Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- Seite 591 (sequence 7)
- Language
- German
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591 gedacht wird. Sonst ist der Gedankt des zu bildenden Vereins ein völlig richtiger, und weist am nachdrücklichsten die antisemitischen Hetzer zurück, die immer und immer wieder behaupteten, die Juden hätten keinen deutsch-natjonalen Sinn Allerdings wird es den deutschen Juden sehr sauer gemacht, ßch diesen deutsch-nationalen Sinn zu erhalten; man denke z. B. nur an die gegenwärtigen Vorgänge in Wien und Nordböhmen — aber wir Juden find und fühlen uns Deutsche und lasten uns unser theures Vaterland von Niemanden rauben, wer es auch sei. Hier wohnten unsere Väter seit Jahrhunderten und theilten das Geschick des deutschen Volkes in Freud und Leid; hier stehen die Gräber unser Väter; hier stand unsere Wiege; die deutsche Sprache ist unsere Mutter* spräche; auf deutschen Schulen erhielten wir unsere Bildung und unser Geist erfüllte sich mit deutschem Geiste. Dies Alles macht uns zu ebenso guten Deutschen wie unsere christlichen Mitbürger, und selbst Mißhandlung aller Art kann uns das nicht entziehen, ja nicht einmal abschwächen, was so tief in unserer Seele wurzelt! Leipzig, im August. (Privatmitth.) Sie haben in der Bornummer von den mit günstigem Erfolge eingeschlagenen Versuchen berichtet, jüdische Gutsbesitzer und Gutspächter in Rußland zu veranlassen, jüdische junge Leute zum Landbau anzulernen und zu verwenden, und wird dieses löbliche Unternehmen, das höchst segensreiche Folgen haben kann, von der Wiener Allianz mit möglichster Kraft unterstützt. Auf denselben Gedanken, aber zum Zwecke der Mission, find jetzt protestantische Missionäre in Rußland gekommen. In der hier erscheinenden Missionszeitschrist „Saat auf Hoffnung" veröffentlicht ein Missionär Dr. H. Lhotzky ein Schreiben, in welchem er bekennt, „daß eine blos predigende und taufende Arbeit unter Israel dort nicht am Platze sein." Die Missionsgesellschaft sucht nämlich die Bedrängniß und das Elend, in welchem die russischen Juden schmachten, zu benutzen, um ihre Zwecke zu verfolgen. Da kommen denn viele gelaufen, die sich die Unterstützungen der Gesellschaft gefallen laffen. Aber diese reichen nicht weit und schließlich kehren viele von den getauften Juden, sobald sie nichts mehr bekommen, zum Judenthume zurück und die Mission sieht sich um die Frucht ihrer Arbeit gebracht. Es ist dies auch ganz natürlich; wo man durch äußerliche Bortheile den religiösen Abfall herbeizuführen sucht, wird man stets die Erfahrung machen, daß mit dem Aufhören dieser äußerlichen Vortheile die Abgefallenen von ihrer neuen Kirche wieder abfallen. Er schlägt daher vor, eine Colonistenschule zu gründen, um Juden zur Landarbeit zu erziehen, sie zu bekehren, und daraus eine jüdische Christengemeinde zu bilden. Es solle daher eine „südrussische Gesellschaft zur Ausbildung christlicher Colonisten, jüdischer Nationalität" mit etwa jährlich 15 000 Rubel gegründet werden. Wir wollen abwarten, was aus diesem Vorschläge werde. In ähnlicher Weise haben die Missionäre in Jerusalem ein Hospital und Asyl und eine Schule, mit Handwerkerwerkstätten verbunden, gegründet. Das Rothschild'sche Hospital und die von der Allianz gegründete Schule mit Unterricht in Handarbeiten traten jenen kräftig entgegen und die Erfolge der Missionäre sind gering. So hoffen wir auch, daß das von der Wiener Allianz unternommene, oben besprochene System zur Heranbildung jüdischer Landarbeiter den Plänen der Mission entgegentreten werde, und empfehlen wir deshalb um so mehr allen theilnehmenden Kreisen, die Wiener Allianz in diesem ihrem erfolgreichen Unternehmen kräftig zu unterstützen, damit es nicht blos bei dem Wollen bleibe, sondern zu That und Wirklichkeit reife. Königsberg, im August. (Privatmitth.) Es find Königsberg und Memel die Plätze, an welchen die nächste und bedeutendste Wirksamkeit für die russischen Flüchtlinge geübt werden konnte und wurde. Es hatten sich dort Comites gebildet, unter dem Vorsitz des Dr. Bamberger in Königsberg und des Dr. Rülf in Memel, welche zwar der Alliance isr. univ. eingegliedert waren, aber selbständig handelten und eine große segensreiche Thätigkeit entwickelten. Wir haben unsere Leser darüber stets aus dem Laufenden erhalten. In dem eben ausgegebenen Bulletin der Alliance isr. univ. für das 2. Semester 1884 und das erste Semester 1885 findet sich ein Bericht des Königsberger Comits vom 1. Juli c. „In Folge, sagt er, der zahlreichen Ausweisungen der Russen, hat sich die Zahl der Schüler, für welche das Comits Schulgeld und Lehrmittel bezahlte, sehr verringert; 1884 gingen sie auf 30 zurück und werden nach den Vorgängen der jüngsten Zeit sich noch vermindern. Bon diesen 30 besuchten 24 die Gemeindeschulen, 6 höhere Lehranstalten. Sobald sie, Knaben und Mädchen, die Schule verlassen, werden sie zu einem Handwerk und Gewerbe auf Kosten des Comitss ausgebildet. Bon diesen Lehrlingen hat die große Mehrzahl sich zur vollen Zufriedenheit betragen, einige arbeiten bereits als Gesellen, einer hat sich etablirt. Außerdem wurden 16 junge Leute theils zum Studium, theils zur Erlernung eines Handwerks unterstützt. Die in jener traurigen Zeit aufgenommenen Waisenkinder sind bis auf eines aus der Obhut des Comitss entlassen. Sie geben sämmtlich Hoffnung auf einen tüchtigen Lebenswandel. Bromberg, 24. Aug. (Privatmitth.) Ihr Berliner Corresp. hat wohl recht, wenn er diejenigen deutschen Blätter geißelt, welche das judengehäsfige Geräusch der „Nowoje Wremja" über die Ausweisungen ins Deutsche übertragen; aber nichts desto weniger ist das Unglück groß, welches auch über zahlreiche jüdische Familien verhängt wird. Auch von hier sind am 21. d. Mts. 31 Familien ausgewiesen worden, so daß sie bis zum 1. Oktober Preußen verlassen haben müssen. Darunter sind auch jüdische Familien, zum Theil