Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- Seite 588 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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588 stände ausführlich geschildert haben. Die Schrift will uns alles dieses andeuten und thut dies durch die einfachen Worte (V. 12, 1): „Es sprach der Ewige zu Abram: Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus deines Vaters Hause nach dem Lande, das ich dir zeigen werde." „Aus deinem Lande" hätte für das Faktum genügt, denn wer sich aus seinem Lande entfernt, verläßt selbstverständlich seinen Geburtsort und seines Vaters Haus. Aber durch diese Aufzählung werden wir hingewiesen auf all' das Theure, von welchem Abraham sich losreißen mußte, auf die schmerzlichen Empfindungen, die er zu überwinden hatte. Dabei wird uns zugleich gesagt, daß Abraham hinauszog, ohne daß ihm das Ziel bewußt war, nach welchem er zu pilgern hätte, also in die unbekannte Ferne hinaus. Hiermit ist uns zugleich angedeutet, daß es schwere, drängende Umstände sein mußten, die ihn bewogen. Nur Eines sagt uns die Schrift noch im folgenden Verse, daß Abraham die Zuversicht in sich trug, welche noch jetzt die Mehrzahl der Auswanderer erfüllt, zu einem glücklichen Ziele zu kommen und in einer zahlreichen Nachkommenschaft eine neue Nation zu gründen. Allem diesem drückt das h. Wort den religiösen und sittlichen Charakter auf. — Einer ganz ähnlichen Ausdrucksweise begegnen wir noch einmal in der Geschichte Abrahams. V. 22, 1 heißt es: „Da versuchte Gott den Abraham" und sprach zu ihm: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Isaak und bringe ihn zum Opfer." Schon in dem Worte r.ü. ist eine ganze Lehre enthalten. Das Wort wird theils dafür gebraucht, daß der Mensch Gott versucht, indem er gegen Uebel murrt, trotzdem daß er schon oft die Hülfe Gottes wahrgenommen (2. Mos. 15, 25. 17, 2. 7., 4. Mos. 14, 22. 5. Mos. 6, 16. 33. 8. und an mehreren Psalmstellen), oder daß man ein Zeichen fordert, ehe man einer prophetischen Aussage Glauben schentt (Jesaias 7, 12. Richter 6, 39.) — theils daß Gott den Menschen versucht, indem er ihm entweder Leiden zuschickt, oder verfängliche Handlungen vorschreibt, damit sich in ihnen die Kraft der Sittlichkeit und Frömmigkeit, der Hingebung und Zuversicht, wie sie in seiner Seele schlummert, entfalte und durch die That zur höchsten Entwickelung komme. (5. Mos. 8, 2., 2. Mos. 16, 4. 20, 17., 5. Mos. 13, 4. Richter 2, 22. Psalm 26, 2.) Unverkennbar ist es auch, daß hierin zugleich die Willensfreiheit des Menschen aufs Deutlichste ausgesprochen ist. da der Mensch, Gott gegenüber, seine Freiheit bethätigt, und durch das fteiwillige Auf- und Hingeben dieser Freiheit an die höhere Pflicht sich zum höchsten Menschenthum erhebt. In den anderen Worten wird nun all' der Sturm der väterlichen Gefühle ausgedrückt. „Nimm deinen Sohn", würde für das Faktum genügen, durch „deinen einzigen, den du liebst, den Isaak" wird uns ein Einblick in das Herz des Vaters, in alle die Momente, welche dieses Opfer aufs Höchste erschwerten, eröffnet. — Wir begnügen uns mit diesen Beispielen und wollen nur noch ein Moment hervorheben. Auch viele der Gesetze und Vorschriften sind in diesem Lapidarstyl abgefaßt. Man bemerke z. B.: „du sollst schlachten" die Thiere, die du genießen darfst. Wie aber dieses Schlachten zu vollziehen sei, ist nicht hinzugefügt. „Binde sie (die Worte des Gesetzes) zum Zeichen an deine Hand und zur Stirnbinde zwischen deinen Augen und schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Thore." Wie aber diese Vorschrift ausgeführt werden solle, ist nicht einmal angedeutet, während die Vorschrift über die Schaufäden viel ausführlicher ist, und sogar ihren Zweck ausspricht. Von unserem Standpunkte aus sehen wir in diesem Lapidarftyle des Gesetzes die weise Vorsicht, die Auffaffung und hiernach die Ausführung des Gesetzes der Entwickelung nach dem Geiste und den Bedürfnissen der Zeiten zu überlassen. So knüpfte sich denn auch gerade an diese Kürze des Schriftwortes die ganze traditonelle Entwickelung. — Noch Eines. Bon diesem Lapidarstyle muß man das Mysteriöse, das Geheimnißvolle, wie es sich hier und da in der Schrift findet, wohl unterscheiden und nicht mit ihm verwechseln. Jener ist trotz seiner Knappheit stets klar, bestimmt, dieses hingegen giebt uns Räthsel auf, die meist nicht zu enträthseln sind. Wir wollen hier nur an 1. Mos. 6, 2 und an 2. Mos. 4, 24 bis 26 erinnern. Bei der Erwägung der letzteren Verse ist nicht zu übersehen, daß sie ein Einschiebsel zwischen V. 23 und 27, die genau Zusammenhängen, sind, zu welchem die letzten Worte des B. 23: „Siehe, so tödte ich deinen erstgeborenen Sohn" die Veranlassung gaben. Eine vollgültige Erklärung der beiden angeführten Stellen hat noch Niemand zu geben vermocht. Das Priucip -es Strafrechts o-er -er Strastweck. 1. Weshalb straft der Staat? Was giebt ihm das Recht dazu? Diese Frage beschäftigte seit alter Zeit die Philosophen und die Rechtslehrer. Wie alle Fragen wurde auch jene sehr verschieden beantwortet; auch über sie theilte man sich in Parteien, die sich heftig bekämpften, und in verschiedenen Zeitaltern waren die verschiedenen Meinungen eine nach der anderen herrschend. Auch heute sind sie noch nicht entschieden und gewinnen erst in der jüngsten Zeit wieder einen Umschwung. Da im Judenthume, von der h. Schrift begründet, das Recht auch eine religiöse Jnstttution ist, so muß es interesfiren, die Schriftlehre über diesen Gegenstand mit den Meinungen der Denker und der Rechtslehrer zu vergleichen. Werfen wir zuerst auf diese einen übersichtlichen Blick. 0 Man theilt die Strafrechtstheorien gewöhnlich 1) Bgl Schopenhauer, die Welt als Wille und Vorstellung, 4. Ausl. Ld. I. S. 413. R. Keßler, die Einwilligung des Verletzten in ihrer strafrechtlichen Bedeutung, Berlin, Guttentag, 1884. Unsre Zeit 1885. II, S. 265 ff.