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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-08 · Heft 37 (8.9.1885) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 37 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
Seite 590 (sequence 6)
Language
German
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590 werten, Bergwerten u. s. w. untergebracht. Natürlich wird jeder Ausgewiesene für das „eigenmächtige" Berlaffen Rußlands protokoüirt und in Strafe genommen: zum Theil wird Geldbuße ihnen auferlegt, eventuell Gefängniß zwischen 3 bis 7 Tagen, allein das Strafmaß schwankt auch zwischen 1 und 3 Monaten. Nach Verbüßung der Strafe werden die Leute auf 1 oder 2 Jahre unter Polizeiaufsicht gestellt und erst nach Verlauf dieser Procedur sollen sie in Ruhe gelaffen werden. Wenn die Ausgewiesenen Familie mitbringen wollen, so müssen die Familienmitglieder mit vollständigen Legitimationspapieren versehen sein und die behördliche Erlaubniß, das Familienhaupt zu begleiten, vorzeigen; sie dürfen die Grenze nur an gewissen Stellen überschreiten und müssen unter Einreichung ihrer Papiere um die Erlaubniß einkommen, für immer in Rußland zu bleiben. Die russischen Behörden sollen mit den Leuten ziemlich glimpflich umgehen." — Wie sehr sich die orthodox-protestantische Partei mit Stöcker identifizirt, zeigte die hier tagende Conferenz der orthodox-lutherischen Geistlichen, zu denen sich Kleist-Retzow und Genoffen gesellten. Sie haben folgende Erklärung an Stöcker angenommen: „In dem gewaltigen Kampf der christlichen mit der widerchristlichen Weltanschauung stehen Sie seit Jahren in der vordersten Reihe. Es gehört zu Ihrer Legitimation, daß Sie deshalb geschmäht und verfolgt werden. Der HErr wird die Wunde, welche Sie davongetragen haben, selbst heilen und nach seiner Verheißung Sie unter jenen Schmähungen fröhlich und getrost sein lassen; uns aber, die wir jene Kämpfe mit Ihnen zu kämpfen haben, ist es eine Genugthuung und Pflicht der Dankbarkeit, Ihren Mücken seihenden und Kameele verschluckenden Gegnern gegenüber für Ihre Lauterkeit und Wahrhaftigkeit in Treue einzutreten." Berlin, 29. Aug. Die Antisemiten haben in ihrer gestrigen, in der Biktoriabrauerei abgehaltenen Versammlung zu den bevorstehenden Landtagswahlen Stellung genommen. Stadtverordneter Pickenbach gab als Vorsitzender des Deutschen Antisemiten-Bundes folgende Erklärung ab: „ Die antisemitische Partei Deutschlands ist bei den letzten Wahlen stets mit den Deutsch- Eonservativen gegangen und sie wird auch diesmal nicht die Hand dazu bieten, daß eine Partei Erfolge erzielt, die nicht fest für den Antisemitismus eintritt. Wir sind auch jetzt noch mit dem couservativen Programm einverstanden, wenngleich wir bedauern, daß in diesem Programm die Fudenfrage in keinerlei Weise berücksichtigt ist. Wir find trotzdem bereit, voll und ganz für die Deutsch-Conservativen einzutreten, wenn diese uns eine bestimmte Anzahl Sitze einräumen, groß genug, um selbständig Anträge zu stellen. Wir verlangen auch im Landtag vertreten zu sein, denn nur im Landtag ist eine gesetzliche Regelung der Judenfrage möglich. Wenn uns diese Concesfion nicht gemacht wird, dann werden wir nicht in Berlin, sondern in bestimmten, sichern Bezirken in der Proeigene Candidaten aufstellen. Das Eine erkläre ich, niemals wird der Antisemitismus mit einer Partei Zusammengehen, die nicht königstreu und vaterlandsliebend ist". In Bezug auf den ersten Berliner Wahlkreis sprach Hr. Pickenbach die Erwartung aus, daß es gelingen werde, viele antisemitische Wahlmänner in der 3. Abtheilung durchzubringen, während die beiden ersten Abtheilungen wohl viele Nationalliberale wählen würden. An einem Compromiß mit den Nationalliberalen könne aber nur gedacht werden, wenn Jemand aufgestellt werde, der den Muth habe, sich als Antisemit zu bekennen. Komme es zur Stichwahl, so werden die Antisemiten dem die Stimme geben, der kein Jude sei und für die nationale Politik Bismarcks eintreten wolle. (Das Zutrauen zu den Deutschconservativen scheint nicht allzugroß zu sein. Die Erklärung klingt wie der Trotz des Knaben, den die andern nicht mitspielen lassen wollen. Ob sie im ersten Wahlkreise bei den Nationalliberalen mehr Gegenliebe finden werden?) Leipzig, im August. (Privatmitth.) Der Schlußsatz des Leitartikels in vor. Nr. „Aus studentischen Kreisen" bedarf wohl einer näheren Erklärung. Im Ganzen kann man mit Fug und Recht behaupten, daß in jüngster Zeit die politische Aufregung in der Studentenschaft nachgelassen und man sich wieder mehr den eigentlichen studentischen Zwecken — Wissenschaft und luftiges Leben — zugewendet hat. Die antisemitische Wühlerei hat deshalb in Etwas nachgelassen, womit jedoch der antisemitische Geist durchaus noch nicht verschwunden. Geben wir hier einen Artikel wieder aus der „Leipziger Jllustr. Ztg." vom 1. August: „Nachdem der akademische Gesangverein Arion in Leipzig schon seit Jahren die Aufnahme von Juden verweigert, hat nun auch der studentische Gesangverein Paulus einen diesbezüglichen Beschluß gefaßt. Es kam bei der zu diesem Zweck geplanten Statutenänderung zu einem heftigen Wortgefecht, welches damit endete, daß man den Aufnahmeparagraphen wesentlich verschärfte, sodaß die Aufnahme neuer Mitglieder nicht stattfindet, wenn zehn Stimmen gegen den Aufzunehmenden find. Bekanntlich haben in letzter Zeit auch mehrere studentische Corperationen süddeutscher Universitäten die Aufnahme jüdischer Mitglieder für die Zukunft ausgeschlossen. Im Zusammenhang mit diesem Borgehen scheint ein Auftuf zu stehen, der am schwarzen Bret der Universität Leipzig erschienen ist und die Commilitonen jüdischer Confesfion und deutscher Staatsangehörigkeit zu Bildung eines deutschen Verbandes jüdischer Studirender auffordert, der den nationalen Sinn unter strengster Fernhaltung ftemder Interessen Pflegen will." — Es scheint uns nicht sehr praktisch, daß die jüdischen Studenten mit ihrem Projekte erst gegen Ende des Semesters aufgetreten find, wo das Interesse am studentischen Leben in Stillstand zu gerathen pflegt und nur noch an die Ferien

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