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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-08 · Heft 37 (8.9.1885) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 37 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
Seite 587 (sequence 3)
Language
German
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587 ES war die erste Entwickelungsstufe der menschlichen Gesellschaft: die nomadifirenden Hirten und die festangefiedelten Landbebauer *). Nebenbei bemerken wir, daß die Schrift das Bebauen des Landes als die ursprünglichste Thätigkeit des Menschen anzunehmen scheint. Denn schon in der Geschichte des Paradieses heißt es (1. Mos. 2,5.): „Der Mensch war noch nicht da zum Bearbeiten des Erdbodens" und V. 15: „Gott versetzte den Menschen in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu wahren"; ebenso heißt es bei der Bestrafung Adams (3, 17.): „Der Erdboden sei verflucht deinethalben, mit Beschwerde sollst du von ihm essen, das Kraut des Feldes sollst du verzehren, im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot verzehren." Mit allem diesem wird nur der Ackerbau als der erste Beruf des Menschen bezeichnet.— Mit der Trennung der Berufsthätigkeit ist das Eigentyum und das Eigenthumsrecht aufs Engste verbunden; die Arbeit ist die Grundlage des Eigenthums, denn das Erzeugniß der Arbeit bildet unzweifelhaft Eigenthum. Aber mit dem Ackerbau dehnt sich der Begriff des Eigenthums aus. Während der Hirt seine Heerde überall hintreibt und hinzutreiben sich für berechtigt halt, wo er Nahrung für sein Vieh zu finden glaubt, kann der Landmann das Einfallen der Heerden in seine Felder nicht gestatten, weil sie ihm die Frucht seiner Arbeit zerstören. Er muß die Grenzen seiner urbar gemachten Marken schützen und vertheidigen. Dies wurde zum Streitpunkte zwischen den nomadifirenden und ackerbauenden Bolksstämmen; hieraus erstand der Kampf zwischen beiden, der sich immer mehr erbitterte und der in der Regel zum Nachtheil der Hirten ausfiel, die von dem sich erweiternden Ackerbau in immer fernere Landschaften verdrängt wurden. Dies bildet den Kernpunkt der Geschichte Kains und Abels. Daß bei beiden der Begriff des Eigenthums vorhanden war, deutet sie an, indem sie Hebel Opfer „von den Erstlingen seiner Heerde" darbringen läßt. Weiter heißt es: „Der Ewige schaute auf Hebel und auf sein Opfer und auf Kain und sein Opfer schaute er nicht; das verdroß Kain sehr und sein Antlitz senkte sich." Man muß hier ftagen, wieso wußte denn dies Kain? Die Antwort könnte nur dahin lauten: er sah die geringe Anstrengung, welche der Hirt zu verwenden brauchte, und doch sehr wünschenswerthe Erzeugnisse gewann an Milch, Fleisch, Wolle und Fellen, während er bei sehr schwerer Arbeit von dem Einfluß der Witterung abhing, oft durch Mißwachs seine Anstrengungen erfolglos blieben, und was er erarbeitete, doch geringeren Werth hatte. In diesen Umständen erblickte er Gunst oder Ungunst der Gottheit, und der Neid regte sich in seinem Gemüthe. Wenn so die Darstellung hier äußerst knapp ist, so verhält sich dies anders mit der 2) Dies ist auch in dem Namen -pp angedeutet, der, von pp abgeleitet, der „Begründer, Schaffer" verstanden werden kann. psychischen und ethischen Seite. Denn der eigentliche Zweck des Berichtes ist im Grunde nicht sowohl das Thalsächliche und Soziale, als das Entstehen der Sünde aus den gesellschaftlichen Verhältnissen zu zeichnen, nachdem die Geschichte des Paradieses den Ursprung der Sünde aus der Sinnlichkeit des Menschen herleitet. Deshalb werden uns die seelischen Zustände: der Neid, derAerger, die Verstocktheit, die Gewissensbisse und der innere Seelenproceß recht deutlich geschildert. Daß sich dieser Streit zwischen dem nomadifirenden Hirten und dem angesiedelten Ackerbauer erst im Laufe der Zeit entwickelte, deuten die Worte (V. 3) an: „es war nach Verlauf von Jahren." Der Ackerbauer war also dem Hirten schon feindlich gesinnt, und es entstand Wortfireit zwischen ihnen, (V. 8) „und Kain sprach mit Hebel seinem Bruder"; dann: „als sie aber auf dem Felde waren", was heißt dies? Nichts Anderes, als der Hirt die Heerden in die Felder Kain's getrieben — denn r-‘r „Feld" ist das urbar gemachte, bebaute Land, wie an zahlreichen Stellen. Dann aber, „als sie auf dem Felde waren," als Hirten und Landbebauer auf der Letzteren Feldern zusammenstießen, „da erhob sich Kain gegen Hebel und erschlug ihn." Die Landbebauer fielen über die Hirten her und brachten ihnen eine schwere Niederlage bei. So war der blutige Kampf zwischen den beiden Berufsklassen ausgebrochen, die menschliche Gesellschaft wurde zum Kriegsschauplätze, ein Kampf, der bis heute noch nicht geschwunden ist. Jndeß muß der an Zahl noch beschränkte Stamm der Landbebauer den Hirtenstämmen auf die Dauer noch nicht haben Widerstand leisten können. Denn wir sehen den Kain unstet und flüchtig, also aus seinen angebauten Wohnstätten verjagt, bis er im fernen Morgenlande einen neuen Sitz fand, wo sein Stamm sich entwickelte, und aus den Ansiedelungen Städte wurden (V. 17.). — Wir meinen, daß wir in obiger Erklärung keinen Midrasch, keine Symbolik, oder Allegorie gegeben, sondern daß sie einfach aus dem Lapidarstyle der Schrift folgerte, was darin angedeutet ist, was sich wie von selbst ergiebt, sobald wir auf den allgemeinen Standpunkt uns versetzen. In ihrem bewunderungswürdigen Lapidarstyle giebt sie uns hier den wichtigsten culturhistorischen Aufschluß sowohl über die älteste materielle und sociale Culturentwickelung, als auch über die psychische und ethischein großem Maßstcibe und in inniger Verbindung.— Ein anderes Beispiel. Abraham sollte aus seinem Laterlande mit den Seinigen hinwegziehen nach einem fernen, ihm noch unbekannten Lande. Dies mußte ihm einen schweren inneren Kampf kosten, wenn man noch dazu erwägt, was es in jener Vorzeit hieß, sich von seinem Stamme trennen, als eine kleine Schaar durch weite Ländersrrccken, mitten durch viele, wenig gastfreundlich gesinnte Völker zu ziehen. Der modernere Schriftsteller würde diesen Kampf, die Motive, die Abraham zu diesem Entschlüsse brachten, und alle nähren Um- 37*

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