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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 577

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 577 (sequence 9)
Language
German
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577 bereitet habe, werde selbst von den ihm vordem befreundeten! Organen zugegeben, wenn beispielsweise das conservative „Deutsche Tageblatt" ihn seines Amtes als Hospredigcr für unwürdig erkläre und der klerikale „Westfälische Merkur" mit ihm als Politiker keine Gemeinschaft mehr wolle. Redner warf dabei auf die agitatorische Thätigkeit Stöckers scharfe Streiflichter; statt Versöhnung und Frieden zu stiften, wie cs sein Beruf verlange, habe er durch seine antisemitischen Hetzereien den Klassen- und Eonfessionskrieg entfesselt. Damit schloß Redner unter stürmischem Beifall der Versammlung seinen etwa 1'/-, ständigen Bortrag, welcher wohl bei jedem unbefangenen Hörer den Eindruck gemacht hat, daß die Position des Herrn Hofpredigers durch die von ihm und wider ihn angestrengten Prozesse eine recht erbarmenswerthe geworden ist. Nur Herr Pfarrer Frauer von Jlsfeld schien r>as nicht einzusehen; denn „Anders als sonst in Menschenköpfcn Malt sich in diesem Kopf die Welt!" und so erhob er sich denn, um für den „verunglückten Hofpredigcr" und Amtsbrndcr Zeugniß abzulegen. Ec bedauerte, daß sich niemand anders zur Bcrtheidigung Stöckers gemeldet habe, indem er die verschiedenen dem Betreffenden zur Last gelegten Verstöße gegen die Wahrheit als JrrthÜrner, die jedem Menschen passiren könnten, zu entschuldigen und Stöcker von dem Verdacht des fahrlässigen Falscheids zu entlasten versuchte. Die Ausführungen des ländlichen Theologen fanden indessen keinen Anklang bei der Versammlung und hatte der Vorsitzende viel Mühe, den Widerspruch und den Unwillen zu dämpfen, welchen die Sprüchlein des geistlichen Redners bei den Hörern hervorricfen. Zu Ehren des Herrn Frauer ist indessen anzunehmcn, daß cs ihm mit der Behauptung, solche „Jrrthümcr", wie sie dem Herrn Hospredigcr unterliefen, „Jedermann", also auch dein Herrn Pfarrer von Jlsfeld passiren könnten, nicht so völlig Ernst war! Nach diesem tragikomischen Zwischenspiel bestieg, von der Versammlung mit stürmischem Beifall begrüßt, unser Ncichstagsabgeordneter, Herr Härle, die Rednertribüne, um seine Verwunderung darüber auszusprcchen, daß sich nach dem eklatanten Ausgang des Prozesses noch Jemand sinde, der die Stöcker'schen Fehltritte zu beschönigen suche. Für ihn (Redner) und seine Parteigenossen sei der Richterspruch allein maßgebend und dieser sei nichts anderes als ein Berdammungsnrtheil. Nachdem Herr Perl s einzelne Behauptungen des Herrn Frauer noch widerlegt hatte, schloß die wohlgelungene Versammlung kurz vor Mitternacht. Die „Hoffnung", welche Tags zuvor angeblich „viele evangelische Christen" in der „Neckarzeitung" laut werden ließen: „daß kein anständiger Bürger an einer Versammlung theilnimmt, in der es sich wahrscheinlich darum handelt, daß eine hochachtbare Persönlichkeit, der Hofprediger Sr. Majestät des Kaisers, von Nicht-Glaubensgenossen seiner Ehre beraubt werde", diese Hoffnung ist glänzend zu Schanden gemacht worden, da die Versammlung, wie schon erwähnt, außerordentlich zahlreich und ans allen Klassen der Bürgerschaft besucht war. Den „vielen evangelischen Christen" sucht jetzt Herr Pfarrer Frauer eine andere Gelegenheit zu eröffnen, ihrer Verehrung für mehrbesagte „hochachtbare Persönlichkeit" in Thaten Luft zu machen, indem er in der Ncckarzeitung folgenden Aufruf veröffentlicht: „Die evangelischen Christen, welche der gestrigen Versammlung im Sonnensaale nicht angcwohnt haben, lade ich ein, ihrer Gesinnung für Stöcker thatsächlichen Ausdruck zu geben durch nachträglichen Beitritt zu der von Tausenden Unterzeichneten Erklärung und durch Betheiligung an der für Zwecke der Berliner Stadtmission ihm darzubringenden Ehrengabe. Den 16. August 1665. Pfarrer Frauer in Jlsfeld (welcher zeichnet 10 Mark)." Es ist den guten Leuten, welche sich an dieser „Ehrengabe" betheiligen werden, nur zu wünschen, daß ihre Zehnmarkstücke bei den cigcnthümlichen Vcrrechnungsvcrhältnissen i in den von Herrn Stöcker verwalteten Kassen nicht in eine i falsche Rubrik gcrathen, und anstatt für die Berliner Stadtmission, etwa für christlich-sociale Wahlagitationen verpufft werden!" — Aus Bayern, im August. (Privatmitth.) Wie cs an manchen Orten im Baycrlandc sieht, mögen Ihnen folgende Vorfälle zeigen. In einer größeren Gemeinde soll eine Lehrerstelle besetzt werden. Unter zahlreichen Bewerbern wird ein äußerst tüchtiger, bewährter Lehrer aus der Pfalz gewählt. Da protcstirt der junge, hypcrorthodoxe Ortsrabbiner gegen die Wählbarkeit dieses Lehrers, weil er am Sabbath einen Stock getragen — man ist gespannt ob die Gemeinde dem Rabbiner nachgiebt. — An einem andern Orte hat ein recht verdienstvoll wirkender Lehrer sich verleiten lassen, am Sabbath Karten zu spielen — alsbald dringt der Ortsrabbiner auf Absetzung deffelben, der noch dazu eine zahlreiche Fa-! milie hat. Die königl. Bczirksregierung fordert ein Gutachten vom Rabb. Grünbaum. Dieser mißbilligt das Verfahren : des Lehrers, erklärt sich jedoch für einen ihm zu crtheilendcn ^erweis, und gegen die Absetzung, die durch eine einmalige! unpaffende Handlung nicht motivirt sei. Aus Schlesien, 16. Aug. Das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Inden in Preußen schreibt vor, daß zur Anstellung von Ausländern als Knltusbeamtcn die Genehmigung des Ministers des Innern erforderlich ist. Die Ausweisung der russischen llnterihanen aus Preußen Hai nun auch einige 36

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