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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 574 (sequence 6)
Language
German
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574 Anwendung finden, weil die polnischen Abgeordneten erklärten, nur unter dieser Bedingung für dieselbe zu stimmen. Das ist also, im Gegensätze zu „der unlauteren Moral des Judenthums", „christlich" gehandelt, daß man Andern ein Gesetz aufbürdet, von dem man selbst verschont bleiben will. Schade, daß die Herren vor dem Talmud solche Angst haben und schade, daß der alljährlich wiederholte Antrag ihres Abgeordneten Merunowicz, den Talmud auf Staatskosten übersetzen zu laffen, um seine Gefährlichkeit aller Welt zu documentiren, bisher keinen Erfolg gehabt hat, sonst konnten sie von der durch Hillel ausgesprochenen Moral profitiren: „Was Du nicht willst, das Dir geschehe, thue einem Andern nicht." Allerdings dürfen wir zur Ehre der Wahrheit nicht verhehlen, daß einer der hervorragendsten polnischen Führer, der Abgeordnete Hausner, im Reichsrathe erklärt hat, die Emancipation der Juden sei ebenso wie die Aufhebung der Leibeigenschaft eine geschichtliche Thatsache, an der alles „antisemitische Gekläffe" nichts ändern wird. Leider secundiren auch die Deutschen Galiziens ihren polnischen Nachbaren ganz wacker. So hat, um nur eines zu erwähnen, der Director eines deutschen Gymnasiums in Czernowitz, welches zumeist von Juden besucht wird, in einer Anmerkung zu dem statistischen Bericht für nöthig befunden zu erklären, daß dieses unnatürliche Verhältniß — das Ueberwiegen der Juden — hoffentlich sein Correctiv durch Gründung einer Handelsschule finden werde. Man kann sich denken, wie dieser ehrenwerthe Pädagog seinen Schülern begegnet. Neben den Polen wären die Czechen zu nennen, welche die Juden bald mit Drohungen, bald mit Schmeicheleien behandeln. Kommt es zu Wahlen in gemischtsprachigen Orten, dann werden „unsere Herren israelitische Mitbürger" an die brüderliche Gesinnung erinnert, welche das böhmische Volk gegen sie immer hegte nud es werden ihnen goldene Berge versprochen, wenn sie dem Beispiele ihrer Glaubensgenosien in Ungarn, Frankreich und England folgen und sich der herrschenden Nationalität amalgamiren wollen. Ist aber an einem solchen Orte eine Wahl zu Gunsten der deutschen Candidaten ausgefallen, dann wehe den Juden, sie werden angegriffen, bedroht und lächerlich gemacht in allen Tonarten. Am schlimmsten geht es dabei den Juden in Mähren, welcke bei den starken MischungSverhältniffen zwischen Deutschen und Slaven, besonders in den Städten, oft den Ausschlag geben. Da hat z. B. ein Abgeordneter darüber geklagt, daß an einem Gymnasium in Mähren nur eine kleine Majorität Deutsche und unter diesen wieder die Mehrzahl Juden seien, als wären die Juden nicht berechtigt, ihre Kinder in die Schulen zu schicken, die von öffentlichen Geldern, also auch von dem Steuergulden der Juden unterhalten werden. Das Organ der mährischen Czechen veröffentlichte nach den Wahlen einen Leitartikel, in welchem es über den Undank der Juden bittere Klage führt und zum Schluß ausruft: „Jedem das Seine, kauft nur von Christen". Unter solchen Umständen sollten sich die Herren eigentlich nicht wundern, wenn die Juden den Sirenenstimmen vor den Wahlen mißtrauen. So sieht es in nationaler Beziehung aus; die Slaven und Magyaren bekämpfen die Juden als Förderer des ihnen verhaßten deutschen Elementes und die Deutschen weisen sie als Fremde zurück! Woher kommt das? Einfach daher, weil durch das parlamentarische Leben an Stelle der absolutistischen Willkür der Terrorismus der Parteien getreten ist, welcher den Schwächsten immer am fühlbarsten wird. Jede Partei sucht die Macht zu gewinnen und braucht zu dem Zwecke Schlagworte, um die Massen gefangen zu nehmen, und die Idee von der allgemeinen Berjudung ist ein solcher Popanz, wie die angebliche Thatsache von dem Emporkommen der Juden auf Kosten der Christen geeignet ist, auf die Mafien zu wirken. Der arme Mann ist die Majorität der Bevölkerung; auf ihn wird von allen Seiten Jagd gemacht, und am meisten von der unberufensten, nämlich von den feudalen Junkern. Diese Männer, welche seinerzeit selbst durch Robot und Zins die Bauern aussaugten, welche jetzt noch den landwirthschaftlichen Arbeitern Hungerlöhne bezahlen und sie dadurch zwingen, ihre Heimath zu verlaßen und in den Jndustrialorten nach Fabrikarbeit zu suchen, sind es, welche am lautesten über die Ausbeutung des Volkes durch die jüdische Capitalswirthschaft schreien. Ihnen zunächst steht die Menge der kleinen Gewerbsleute, welche den Juden gerne duldeten, wenn er nicht gerade ihr Handwerk triebe - und es dazu mit größerem Geschicke anfaffen würde als sie. Die Leute sind zu sehr die guten alten Zunstzeiten gewohnt, wo das Gesetz ihnen die Concurrenz im Orte vom Halse hielt, wo die Verkehrsmittel Concurrenz von außen unmöglich machten und wo es demgemäß leicht war bei geringer Arbeit zu einem respectablen Vermögen zu kommen. Darum sollen zuerst die Juden weichen, denn sie haben nicht den richtigen Begriff von der Ehre des Handwerks, sie fassen Alles in ihrer schachernden Weise auf, oder wie der erfahrene Bär Atta Troll das seinen Kindern sagt: „Denn der Sinn für Stil, für strenge Plastik der Bewegung, fehlt jener Race, sie verdürben den Geschmack des Publicums." Auf diese folgen wieder Arbeiter und Bauern. Diese sind, man mag sagen was man will, die Hätschel-Kinder der Gesellschaft. Weil ihre Arbeit eine äußerliche, für alle Welt erkennbare ist, so ist alle Welt geneigt, sie zu bemitleiden, weil sie die große Masse der Bevölkerung bilden, theilt sich ihr Nothstand leichter aller Welt mit und ist von größeren Wirkungen für den nationalökonomischen Zustand eines Staates oder einer Gegend, als das bei dem Nothstande einer anderen Classe von Menschen, etwa bei Kaufleuten, Industriellen rc.

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