese Ähnlichkeit bringt I die jüdischen Parteigenossen zu der Ueberzeugung, daß die